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Warum hasst sich der Westen?
von Papst Benedikt XVI.

Die westliche Kultur zeigt Zerfallserscheinungen. Sie verliert mit ihrer Religiösität die Achtung vor sich selbst. Der aktuelle Kampf der Kulturen hält dem Westen einen unangenehmen Spiegel vor. Denn er entlarvt seinen fehlenden Spiritualismus.

Europa kannte über Jahrhunderte nur ein Gegenüber, mit dem es auskommen musste: den Islam. Amerika wurde im Norden und im Süden europäisiert. In Asien und Afrika startete man den Versuch, sie zu Zweigstellen Europas zu machen, zu Kolonien. Teilweise ist dies auch gelungen, insofern als Asien und Afrika das Ideal einer von Technik und Wohlstand beherrschten Welt übernahmen und säkulare Ideen das öffentliche Leben immer stärker bestimmen.

Aber es ergibt sich auch eine entgegen gesetzte Wirkung: Das Wiederaufblühen des Islam ist nicht nur durch den materiellen Reichtum islamischer Länder bedingt, seine Ausbreitung erklärt sich auch daher, dass er seinen Anhängern eine lebensnahe, spirituelle Basis bieten kann und genau diese scheint dem Alten Europa verloren gegangen zu sein. Deshalb wird Letzteres, trotz seines politischen und wirtschaftlichen Gewichts, als dem Niedergang geweiht angesehen.

Auch die großen religiösen Traditionen Asiens, insbesondere deren mystische Komponente, die im Buddhismus zum Ausdruck kommt, erheben sich zur spirituellen Macht gegen ein Europa, das von seinen religiösen und moralischen Grundsätzen abfällt. Der Optimismus, den Arnold Toynbee Anfang der Sechziger bezüglich der Behauptung des europäischen Elements vertrat, scheint heute völlig überholt: „Von 28 Kulturen, die wir gefunden haben (…) sind 18 tot und bei neun von zehn Verbliebenen – das heißt alle außer unserer – sind bereits Anzeichen eines bevorstehenden Untergangs spürbar.“ Wer würde heute noch eine solche Ansicht vertreten? Was macht denn eigentlich unsere Kultur aus, die uns noch bleibt? Ist die europäische Kultur vielleicht die Zivilisation der Technik und des Kommerz, die sich erfolgreich über den ganzen Globus verbreitet hat? Entstand diese etwa nicht erst in einer posteuropäischen Phase, nach dem Niedergang der antiken europäischen Kulturen? Hier erscheint mir eine paradoxe Gleichzeitigkeit vorzuliegen: Mit der weltweiten Verbreitung der posteuropäischen, technisch säkularen Lebens- und Denkweise verbreitet sich auch die Ansicht, insbesondere unter den Kulturen Afrikas und Asiens ohne europäische Wurzeln, dass Werte, Kultur und Glauben in Europa, das heißt das Fundament der europäischen Identität, dem Untergang geweiht sind und nunmehr das Zeitalter der Wertsysteme anderer Kulturen anbricht, des präkolumbianischen Amerika, des Islam und des mystischen Asiens.

Europa scheint auf dem Höhepunkt seines Erfolges innerlich ausgehöhlt. Gewissermaßen ist sein Kreislaufsystem zusammengebrochen und diese lebensbedrohliche Situation soll durch Transplantationen abgewandt werden, mit denen es jedoch auch seine Identität zerstört. Neben diesem internen Schwinden tragender spiritueller Kräfte befindet sich Europa auch ethnisch auf dem Weg in den Untergang.

Die Zuversicht in die Zukunft ist auf eine sonderbare Weise abhanden gekommen. Die Kinder, die doch unsere Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart, als Einschränkung unserer Lebensqualität angesehen. In ihnen sieht man nicht die Hoffnungsträger, sondern eine Last für die Gegenwart. Der Vergleich mit dem zerfallenden Römischen Reich drängt sich auf: Der geschichtliche Rahmen funktionierte noch, als es bereits von denjenigen lebte, die seinen Zerfall herbeiführen würden, weil es seine Vitalität eingebüßt hatte.

Damit kommen wir zu den Problemen dieser Zeit. Zur Zukunft Europas gibt es zwei gegensätzliche Prognosen. Oswald Spengler vertritt einerseits die Auffassung, dass er für die großen Kulturen eine Art Naturgesetz ausmachen kann: Sie entstehen, entwickeln sich, erblühen, breiten sich aus, beginnen zu altern und gehen schließlich unter. Spengler untermauert seine These anschaulich durch Quellen der Kulturgeschichte, die dieses Gesetz des natürlichen Verfalls verdeutlichen. Seiner Ansicht nach ist der Westen im Endstadium angelangt und steuert unaufhaltsam auf seinen kulturellen Untergang zu, aller Rettungsversuche zum Trotz. Europa kann seine Herrscher zwar in eine neu entstehende Kultur hinüberretten, wie dies bereits bei anderen, untergegangenen Kulturen der Fall war, aber seine Tage als eigenständiges Subjekt sind nichtsdestotrotz gezählt.

Dieser These, die man als biologistisch bezeichnen kann, wurde leidenschaftlich widersprochen, insbesondere aus katholischen Kreisen in der Zeit zwischen den Weltkriegen; vehement ging man auch gegen Arnold Toynbee vor, wenn auch mit Argumenten, die heute keiner mehr vertreten würde. Toynbee weist auf den Unterschied hin zwischen technisch materiellem Fortschritt einerseits und dem eigentlichen Fortschritt andererseits, den er als spirituell bezeichnet. Er vertritt die Ansicht, dass die Krise der westlichen Welt darauf zurückzuführen ist, dass die Religion durch einen Kult um Technik, Nation und Militarismus verdrängt wurde. Die Krise hat für ihn einen Namen: Säkularismus.

Wenn man die Ursache für die Krise kennt, kann folglich auch ein Ausweg aus dieser gefunden werden: Die Religion muss wieder eine größere Rolle spielen, hierzu gehört, seiner Meinung nach, das religiöse Erbe aller Kulturen, aber insbesondere dessen, „was vom westlichen Christentum übrig geblieben ist“. Der eine beleuchtet die Situation unter biologistischen Gesichtspunkten, der andere stellt den Willen in den Mittelpunkt, die Kraft, die von kreativen Minderheiten und außergewöhnlichen Persönlichkeiten ausgeht.

Die Frage stellt sich: Ist diese Diagnose zutreffend? Und wenn ja, ist es möglich, die Religion neu zu beleben, durch eine Synthese der „Überbleibsel“ des Christentums und des religiösen Erbes der Menschheit? Letztlich bleibt die Antwort zwischen Spengler und Toynbee offen, da wir nicht in die Zukunft schauen können. Aber unabhängig davon müssen wir uns fragen, auf welcher Grundlage die Zukunft gesichert und die innere Identität Europas erhalten werden kann, durch alle historischen Metamorphosen hindurch. Oder einfacher ausgedrückt: Wie können wir heute und morgen die menschliche Würde erhalten und ein menschwürdiges Leben ermöglichen?

Eine Antwort finden wir, wenn wir die heutige Zeit im Spiegel der historischen Wurzeln betrachten. Wir waren der Französischen Revolution und dem 19. Jahrhundert verhaftet geblieben. In dieser Zeit entstanden vor allem zwei neue europäische Modelle. In den romanischen Nationen das laizistische Modell: Der Staat ist strikt von den religiösen Körperschaften getrennt, die dem privaten Sektor zugeordnet werden. Der Staat selbst verwirft das religiöse Fundament und baut auf Vernunft und Intuition. Die Vernunft ist jedoch eine schwache Größe und dadurch sind auch diese Systeme kraftlos und leichte Beute für Diktatoren; sie konnten nur weiter bestehen, weil das alte, moralische Bewusstsein teilweise noch vorhanden war, wenn auch seiner früheren Fundamente beraubt und nur dadurch war ein grundsätzlicher, moralischer Konsens noch möglich. Andererseits gibt es in der germanischen Welt differenzierte Modelle einer Staatskirche des liberalen Protestantismus, in denen eine aufgeklärte, christliche Religion als moralische Instanz (auch wenn mit staatlich gesicherter Religionsausübung) für moralischen Konsens und eine breite religiöse Basis sorgt, in die sich die einzelnen, nichtstaatlichen Religionen einfügen müssen. Dieses Modell sicherte in Großbritannien, den skandinavischen Ländern und vor allem auch im preußischen Deutschland für lange Zeit den Zusammenhalt von Staat und Kirche. In Deutschland entstand jedoch durch den Niedergang des preußischen Staates ein Vakuum, das in der Folgezeit der Entstehung einer Diktatur Platz bot. Heute sind die Staatskirchen weltweit im Verfall begriffen: Aus religiösen Körperschaften, die vom Staat abgeleitet sind, geht keine moralische Kraft mehr aus und der Staat selbst kann keine moralische Kraft erzeugen. Er muss diese hingegen voraussetzen und sich auf diese stützen.

Zwischen den beiden Modellen liegen die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die einerseits auf der Grundlage der freien Kirchen gewachsen sind und die von einem strengen Trennungsdogma ausgehen, die jedoch andererseits durch einen überkonfessionellen Konsens christlich-protestantischer Prägung im Allgemeinen geformt werden, der mit einem gegenüber dem Rest der Welt ausgeprägten religiösen Missionierungseifer einherging und damit dem religiösen Faktor eine bedeutende öffentliche Gewichtung verlieh. Sie könnte als präpolitische und überpolitische Kraft für das politische Leben von entscheidender Bedeutung sein. Sicher muss man auch der Tatsache Rechnung tragen, dass der Verfall des christlichen Erbes auch in den Vereinigten Staaten unaufhaltsam voranschreitet, während der Anteil der hispanischen Bevölkerungsgruppe rapide zunimmt und das Vorhandensein religiöser Traditionen aus der ganzen Welt das Bild verändern. Vielleicht sollte an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass die Vereinigten Staaten die massive Protestantisierung Lateinamerikas vorantreiben und mithilfe der freien Kirchen den Zerfall der katholischen Kirche fördern, eben weil sie der Überzeugung sind, dass die katholische Kirche nicht in der Lage ist, ein stabiles politisches und wirtschaftliches System zu garantieren und erzieherisch auf die verschiedenen Nationen einzuwirken. Das Modell der freien Kirchen hingegen gestattet einen moralischen Konsens und auch eine demokratische Bildung des öffentlichen Willens, wie dies für die Vereinigten Staaten charakteristisch ist. Was das Ganze noch komplizierter macht, ist die Tatsache, dass man der katholischen Kirche zugestehen muss, dass sie heute die größte religiöse Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten darstellt, dass diese Gemeinschaft sich in ihrem Glauben eindeutig zur katholischen Identität bekennt, dass die Katholiken jedoch, was das Verhältnis Kirche-Politik anbelangt, die Tradition der freien Kirchen angenommen haben in dem Sinne, dass gerade eine nicht mit dem Staat verquickte Kirche besser in zu gewährleisten, sodass die Verbreitung des demokratischen Ideals wie eine mit dem Glauben zutiefst übereinstimmende moralische Pflicht erscheint. In einer derartigen Haltung kann man zu Recht die – dem Zeitgeist angepasste – Fortführung des oben angesprochenen, von Papst Gelasius vertretenen Modells sehen.



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Leserkommentare
Yvonne Walden (41334 Nettetal) 05.12.2009
Papst Benedikt IV. interpretiert die Abwendung einer Vielzahl von Menschen in den europäischen Ländern vom (katholischen) Christentum als "Selbsthaß". Hat aber nicht gerade das Christentum entscheidend dazu beigetragen, daß dessen Stern kontinuierlich sinkt? Wenn Benedikt IV. etwa die Französische Revolution erwähnt, darf nicht unerwähnt bleiben, daß gerade seine Kirche einen erheblilchen Anteil an den Umwälzungen speziell in Frankreich hatte, ja eigentlich deren Ursache war. Auch das Wirken seiner Kirche während des gesamten Mittelalters stellt kein Ruhmesblatt für die Katholische Kirche dar, wenn wir nur an die Heilige Inqusition mit ihren "Hexen- und Ketzerverbrennungen" denken. Von Selbstkritik ist bei Benedikt IV. bedauerlicherweise kein Ansatz spürbar. Dabei gehört doch die Bußfertigkeit zur Katholilschen Kirche wie etwa das Weihwasser. Sollte dies etwa nicht für Päpste gelten?
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Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI war als Kardinal Joseph Ratzinger Präfekt der Kongregation zur Glaubenslehre im Vatikan. Er gilt als der einflussreichste Vordenker der katholischen Kirche.


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