von Wolfram Eilenberger
Zwischen Mythos und Wirklichkeit: Über die wahren Gründe unserer EU-Verdrossenheit.
Die Europäische Union, daran besteht kein Zweifel, hat ein tief greifendes Imageproblem. An ihren Errungenschaften und Leistungen kann dies nicht liegen. Die EU des Jahres 2009 bezeichnet ein weltgeschichtliches Optimum. Niemals in der Geschichte unserer Art ging es 500 Millionen unter einer Ordnung vereinten Menschen besser, niemals waren sie freier, niemals gesünder und besser ausgebildet, nie friedlicher. Dennoch erfährt der Staatenbund von seinen eigenen Bürgern kaum Anerkennung, geschweige denn ehrliche Zuneigung. Warum nur?
Der Hauptgrund des Skandals dürfte in dem mythischen Bild liegen, das unser Kontinent sich seit seinen Anfängen von sich selbst zu machen pflegt. Nichts, so die These, hat dem öffentlichen Ansehen der EU mehr geschadet als die kulturelle tief verankerte und nach wie vor politisch betriebene Gleichsetzung des Staatengebildes mit einer lose bekleideten Jungfrau, deren vielfältigen Reizen selbst mächtigste Götter nicht widerstehen können. Es ist diese mythische (Männer-)Fantasie, die bis heute eine notwendig enttäuschende Diskrepanz zwischen Wunsch und alltäglicher Erfüllung erzeugt. In der sogenannten Wirklichkeit nämlich erblickte Europa 1957 mit den Verträgen von Rom das Licht unserer Welt, ist also mittlerweile 52 Jahre alt. Kein leichtes Alter – für eine Frau.
Gewiss, gebildet und von gepflegter Erscheinung spricht sie mehrere Sprachen fließend, ist finanziell unabhängig, eine intelligente, weltoffene Nichtraucherin, gesund und reiselustig, mit Sinn für Ironie und das Schöne, aber geben Sie das einmal als Kontaktanzeige auf und setzen ans Ende: Alter 52. Die Wahlbeteiligung wird mehr als enttäuschend ausfallen.
Die wenigen ernsthaft Interessierten erweisen sich als pensionierte Oberstudienräte, die ihren Lebensabend damit verbringen, nörgelnde Leserbriefe oder Amtsbeschwerden zu verfassen. Als Frau von 52 Jahren schaffen Sie es in unserer Mediengesellschaft in keine Castingshow, ja werden noch nicht einmal zu Quizsendungen eingeladen. Wenn überhaupt, finden Sie sich zur Hauptsendezeit in der Rolle der spitzlippigen Kommissarin mit Alkoholproblem wieder – was durchaus übertragen zu verstehen ist. So läuft nun mal das Business. Und wenn Sie diese Diagnose nun für zynisch oder gar sexistisch halten, so sei hinzugefügt, dass es hier nicht nur allein um Kriterien geht, nach denen Männer ihre Fantasien gestalten, sondern auch Chefredakteure ihre Magazine, vor allem aber um Kriterien, nach denen Sie, geschätztes Publikum, ihre Kaufentscheidungen am Zeitungskiosk ausrichten.
Das mangelnde Interesse liegt wohl an der existenziellen Situation der Frau über 50. Wovon soll sie auch noch träumen? Die Kinder sind aus dem Haus, der Erziehungsauftrag erfüllt, die Beziehung zum Partner im besten Fall von friedvollem Desinteresse geprägt, sind die einst erregenden Vorteile der Union doch erst vertraut und schließlich fad geworden. Die Wechseljahre scheinen ohne größere Komplikationen überstanden. Sie ist, es ließ sich nicht vermeiden, ein bisschen aus dem Leim gegangen. Auch im Arbeitsleben sind die großen Sprünge lange gemacht (jedenfalls kommen sie jetzt nicht mehr), was für die kommenden Jahrzehnte vor ihr liegt, ist damit im besten Fall die Verwaltung des Status quo, der in Wahrheit doch Atrophie bedeuten muss. Eigentlich gewollt erfährt sich die Frau über 50 lediglich in der Rolle der wohlsituierten Tante, die jüngeren Familienmitgliedern bei feierlichen Anlässen mal einen Zwanziger in die Tasche steckt oder gar einen Studienaufenthalt im Ausland finanziert, womit die Erwartungshaltung, die eine Mehrheit der Europäer gegenüber ihrer Gemeinschaft pflegt, beschrieben wäre.
Ganz schuldlos ist sie daran nicht. Nüchtern und handlungsbezogen tritt sie uns im tiefblauen Tantenkleid meist mahnend und mit dem Zusatz entgegen, doch eigentlich nur das Beste zu wollen, eine Mischung aus Prusseliese und Angela Merkel – Spaß kommt da keiner auf, nicht einmal Stimmung.
Natürlich bedeutet dieser Zustand eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, vor allem wenn man bedenkt, welche absolute tragende Rolle die Frau über 50 in unserer Gesellschaft spielt. Sie wacht über Haus und Haushalt und ist wie nebenbei noch tragende Säule des öffentlichen Kulturlebens. Ohne Frauen über 50 würden keine Bücher mehr gekauft, keine Theater mehr besucht, keine Galerien mehr eröffnet, die Schwimmbäder blieben ebenso verwaist wie die Opernhäuser und Volkshochschulen, von den Kirchen ganz zu schweigen. Qualitätszeitungen müssten Konkurs anmelden, der Eurovision Song Contest würde ersatzlos gestrichen. Es ist tatsächlich niemand anderer als die Frau über 50, welche die Hochkultur unseres Kontinents und damit der zivilisierten Welt trägt, stützt und finanziert – und dafür doch nur milde belächelt wird.
Ach, Europa! Gibt es wirklich kein günstigeres Bild für dich? Gelegentlich wird ja mit dem „europäischen Haus“ experimentiert, doch welche Fantasien vermag ein Haus mit 27 eigensinnigen Mietsparteien wohl anzuregen – das riecht nach sozialem Wohnungsbau in der Vorstadt. Und versuchen Sie als Werbeprofi einmal, aus der neuen Mitgliedszahl 27 symbolischen Mehrwert zu schlagen: 25, ja, da klingelt manches, selbst die 23 lässt Raum zum Raunen, die 30 ist rund, die 33 ulkig, die 36 magisch, die 27 aber – hoffnungslos. Bliebe als letzte Möglichkeit die geografische Form des Gebildes, doch nein, wie die Klecksereien eines Fünfjährigen tönt unsere EU die Landkarte, taugt bestenfalls als Rorschachtest; irgendwo rechts unten verlieren sich letzte Franze, was einen halbherzigen, ja nachgerade schlampigen Eindruck hinterlässt.
So finden wir uns also, wider besseren Willen, ewig zurückgeworfen auf das mythische Bild von Europa als Frau, weshalb es lohnen mag, den Mythos noch einmal in Einzelheiten zu erinnern. Der vitale Göttervater Zeus, Gatte der Hera (dem Prototyp der Frau über 50), steigt in berlusconihafter Manier einem jungen willigen Ding aus der Provinz nach, Europa mit Namen, und da es damals noch keine Privatjets gab, verwandelt er sich also in einen Stier, schnappt sie, lebt seine Lüste aus, zeugt mit der Eroberten drei Kinder und dient sie sodann einem kinderlosen Regionalregenten als Ehefrau an – was Europa (mittlerweile wohl selbst eine Frau über 50) klaglos über sich ergehen lässt und fortan ein ebenso ereignisloses wie friedliches Dasein in eigenen Grenzen genießt.
Und? Wäre das etwa keine Gelingensperspektive für die Zukunft auch unserer EU: ein friedvolles Zusammenleben ohne weitere Abenteuer- und Expansionsgelüste; Geschichte machen, ohne Geschichten zu machen? Oh ja, das wäre es. Doch eine reife Europa wahrhaft zu schätzen, es erfordert von unseren Mitbürgern nichts Geringeres, als ihre jeweils eigene, weitgehend ereignislose Alltäglichkeit anzuerkennen, ja, lieben zu lernen – bekanntlich die schwierigste unter allen Herausforderungen.
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