Brilliant gealtert, der Mann: Indiana Jones jagt wieder
21.05.2008
Die alte Peitsche ist zurück von Constantin Magnis
Neunzehn Jahre mussten wir warten, auf den alten Gauner mit der Lederpeitsche: Jetzt haben Steven Spielberg und George Lucas ihre größte Erfindung zurück auf die Leinwand geschubst: Indiana Jones steht wieder. Der Film ist ein einziger Kindergeburtstag.
Verdammt noch mal, Indiana Jones, du alter Grabräuber, du Teufelskerl, da bist du wieder! Dieser Haudegen, mit Fliegerjacke, Schlapphut und Lederpeitsche, war – das kann man ruhig so sagen – für alle halbwegs gesunden Kinder der 80er die Mutter aller Helden. Härter als He-Man, entspannter als Rambo, besser angezogen als Robocop, lustiger als James Bond, der Beste halt. Das Playmobil Piratenschiff in der Spielzeugkiste der Leinwand-Alpha-Männchen.
Und jetzt, 19 Jahre nach dem letzten Indy-Film, kommt der Typ einfach so wieder um die Ecke gebogen. Steven Spielberg hat ihn uns gegönnt, der Gute. Und er setzt ihn uns vor, wie ein Vater, der seinem Rotzlöffel ein Geschenk macht. Eines, von dem er weiß, was für eine Kinderfreude es auslösen wird. Wenn die Filmfanfare losbrettert, wenn das „täterätää, tääterää“ durch den Kinosaal scheppert, dann sieht man den Regisseur fast schon erwartungsvoll grinsen. Na klar wissen wir, was gleich kommen wird. Aber lieber noch ein bisschen die Vorfreude steigern, lieber erstmal zehn Minuten lustvolles Vorspiel, bis der verwegene Schatten des Mannes auf die Leinwand fällt, bis sein öliger Hut vom Kopf in den Staub auf der Mitte der Bildfläche rollt. Und wenn er dann schließlich vor einem steht, in seiner ganzen, über die letzten Jahre gerunzelten Pracht, dann muss man sich aufgeregt hin- und herbewegen vor Freude, man kann nicht anders. Ob der restliche Film dann der Hammer ist, oder ein alberner Klamauk, spielt eigentlich keine Rolle mehr. Man hat ihn nicht zu verreißen. Er ist ein Geschenk.
Natürlich ist „Indiana Jones und das Königreich der Kristallschädel“ trotzdem ein Klamauk, totaler Quatsch. Das waren die Filme um den abenteuerlustigen Schwerenöter und Archäologen Henry Jones auf seiner Jagd nach prähistorischen Schätzen immer schon. Deshalb hat man sie sich ja angeschaut. Die Story in drei Sätzen: Junger, wilder James Dean Verschnitt (Shia LaBeouf) bringt Indy (Harrison Ford) auf die Spur eines mysteriösen Kristallschädels mit geheimnisvollen Kräften. Grimmig dreinschauende Sowjets, angeführt von der sinistren Parapsychologin Irina Spalko (Cate Blanchett) wollen das Ding selbst haben, zwecks Welteroberung, versteht sich. Nach dem krachenden Showdown in einer angemessen mystischen, peruanischen Tempelanlage ist allen Bösewichtern der Garaus gemacht worden und das Ding - wie jede Trophäe, am Ende jedes Indy Films - weg.
Harrison Ford ist älter und weiser geworden und mit ihm auch der nostalgische Held, den er verkörpert. Wir befinden uns diesmal nicht wie sonst in den 30’ern, sondern mitten im kalten Krieg: Der Film spielt 1957, im Jazz Age, dem Atomzeitalter, der Epoche der Beat Generation. Den düstere Farbton der Original-Sets hat Spielberg liebevoll mit dem poppigen Retro-Pastell der amerikanischen 50’er vertauscht und die „bad guys“ sind nicht mehr die Nazis, sondern eben die Russkis der Sowjetunion. Sehr zeitgemäß auch das Objekt, für das Indiana Jones mit den Sowjets auf den Fersen nach Peru jagt: Die kultischen Schätze der christlichen, hinduistischen oder jüdischen Tradition sind abgelöst worden, vom vergleichsweise banalen Schädel eines Außerirdischen, wie sich herausstellt.
Im Übrigen erlauben sich Spielberg und der alte Produzent George Lucas etwas, das bis dato in den allermeisten Sequels großer Kinoerfolge - zuletzt der ganz schrecklichen, neuen Star Wars Trilogie - nach hinten losging: Die pausenlose, kindische Selbstreferenz. Wenn bei der Flucht aus einer militärischen Lagerhalle ganz nebenbei die Bundeslade aus einer Holzkiste kippt (für die in «Jäger des verlorenen Schatzes» noch eine ganze Nazi-Division sterben musste), wenn das Russenauto auf den Campus gegen die Statue von Marc Brody (Indys verstorbenem Mentor) kracht, wenn Marion Ravenwood (seine alte Flamme) aufkreuzt und beim Gedanken an vergangene Eskapaden mit den Augen rollt, dann verweist Indiana Jones nicht mehr wie bisher auf die Abenteuer-Comics der 40er Jahre. Er verweist auf sich selbst.
Das nervt nur deshalb nicht, weil „Das Königreich des Kristallschädels“ wie eine letzte Auferstehung vor der eigentlich längst vollzogenen Himmelfahrt eines ganzen Universums vergangener Kinokultur ist: Der Welt des handgemachten, aufgeblasenen, aufregenden Action-Kinos der alten Schule, in dem die Helden noch Kindsköpfe sein durften. Anständige „rebel heroes“ wie Indiana Jones hatten noch nichts am Panama-Hut mit Selbstfindung, der Suche nach dem Ich oder der Rückkehr in verlorene Heimaten. Im Gegenteil, sie wollten raus, aus dem stinklangweiligen Bürgertum und rein, dorthin wo es schmutzig ist und weh tut: An verwunschene, exotische, gefährliche und sagenumwobene Orte.
Das Peinliche ist, dass Indiana Jones im Zeitalter der Billigflieger und Round-the-world-tickets einen wesentlichen Teil seiner Existenzberechtigung verloren hat. In den 80ern reiste Indy uns noch voraus, erforschte stellvertretend für uns die fantastischsten Regionen der Welt. Staunend folgten wir der nostalgischen, roten Linie, die im Film auch jetzt noch seine Reiseroute auf der vergilbten Weltkarte markiert. Er infizierte eine ganze Generation mit dem Reisefieber und hat sich damit selbst ins Bein geschossen. Ein rostiges Flugzeug transportiert ihn diesmal an Orte, die mittlerweile im Südamerika Lonely Planet auf der „Highlight“ Liste stehen: Die Nazca Linien in Peru, den Rio Amazonas oder den Ursprungsort des mysteriösen Kristallschädels – eine Kreuzung aus Machu Pichu und den Iguazu Wasserfällen. Dorthin also, wo sich heute Heerscharen von Backpackern mit Digitalkameras tummeln, einen in der Sonne kiffen und vieles wollen, nur keinen Stress. Sorry, Indy.
Was bleibt, ist das Altbewährte, das Unzerstörbare, sind die Hard Skills aller Indiana Jones Filme: Verfolgungsjagden in zerbeulten Militärjeeps, aus denen uniformierte Männlein brüllend in kilometertiefe Schluchten purzeln, die nörgelnde femme fatale, minutenschnell gelöste Rätsel in modrigen Katakomben, fiese Insekten die aus den Löchern verwitterter Grabkammern krabbeln, grauslige Mumien, Indys klatschende Faust auf der Nase größenwahnsinniger Schurken, moosige Labyrinthe mit verborgenen Öffnungsmechanismen und neurotische Ethno-Krieger: Ein gigantischer Kindergeburtstag. Eine Achterbahn, die 19 Jahre lang stillstand. Sie läuft noch wie geschmiert. Gott sei dank.