von Bruno Schirra
Es ist die aufwendigste Menschenjagd der Geschichte. Die Zeit drängt. Denn jetzt strebt Osama bin Laden sogar nach Atombomben.
Der Mullah fängt an zu kichern, fällt dann in dröhnendes Lachen. „Wunderbar“, sagt er. „Sie sollen nur kommen. Wir werden sie willkommen heißen und ihnen dann die Köpfe nehmen. So wie wir uns die Köpfe der amerikanischen Special Forces genommen haben.“ Mullah Latif Hakimi hat soeben in Quetta erfahren, dass ein acht Mann starkes Kommando des britischen Special Air Servic (SAS) zehn Stunden nach den Selbstmordattentaten in London seinen Marschbefehl erhalten hat. Das Ziel der britischen Elitekämpfer mit der Lizenz zum Töten und der zum Geldausgeben ist das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Ihr Befehl: Findet Osama bin Laden. In den kommenden Wochen und Monaten sollen die Kommandosoldaten versuchen, durch Zahlungen von Millionen Dollar an paschtunische Stammesälteste deren Loyalität zu Osama bin Laden aufzubrechen.
Ein Unterfangen, das westlichen Geheimdienstlern „wie Stochern im Nebel vorkommt“. Für einen hochrangigen BND-Mitarbeiter sind Aktionen wie die britische „schiere Hilflosigkeit. Die Paschtunen werden das britische Geld genauso nehmen, wie sie in den vergangenen vier Jahren das Geld der Amerikaner genommen haben – ohne jemals irgendwelche relevanten Informationen über den Aufenthaltsort von bin Laden zu liefern. Wenn überhaupt, können sie Paschtunen mieten, aber niemals wirklich kaufen.“
Die Suche nach Osama bin Laden im 2430 Kilometer langen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ist die größte und teuerste Menschenjagd, die es je gegeben hat. Pentagon und CIA vermuten Osama bin Laden ebenso wie die meisten westlichen Geheimdienste im unzugänglichen Siedlungsgebiet der Paschtunen. Eine Bergregion mit unzähligen Schluchten und Höhlensystemen, in der amerikanische High-Tech-Spionagemittel zwangsläufig versagen müssen. Der jahrtausendealte Ehrenkodex der Paschtunen, das „Paschtunwali“, verpflichtet die paschtunischen Völker ausnahmslos, jedem Gast, der bei ihnen Zuflucht sucht, unbedingten Schutz zu gewähren. Das macht es den amerikanischen wie britischen Jägern Osama bin Ladens so schwer, ihn einzukreisen, gar gefangen zu nehmen.
„Tot oder lebendig“, so lautet die Stallorder von George Walker Bush bei der Jagd nach seinem dschihadistischen Herausforderer. 50 Millionen Dollar Kopfprämie hat der US-Präsident ausgelobt – und erlebt seit fast vier Jahren ein Desaster nach dem anderen. Zuletzt am 30. Juni dieses Jahres. Kommandoeinheiten der Navy Seals dringen tief in das Gebiet der Taliban in der Provinz Kunar vor und geraten in eine Falle, die Talibankämpfer und deren Al-Qaida-Verbündete ihnen stellen. Zwei Navy Seals werden gefangen genommen und geköpft. Der MH-47-Chinook-Hubschrauber des amerikanischen Rettungsteams wird von Al-Qaida-Kämpfern abgeschossen. Alle 16 Insassen des Hubschraubers werden getötet.
In Quetta jubelt Mullah Latif Hakimi über „den großen Sieg“ und kündigt an, „einen ganzen Berg aus den Köpfen getöteter Special Forces“ errichten zu wollen.
Bei der Frage, wo sich Osama bin Laden aufhält und warum der dschihadistische Messias bis heute nicht gefasst wurde, lohnt es, sich kurz Mullah Latif Hakimi zuzuwenden. Der ist selbst ernannter Sprecher der Taliban und zugleich Kampfkommandant der afghanischen Steinzeit-Islamisten in der südafghanischen Provinz Zabul. Für westliche Journalisten ist der kleine gedrungene Mann einer der wenigen Ansprechpartner der Taliban in Afghanistan und in Pakistan. Auch wenn der Wert seiner Informationen nur schwer einzuschätzen ist. Immerhin geleitet Mullah Latif Hakimi hin und wieder westliche Journalisten sicher ins afghanische Kriegsgebiet. Ein Unterfangen, das ohne den Schutz des Mullahs tödlich enden würde.
Mullah Latif Hakimi residiert in Quetta, der Haupstadt der pakistanischen Provinz Balutschistan. Während der Herrschaft der Taliban war er Kulturbeauftragter in Herat. Sein einziges Arbeitsgebiet war die Inszenierung von öffentlichen Hinrichtungen. Besucher empfängt der Mullah gerne in einem Büro, einen Steinwurf nur vom Hauptquartier des pakistanischen Geheimdienstes ISI in Quetta entfernt. Dessen Patronage gibt Mullah Latif Hakimi den Schutz und die Bewegungsfreiheit, die er braucht. Ohne die Hilfe des ISI und ohne tatkräftige Unterstützung durch islamistische Offiziere der pakistanischen Armee wäre der Krieg der Taliban wie der von Al Qaida im Süden des Landes schon längst implodiert. Daraus macht der Mullah kein Hehl: „Wir und unsere arabischen Verbündeten haben Brüder nicht nur im Parlament, wir haben unsere Brüder auch in der Armee und im ISI.“
Davon profitiert auch Osama bin Laden. Als die US-Armee 2004 zusammen mit der pakistanischen Armee die Militäroperation „Hammer und Amboss“ startete, „wusste Osama bin Laden innerhalb einer Stunde, wann und wo welche Armeeeinheit ihre Operationen gegen ihn durchführt“. Das behauptet Khaled Khawaja und kann das sehr wohl wissen. Der Ex-Oberst der pakistanischen Luftwaffe und ranghohe ISI-Mitarbeiter war in den achtziger und neunziger Jahren der Pilot Osama bin Ladens und verehrt ihn noch heute als „einen Engel der Muslime“. Khawaja ist einer aus der Riege hochrangiger islamistischer Offiziere von Armee und Geheimdienst, die, auch wenn sie zum Teil nicht mehr aktiv sind, in Pakistan noch immer Macht und Einfluss haben.
In seinem Haus in Rawalpindi nennt Khaled Khawaja US-Präsident Bush „den eigentlichen, den schlimmsten Terroristen der Welt“, und frohlockt ob dessen „bisherigem Scheitern“ im „Krieg gegen den Terror. Was sind die Konsequenzen des Scheiterns der Amerikaner?“, fragt er genüsslich. „Wenn sie gegen einen König losschlagen wollen, dürfen sie nur ein Ziel haben. Sie müssen ihn töten! Was ihr hingegen gemacht habt: Ihr habt den König nur noch größer gemacht. Ihr habt Osama bin Laden überlebensgroß gemacht!“
Khawaja diktierte im Sommer 2001 einem amerikanischen Reporter in den Block, dass „euer Weißes Haus ein sehr verwundbares Ziel ist“. Nur Wochen, bevor das Flugzeug, das für das Weiße Haus bestimmt war, am 11. September 2001 auf einem Feld in Pennsylvania zerschellte. „Osama“, meint Khaled Khawaja nun, „ist zum Helden der Muslime geworden. Aller. Die Umma hatte lange Zeit keinen Führer gehabt. Das war ihr Grundproblem. Osama ist der unbestrittene Führer der Muslime geworden. Ihr habt den Muslimen einen Führer gegeben.“
Der meldet sich, wann immer es ihm beliebt aus dem sicheren pakistanischen Refugium. Per Videobotschaft: „Oh amerikanisches Volk! Deine Sicherheit liegt nicht in den Händen von Bush, Kerry oder Al Qaida. Deine Sicherheit liegt einzig und allein in deiner Hand“, droht bin Laden punktgenau vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl und macht klar, dass es für ihn in seinem Krieg gegen den Westen keine unschuldigen Zivilisten gibt. Die Völker des Westens haben sich die Regierungen gewählt, die sie haben. Das macht sie zu Schuldigen. Zu Feinden im „Haus des Krieges“, die das „Haus des Islam“ angreifen.
Kurz vor den Anschlägen in London fällt dem französischen Geheimdienst DGSE ein Video Osama bin Ladens in die Hände. „Wenn ihr unsere Städte bombardiert“, droht bin Laden, „werden wir eure Städte bombardieren.“
Wenn nun die USA und ihre westlichen Verbündeten die Jagd auf Osama bin Laden und dessen innersten Führungszirkel forcieren, steht dahinter nicht nur die Angst vor weiteren Anschlägen wie denen in London. Westliche Dienste wissen ganz einfach nicht, wie weit Osama bin Ladens Bemühungen gediehen sind, nukleare, chemische oder biologische Terroranschläge zu verüben. Das Einzige, was westliche Dienste wissen, ist, dass dies der Traum des Osama bin Laden ist.
„Die Muslime müssen vorbereitet sein, jede denkbare Art von Waffen einzusetzen“, sagt Khaled Khawaja, „welcher Art auch immer sie sein mögen. Chemisch. Biologisch. Nuklear. Um den Feind zu verjagen und dem Feind die Stirn zu bieten, ist jede Waffe recht. Wenn die Supermacht Amerika allen Muslimen der Welt offen den Krieg erklärt, wie können sie glauben, dass eineinhalb Milliarden muslimische Köpfe dies hinnehmen, die alle von Allah erleuchtet und begnadet sind? Sie alle wollen zurückschlagen! Sie alle werden zurückschlagen.“ Khawajas Gedanken sind die Gedanken bin Ladens.
„Die Schwäche des Westens besteht darin, dass die Völker im Westen Angst vor dem Tod, Angst vor dem Sterben haben“, zitiert Khawaja bin Laden. „Was würde passieren, wenn 100.000 Menschen im Westen getötet, wenn 200.000 verwundet würden“, fragt Khaled Khawaja rhetorisch und gibt die Antwort gleich selbst: „Ein Angriff unserer Brüder mit nuklearen Waffen und der Sieg wäre unser.“
Ein Horrorszenario, das nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Am 23. Oktober 2001 verhaftet die pakistanische Polizei Sultan Bashiruddin Mahmood, den zweiten Mann des pakistanischen Atomwaffenprogramms. Mahmood war jahrelang der Vorsitzende der pakistanischen Kommission für Atomenergie. Aus seinen islamistischen Überzeugungen hat Mahmood nie ein Hehl gemacht. Ebenso wenig aus seiner Verehrung für Osama bin Laden und seiner Forderung, dass „Pakistan jeder islamischen Nation dabei helfen muss, die Atombombe zu bauen“.
Amerikanische FBI-Beamte und pakistanische Ermittler verhören Mahmood. Dessen Erzählungen „waren extrem detailliert“ und lassen bei den US-Ermittlern sämtliche Alarmglocken schrillen. So erzählt das ein pakistanischer Ermittler. Der Sohn des islamistischen Atomwissenschaftlers Azim Mahmood bestätigt, dass sich sein Vater 2000 und 2001 mehrmals mit Osama bin Laden in Kabul getroffen hat. „Sie haben definitiv über die Frage, wie Al Qaida eine Atombombe bauen kann, diskutiert“, erklärt Azim Mahmood am Telefon.
Bei einem dreitägigen Treffen zwischen Mahmood, zwei weiteren pakistanischen Atomwissenschaftlern und Osama bin Laden sowie dessen Stellvertreter Ayman al Zawahiri, habe bin Laden behauptet, er sei im Besitz von waffenfähigem Uran. Die Quelle des Bombenstoffs sei Usbekistan. „Mahmood“, das jedenfalls behauptet ein pakistanischer Ermittler, „hat bin Laden drei Tage lang gebrieft. Der ging bis tief ins Detail und hat detaillierte Anweisungen gegeben, wie Al Qaida zumindest eine schmutzige Bombe bauen kann. Eine, die funktioniert.“ Unter dem Cover seiner Wohltätigkeitsorganisation „Ummah Tameer e-Nau“ (UTN) soll Mahmood seit 1999 über Jahre Al Qaida unterstützt haben. Der Name UTN bedeutet „Wiederherstellung der muslimischen Ummah“. Zu den Gründungsmitgliedern gehören neben Mahmood die Crème de la Crème des pakistanischen Atomestablisment: Chaudhary Abdul Majid, Mirza Yussuf Baig, Mohammad Nazim und Humayun Niaz, Atomwissenschaftler, die aus ihrer Nähe zu Osama bin Laden kein Hehl machen. Und aus ihrem Wunsch, die Bombe in Osama bin Ladens Händen zu wissen.
Für Ermittler ein Alptraum: „Wir wissen definitiv, dass Al Qaida schon 1993 versucht hat, an waffenfähiges Uran heranzukommen“, sagt ein westlicher Geheimdienstmann. „Wir wissen nicht, wie weit sie gekommen sind. Wenn Mahmood und dessen Kollegen tatsächlich bin Laden über einen längeren Zeitraum geholfen haben, dann ist es möglich, dass Al Qaida weiter gekommen ist, als wir das überhaupt wissen wollen.“
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