Cicero Startseite | Twitter | Kontakt | RSS-Feed | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Umstrittenes iranisches Atomprogramm
Foto: picture-alliance
zoom
Wie gefährlich ist Iran?
von Bruno Schirra



Westliche Politiker und Sicherheitsexperten zeigen sich entsetzt. „Der Mann an der Spitze Irans ist ein Extremist, er will den Export der islamistischen Revolution“, heißt es aus Geheimdienstkreisen. „Wenn das die neue Außenpolitik Irans wird, droht dem Westen ein terroristischer Supergau. Dann werden sunnitische Al-Qaida-Terroristen und schiitische Terror-Organisationen eng zusammenarbeiten. Gegen den gemeinsamen Feind. Gegen den Westen.“

Ein Szenario besorgt westliche Geheimdienste ganz besonders: Iran radikalisiert sich und liefert Al Qaida künftig das, wovon die Killer Gottes bis heute nur träumen: chemische und biologische Kampfstoffe für ihren Heiligen Krieg gegen den Westen.

Panikmache ist das nicht, denn Irans neuer Präsident hat eine lupenreine Karriere in den Revolutionären Garden Irans und in deren Geheimdienst hinter sich. „Ahmadinedschad kann und wird den Westen jederzeit mit der Terrorkarte erpressen“, so ein Mitarbeiter des jordanischen Geheimdienstes GID. „Kommt Europa Iran im Streit um das Atomprogramm der Mullahs nicht entgegen, drohen diese mit Terror gegen britische Soldaten im Irak und gegen die französischen Interessen in Libanon.“

Dass nach Ahmadineschads Amtsantritt Realität wird, was bisher nur angedroht wurde, befürchten nun die europäischen Verhandlungspartner Irans. Zumal ihre Geheimdienste über alarmierende Erkenntnisse verfügen. „Für Ahmadineschad ist die Terrordrohung keine diplomatische Fingerübung. Der glaubt an die ‚Reinheit‘ der islamistischen Revolution und setzt um, was er androht“, stellt ein westlicher Geheimdienst fest.

Tatsächlich bietet der Geheimdienst der Revolutionären Garden der Führungsspitze von Al Qaida seit Jahren sicheren Unterschlupf, logistische Unterstützung, militärisches Training sowie Ausrüstung. „Die Tatsache, dass sunnitische Dschihadisten und Schiiten einander hassen, ist für beide kein Grund, nicht zu kooperieren. Sie haben einen gemeinsamen Feind“, wissen westliche Geheimdienste.

Der Autor dieses Artikels konnte eine Liste der Killer Gottes, die in Iran einen sicheren Hort gefunden haben, einsehen. Die Liste liest sich wie das Who’s Who des globalen Dschihads. Knapp 25 hochrangige Führungskader von Al Qaida – Planer, Organisatoren und Ideologen des Dschihads aus Ägypten, Usbekistan, Saudi-Arabien, Nordafrika sowie aus Europa. Ganz oben in der Al-Qaida-Hierachie: drei der Söhne von Osama bin Laden, Saeed, Mohammad und Othman.

Al-Qaida-Sprecher Abu Ghaib genießt ebenso iranischen Schutz wie Abu Dagana al Alemani (genannt: der Deutsche), der aus Iran heraus die Zusammenarbeit der unterschiedlichen dschihadistischen Netzwerke in aller Welt koordiniert. Sie leben in sicheren Häusern der Revolutionären Garden in und um Teheran. „Das ist keine Haft oder Hausarrest“, so die Schlussfolgerung eines hochrangigen Geheimdienstmitarbeiters. „Die können schalten und walten, wie sie wollen.“

Das konnte auch Saif al Adel, Militärchef und Nummer drei von Al Qaida. Anfang Mai 2003 schneidet der saudische Geheimdienst seine Telefonate mit dem Organisator der Anschlagsserie in der saudischen Hauptstadt Riad mit, der im Mai 2003 mehr als 30 Menschen, darunter sieben Ausländer, zum Opfer fallen. Saif al Adel gibt den Befehl zu den Attentaten aus Iran heraus, wo er unter den Fittichen des iranischen Geheimdienstes agiert.

Iranische Geheimdienste, so die Erkenntnisse nahöstlicher wie westlicher Sicherheitsdienste, arbeiten schon seit Jahren immer wieder mit sunnitischen Dschihad-Organisationen von Al Qaida zusammen. „Als Islamist gehe ich zu den Saudis, um Geld zu bekommen“, skizziert der jordanische GID-Mann die bisherige Praxis islamistischer Gotteskrieger. „Wenn ich Waffen, logistische Unterstützung oder militärisch-terroristische Ausbildung und Ausrüstung brauche, gehe ich zu den Iranern.“ Die Blaupausen für die Al-Qaida-Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 stammen aus Teheran. Der Mann beruft sich auf Zeugenaussagen, Dokumente und Telefonmitschnitte.

Aber auch aus Iran selbst kommen ganz offene und sehr kriegerische Töne. Sie künden von der Wiederkehr des iranischen Staatsterrorismus in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Einer Jahre währenden Serie von Geiselnahmen und Morden an westlichen Ausländern fielen in Libanon mehr als sechzig Menschen zum Opfer. Sowohl die Baracke der US-Marines als auch die der französischen Friedenstruppen wurden in die Luft gesprengt, hunderte Menschen starben. Die Täter: die libanesische Hisbollah. Die Planer und Hintermänner stammen aus der Führungsriege der Revolutionären Garden Irans.

1992 sprengen unter der Anleitung iranischer Diplomaten und Offiziere der Revolutionären Garden Mitglieder der libanesischen Hisbollah die israelische Botschaft in Buenos Aires in Schutt und Asche, 1994 das jüdische AMIA-Sozialzentrum in der argentinischen Hauptstadt.

Westliche Sicherheitsdienste befürchten nun eine Wiederholung dieser Serie globalen Terrors. Angesichts einer großflächigen Zeitungsannonce, die im August in der Zeitung Partow-e Sokhan erschien, eine realistische Aussicht – vor allem, sollte der Streit zwischen Iran und dem Westen um das iranische Atomwaffenprogramm weiter eskalieren. Der Anzeigentext liest sich wie folgt: „Märtyrerattacken sind die höchste Tugend und der höchste Mut“, verantwortlich für den Text zeichnet das „Kommando der freiwilligen Märtyrer“. Dahinter stehen die Ansar Hisbollah, die radikalste islamistische Todesschwadron der Islamischen Republik. Moham-madresa Jafari, der Oberbefehlshaber des „Kommandos der freiwilligen Märtyrer“, droht mit dem globalen Einsatz von Selbstmordkommandos. 50000 Kämpfer seien bereits rekrutiert. Auch in den USA und anderen NATO-Staaten hielten sich Selbstmordkommandos jederzeit einsatzbereit. „Der Feind hat Angst“, so Mohammadresa Jafari, „dass die Kultur des Martyriums zu einer Weltkultur aller Freiheitsliebenden wird.“

Hinter den Ansar Hisbollah und den potenziellen Selbstmordattentätern steht ein Mann: der Besitzer der Zeitung Partow-e sokhan. Ayatollah Mesbah Yasdi, der radikalste Hardliner der Islamischen Republik und der Mann, der aus dem Hintergrund heraus die triumphale Wahlschlacht von Mahmud Ahmadinedschad organisierte. Mesbah Yasdi politisches Geschick hat Ahmadinedschad zur Präsidentschaft geführt. Ayatollah Yasdi, Propagandist von globalen Selbstmordattentaten, rühmt Achnmadinejads Administration als „die erste islamische Administration in der Geschichte der Islamischen Republik“.

Eine Drohkulisse, die für westliche Sicherheitsexperten in naher Zukunft real werden könnte. Denn Ahmadinedschad droht im Nuklearstreit mit dem Westen unverhohlen mit der nächsten Stufe der Eskalation. Konkret, der Wiederaufnahme aller Anreicherungsaktivitäten. Die Anreicherung von Uran ist unverzichtbar für den Bau einer Atombombe.

Irans breite nukleare Infrasruktur macht zwar Sinn, so Experten der Wiener Atomkontrollbehörde IAEA, sofern sich ein Land unabhängig von fossilen Brennstoffen machen will. Noch mehr Sinn allerdings, wenn ein Land vorhat, die Bombe zu bauen. „Wenn ich mir alles auf den Tisch lege, was wir an Erkenntnissen über das iranische Nuklearprogramm besitzen, sowie sämtliche Informationen, die wir über das iranische Mittelstreckenraketenprogramm besitzen“, so ein IAEA-Inspektor, „dann lautet meine Antwort auf die Frage, ob Iran die Bombe baut, folgendermaßen: Es sieht aus wie eine Ente, es watschelt wie eine Ente und es macht quack quack. Was, bitte, glauben Sie, was das ist?“

Die praktischen Konsequenzen dieser Antwort lässt westliche Geheimdienste schaudern: „Kommt irgendwer, die USA oder auch Israel auf die Idee, das iranische Atombombenprogramm um zehn Jahre zurückbomben zu wollen, dann gnade uns Gott“, so ein westlicher Geheimdienstmitarbeiter. „Dann lassen die Mullahs global ihre Kettenhunde von der Leine. Sie werden alle schiitischen Terrornetzwerke mit den sunnitischen Netzwerken global ausrüsten und unterstützen, und zwar mit allem, was sie haben. Für uns ein Supergau, gegen den wir nicht gewappnet sind.“

Lesen Sie auch:
"Der talentierte Mr. Atom" von Antonia Rados
« zurück Seite 2 von 2  
 
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe November 2005

» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Anzeige
  Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Weltbühne als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Artikel aus
Ausgabe November 2005
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft

Bruno Schirra
Bruno Schirra bereist seit vielen Jahren als Reporter den Nahen Osten. Er lebt in Berlin.


Bekenntnisse eines Berlin-Verächters
mehr lesen
Die Schweiz: Ein Zukunftsmodell für Europa
mehr lesen
Benedikt, ein Papst in deutschem Namen
mehr lesen
Debatte
Mama, hilf!
mehr lesen
Die Pförtner der Macht. Eine Beobachtung
mehr lesen
Berliner Republik
Benedikt, ein Papst in deutschem Namen
mehr lesen
Der Arbeiterführer
mehr lesen
Kapital
Von Ackermännern und Müllmännern
mehr lesen
Googles größter Kampf
mehr lesen
Salon
Skandal im Kunstbezirk
mehr lesen
"Die Kirche ist ein Märchenpark"
mehr lesen
Politsche Videos
Der satirische Wochenrückblick
Video anschauen
Giuliani vs. Guttenberg "Krieg" oder "Einsatz"?
Video anschauen
Leinwand
„Fuck, Clooney ist dabei, das darf ich nicht verbocken!“
mehr lesen
Ein wahrhaft warmes "Welcome"
mehr lesen
Netzstücke
Bekenntnisse eines Berlin-Verächters
mehr lesen
"Vor mir und hinter mir gibt es viele große Namen"
mehr lesen
Bibliothek
"Geschichte ist Warnung und Lehrmeisterin zugleich"
mehr lesen
Sex, Religion & Politics
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben