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Scherben auf dem Boden
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Bier her!
von Gunnar Schupelius

Ich bin nicht kleinlich, aber Details fallen mir auf.

Ich bin nicht kleinlich, aber Details fallen mir auf. Umgangsformen zum Beispiel. Nur einer von hundert Passanten macht älteren Herrschaften noch Platz, wenn es eng wird. Oft werden sie angerempelt, ohne dass sich der Rempler entschuldigt. Viele Kinder scheinen gar nicht mehr zu wissen, dass es eine Zeit gab, in der man Erwachsene vorließ. Wer nimmt in der U-Bahn noch die Beine zurück, wenn ein anderer sich setzen will? Wer nimmt seine Einkaufstasche von der Bank, wenn er sieht, dass andere einen Platz suchen? Wer nimmt beim Gähnen oder Husten die Hand vor den Mund und verzichtet darauf, mit den Grundtätigkeiten der Körperpflege zu warten, bis er zu Hause ist?
Im Supermarkt wird die Lage richtig ernst. Dort ist naturgemäß jeder dem anderen mit seinem Einkaufswagen im Weg. Neulich sagte ich: „Entschuldigen Sie bitte, darf ich mal vorbei?“ Keine Antwort. Der Mann sah mich nur wütend an. Ängstlich schob ich mich an ihm vorbei. Ich drehte mich um. Eine Frau durchbohrte mich mit boshaftem Blick. Ich stand ihr im Weg. Aber das sagte sie mir nicht. Am Käseregal kam es zu einer Rangelei. Alle griffen zornig durcheinander. Niemand ließ den anderen vor. Keiner sagte: bitte schön und danke schön. Die Massenkarambolage an der Kasse kam natürlich nur dadurch zustande, dass niemand dem anderen auch nur einen Zentimeter Vorsprung gönnen wollte.
Wer hat uns die Verrohung eigentlich eingebrockt? Der Kapitalismus, Youtube, die Rappelkiste, die 68er und ihre Muffallergie? Ältere Berliner erzählen erstaunliche Denunziationsgeschichten des Bürgerlichen. Wer Klavier spielte, wurde nach 1968 als „Bourgeois“ verachtet, die Familie galt als „kleinste kriminelle Vereinigung“. Die bürgerliche Kleidung, Anzug und Krawatte, die Tischmanieren standen unter Generalverdacht. Mit Spätfolgen.
Neulich erlebte ich die erste Gala-Premiere, auf der die Gäste mit geöffneten Bierflaschen in der Hand herumliefen. Es war in Berlin. Abendgarderobe war die Ausnahme. Streetwear war die Regel. Ein 30-jähriger Mann trug unter seinem Sakko ein schwarzes Unterhemd (Doppelripp) und darüber einen Wollschal. Er stand in einer Gruppe von Leuten, die laut rülpsten. Es war eine Mischung aus mittelalterlichem Burgfest und Achtziger-Jahre-Hausbesetzer-Party. Und ich wusste: Hier wusste niemand mehr, wie er sich verhalten sollte, was angemessenes Verhalten überhaupt ist.
Fragt man Verkäuferinnen, Busfahrer, Polizisten, was ihnen am meisten fehlt, antworten sie: Respekt, Achtung. Der Kellner einer Trendkneipe in Kreuzberg erzählte mir: „Mein Publikum besteht zu 95 Prozent aus angehenden Akademikern. Wenn sie etwas trinken wollen, grunzen sie: ‚Bier‘. Niemand sagt mehr: ‚Könnten Sie mir ein Bier bringen?‘ Oder gar ‚bitte‘. Ich fürchte, das ist nicht nur in Berlin so.“
Gunnar Schupelius geboren 1963, ist Chefreporter der größten Zeitung Berlins (B.Z.). Er lebt mit Ehefrau, vier Kindern und Hund in Berlin-Wilmersdorf

(Foto: Picture Alliance)


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Februar 2008

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