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Teil 1 der Serie "Welcome to your brain"
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09.03.2010
Welcome to Your Brain: Der 10-Prozent-Mythos
von Sandra Aamondt, Samuel Wang

Wer zufällig ausgewählte Personen fragt, was sie über ihr Gehirn wissen, dürfte am häufigsten die Antwort erhalten, dass wir nur 10 Prozent seiner eigentlichen Kapazität nutzen. Bei dieser Aussage stehen den Neurologen auf der ganzen Welt die Haare zu Berge.

Teil 2: Bei Sonnenlicht niesen
Teil 3: Posttraumatische Belastungsstörung
Teil 4: Mythos "Intelligenz aus Gehirnfalten"
Teil 5: Spiegelneuronen
Teil 6: Sex und Liebe I
Teil 7: Sex und Liebe II
Teil 8: Sex und Liebe III

Der Mythos von den 10 Prozent kam vor mehr als hundert Jahren in den Vereinigten Staaten auf und mittlerweile glaubt ihn selbst im fernen Brasilien die Hälfte der Bevölkerung. Für Wissenschaftler, die das Gehirn erforschen, ergibt die Vorstellung jedoch überhaupt keinen Sinn; das Gehirn ist ein sehr effektiv arbeitendes Organ, und allem Anschein nach sind so gut wie alle Teile davon unverzichtbar. Wenn der Mythos sich so lange halten konnte, drückt er vermutlich etwas aus, das wir gerne hören möchten. Die beeindruckende Hartnäckigkeit mag mit der optimistischen Botschaft zusammenhängen: Wenn wir normalerweise nur 10 Prozent unseres Gehirns nutzen, was könnten wir dann vollbringen, wenn wir nur einen winzigen Teil der übrigen 90 Prozent nutzen könnten! Diese Vorstellung hat gewiss ihren Reiz und ist in gewisser Weise auch demokratisch. Wenn jeder über so große Reservekapazitäten verfügt, dann gibt es letztlich gar keine dummen Menschen, sondern nur unendlich viele potenzielle Einsteine, die nicht gelernt haben, einen größeren Teil ihres Gehirns zu nutzen.

Selbsthilfegurus haben sich diese Art von Optimismus zunutze gemacht und unzählige Programme zur Verbesserung des Denkvermögens verkauft. Dale Carnegie steigerte in den vierziger Jahren damit die Absatzzahlen seiner Bücher und beeinflusste seine Leser. Er verlieh dem Mythos einen enormen Schub, indem er den Gedanken einem Gründervater der modernen Psychologie zuschrieb: William James. Dabei hat niemand jemals die Angabe 10 Prozent in den Schriften oder Vorträgen von James entdeckt. Er teilte seiner breiten Zuhörerschaft lediglich mit, dass die Menschen über größere mentale Ressourcen verfügen, als sie wirklich nutzen. Womöglich ließ ein besonders eifriger Zuhörer die Idee wissenschaftlicher klingen, indem er eine konkrete Prozentzahl einfügte.

Unter Menschen, die sich für außersinnliche Wahrnehmung (ASW) und andere parapsychologische Phänomene interessieren, ist die Vorstellung besonders stark verbreitet. Die Anhänger versuchen häufig, mit dem Zehn-Prozent-Mythos die Existenz solcher Fähigkeiten zu erklären. Einen Glauben, der außerhalb des Reichs der Wissenschaft liegt, auf eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache zu stützen, ist nichts Neues, besonders empörend ist es allerdings, wenn selbst die «wissenschaftlich erwiesene Tatsache» bekanntermaßen falsch ist.

In Wirklichkeit nutzt jeder Mensch tagtäglich sein ganzes Gehirn. Wenn große Teile des Gehirns niemals genutzt würden, dann würde eine Beschädigung dieser Bereiche keine merklichen Probleme nach sich ziehen. Aber das ist ganz eindeutig nicht der Fall! Funktionelle Bildgebungsverfahren, die eine Messung der Hirnströme gestatten, belegen ebenfalls, dass schon einfache Aufgaben eine Aktivität im gesamten Gehirn auslösen.

Die Entstehung des Zehn-Prozent-Mythos lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Funktionen bestimmter Gehirnregionen so kompliziert sind, dass ein Schaden sehr subtile Auswirkungen hat. Zum Beispiel können Menschen mit einer Schädigung des Frontallappens der Hirnrinde die meisten normalen Tätigkeiten des täglichen Lebens noch ausüben, aber sie wählen nicht das korrekte Verhalten in dem jeweiligen Umfeld. Es könnte etwa sein, dass ein solcher Patient mitten in einer Konferenz aufsteht und in eine Topfpflanze in der Zimmerecke pinkelt. Diesem Menschen dürfte es schwerfallen, sich in der Welt zurechtzufinden.

Frühe Neurologen konnten den Zweck der vorderen Gehirnregionen möglicherweise deshalb nicht erkennen, weil sie mit Labormäusen arbeiteten. Im Labor führen Mäuse ein sehr simples Leben. Sie müssen lediglich imstande sein, ihr Fressen und Wasser zu erkennen, zum jeweiligen Napf zu laufen und es zu sich zu nehmen. Darüber hinaus brauchen sie keinerlei Fähigkeiten, um zu überleben. Keine einzige dieser Tätigkeiten nimmt die vorderen Regionen des Gehirns in Anspruch, und einige frühe Neurologen stellten die These auf, dass diese Regionen womöglich nicht allzu viele Aufgaben haben. Später haben raffinierte Experimente diese Ansicht widerlegt, aber der Mythos hatte bereits Fuß gefasst.

Ein Auschnitt aus:
Sandra Aamodt, Samuel Wang:
"Welcome to your brain. Ein respektloser Führer durch die Welt unseres Gehirns"
C. H. Beck Verlag, München 2008

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Leserkommentare
Peter Silie (Cottbus) 11.03.2010
Sicherlich benutzen wir mehr als 10%. Aber es geht und ging niemals um eine regionale
Einteilung. Von daher ist der Ansatz dieses Artikels voll daneben. Ein normaler Mann kann auch leicht 50KG mit seinen Armen hochheben, nur tut er das nicht täglich. Von daher ist diese Fähigkeit "ungenutzt"
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