von Wolfgang Clement
Es ist aufregend, sich mit den verschiedenen Sichtweisen zu beschäftigen, die von anerkannten Experten auf unser Weltgeschehen gerichtet werden.
Es ist aufregend, sich mit den verschiedenen Sichtweisen zu beschäftigen, die von anerkannten Experten auf unser Weltgeschehen gerichtet werden. Je größer die Herausforderung, desto größer die Aufregung. Man nehme nur das Thema Erderwärmung und führe sich beispielhaft zwei Expertenrunden vor Augen.
Da sind auf der einen Seite die Klimaforscher, die in zähem Ringen zu der heute beinahe einhelligen Einschätzung gekommen sind, der Klimawandel sei Menschenwerk. Sollten die Staaten der Welt nicht zu radikalen Gegenmaßnahmen bereit sein, so trieben wir einer Katastrophe entgegen.
Dieser Sichtweise, die seit Kyoto die „Weltgipfel“ beherrscht, stehen auf der anderen Seite beispielsweise acht internationale Ökonomen gegenüber, unter ihnen drei Nobelpreisträger, die der – bei Umweltschützern verschriene – dänische Statistiker Bjørn Lomborg im Jahr 2004 in Kopenhagen zu einer „Konsensrunde“ zusammenholte, um eine Prioritätenliste der wichtigsten globalen Probleme zu erarbeiten. Für diese Runde war der Kampf gegen das HI-Virus wichtiger als alles andere. Auch Maßnahmen gegen Malaria oder der Abbau von Handelsbarrieren seien wichtiger als die Klimapolitik, die sie ganz ans Ende ihrer Prioritätenliste setzten.
Man muss ihnen natürlich nicht folgen. Aber wie immer, wenn sich ein politischer „Mainstream“ zu einem gesellschaftlich bedeutsamen Thema entwickelt, ist es ratsam, die Mindermeinungen zumindest zu wägen. Nur die Skeptiker können einigermaßen verlässlich gewährleisten, dass alle Aspekte eines Problems im Blick bleiben, und nur so entsteht ein Spannungsbogen der Informationen, Erkenntnisse und Meinungen, der neue Lösungswege sichtbar macht.
So ist die Erderwärmung ein heute nicht mehr bestreitbares Faktum. Und mutmaßlich richtig ist auch, dass dies Menschenwerk ist, wofür ja schon das Anwachsen der Weltbevölkerung spricht. Aber wie die Kopenhagener Konsensrunde habe auch ich wachsende Zweifel, ob denn die Vorgehensweise des Kyoto-Protokolls mit seinen zentral verordneten und kontrollierten CO2-Einsparmodellen wirklich vernünftig ist und Gutes bewirkt. Sie ist bürokratisch. Sie ist nicht marktwirtschaftlich, sondern ein marktwirtschaftliches Kunstprodukt. Und sie kostet dramatisch viel Geld.
Bjørn Lomborg vertritt deshalb die Ansicht, mit einem Bruchteil davon ließe sich wesentlich mehr auf ökonomisch vernünftigere Weise bewirken. Sein Konzept: Alle Staaten der Erde stellen 0,05 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Erforschung von CO2-freien Energietechnologien zur Verfügung. Das ergebe 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr, ein Achtel des Kyoto-Protokolls. Das könne einen ertragsstärkeren Impuls für das Ideal einer möglichst CO2-freien Welt auslösen und diene zugleich dem Wirtschaftswachstum, auf das wir zum Kampf gegen den Hunger auf Erden angewiesen sind.
Fragen wird man dürfen: Spielt in der Klimadebatte, namentlich in Deutschland, nicht tatsächlich zu viel fundamentalistische Weltverbesserung eine Rolle? Vertrauen wir eigentlich noch unseren Forschern und Entwicklern, ihren technischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten? In der Nuklear- und Kohleforschung, in der Entwicklung neuer Antriebstechniken, in der Effizienzsteuerung? – Man verachte die Skeptiker der offiziellen Klimapolitik nicht. Diesmal sind sie die wahren Optimisten.
Wolfgang Clement war von 1998 bis 2002 Ministerpräsident von NRW und von 2002 bis 2005 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Er leitet als Chairman das Adecco Institute in London. Clement lebt in Bonn
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