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Abu Mousab al Zarqawi starb 2006 bei einem gezielten Anschlag der US-Armee auf ihn.
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von Bruno Schirra
Zarqawi gilt der internationalen Geheimdienstgemeinde als der „zurzeit tatsächlich gefährlichste Mann der Welt. Osama bin Laden“, so jordanische wie deutsche Ermittler unisono, „steht heute für eine Idee, eine Ideologie. Der Mann taugt nur noch als Mythos und dafür, die USA bei ihren vergeblichen Fahndungsbemühungen nach ihm bloßzustellen. Zarqawi hingegen ist der Mann der Tat. Er hat sowohl sein eigenes funktionierendes Netzwerk als auch gleichzeitig Zugriff auf andere Netze. Zarqawi ist der neue Kronprinz von bin Laden.“ So ein jordanischer Ermittler.
Die größte Sorge bereiten westlichen Diensten Zarqawis Bemühungen, künftig mit chemischen Kampfstoffen seine Terrorangriffe durchzuführen.
Erfahrung hat er darin. Nachdem er 1989 in Afghanistan nur noch die Ausläufer des Heiligen Krieges gegen die Schuwari, die Russen, miterlebt hat, arbeitet er zunächst als Reporter für die islamistische Zeitung Al-Bunyan Al Marsous, dann für das Islamic Relief Committee, eine islamische NGO, über die nach Erkenntnissen westlicher wie nahöstlicher Dienste über mehr als eine Dekade Gelder für radikale Dschihadisten geflossen sind. 1994 wird Zarqawi wegen der Planung terroristischer Anschläge in Jordanien zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis lernt er die radikalen Prediger Abu Qatada und Al Maktissi kennen. Hier vollendet sich seine Wandlung vom radikalen Islamisten zum unbedingten Dschihadisten, für den nackter Terror die Ultima Ratio, die Voraussetzung für den Erfolg im Heiligen Krieg ist. Fünf Jahre später wird Zarqawi bei einer Generalamnestie freigelassen – und pilgert zurück nach Afghanistan. Dort bietet er bei einem Treffen mit Osama bin Laden und dessen Sicherheitschef Seif Al-Adel seine Dienste an. Bin Laden überträgt Zarqawi die Leitung „eines fertig eingerichteten Lagers in Herat“. So Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND). Obwohl er sich formal nie als Mitglied von bin Ladens Al Qaida sah und vermutlich auch nie den Treueschwur geleistet hat, war die Kooperation zwischen beiden immer sehr eng.
Aus Deutschland pilgert in dieser Zeit ebenso wie aus Frankreich, Großbritannien, Spanien und Nordafrika ein ständiger Strom Heiliger Krieger Gottes in Zarqawis Ausbildungslager. Ein Schwerpunkt der Ausbildung: Training für biologisch-chemische Terrorangriffe. Hier rekrutiert Zarqawi Führungsmannschaft wie Fußvolk für sein späteres Netzwerk. Hier knüpft er seine globalen Kontakte zu anderen dschihadistischen Gruppen.
Nach dem Afghanistan-Krieg richtet sich Zarqawi Anfang 2002 in Zahedan, Isfahan und in Teheran neue Lager und sichere Häuser ein. Nach Teheran reisen seine europäischen Anhänger, bringen Geld, neue Passidentitäten, holen sich Instruktionen. Die Kommunikation läuft über Mittelsmänner und per Telefon. Mit in der Leitung: der deutsche Bundesnachrichtendienst, der Zarqawis schweizer Satellitentelefon mit der Nummer 0041-793686306 ebenso überwacht wie dessen iranische Mobiltelefone mit der Nummer 0098-9135153994 und 0098-218757638.
Unterstützt von radikalen Gruppen innerhalb des Geheimdienstes der Revolutionären Garden des Irans kann Zarqawi ungefährdet im Iran die Festnetznummer 0098-9112311436 nutzen. In Isfahan bedient er sich des Telefons mit der Nummer 0098-9112399346, deren Anschlussinhaber ein Ahmed Abdul Salam, Bahar Street, Block No. 27, Kukak Area, Asfahan, Iran, ist. Unter seiner Faxnummer 0098-218757638 ist er für seine Gefolgsleute in dringenden Fällen erreichbar. Was deutsche Sicherheitsbehörden unter der Hand bestätigen, ist auch für ihre jordanischen Kollegen der Grund, warum Zarqawi so erfolgreich war. „Und ist“, so ein jordanischer Ermittler: „Dass beide Seiten sich aus religiösen Gründen hassen, hat sie nie daran gehindert, eng zu kooperieren.“
2002 reist Zarqawi von Teheran aus nach Syrien, in den Libanon, Jordanien und in den Irak. Er kooperiert mit den islamistischen Steinzeitkillern der Ansar ul Islam. Seinen Stellvertreter platziert er in der Shura, dem höchsten Gremium von Ansar ul Islam. In den unwirtlichen Bergen hinter Kurmal und Biyarra, im Grenzgebiet zum Iran, richtet Zarqawi ein kleines Chemielabor ein. Mit dabei Abu Wäl, hochrangiges Führungsmitglied von Ansar ul Islam und fanatischer Dschihadist. In einem früheren Leben war Abu Wäl Major des Militärischen Geheimdienstes von Saddam Hussein und als solcher eigens abgesandt, Ansar ul Islam im Auge zu behalten und in ihrem Krieg gegen die von Saddam gehassten Kurden zu unterstützen.
Eine bizarre Allianz im Herrschaftsgebiet von Ansar ul Islam: zwischen dem fanatischen Schiitenhasser Zarqawi, den Hardlinern der schiitischen islamischen Revolution, ehemaligen Baath-Geheimdienst-Mitarbeitern und den Internationalisten des Heiligen Kriegs. Die alle Zeiten überdauert und funktioniert. Bis heute. „Zarqawi stützt sich heute auf Geheimdienststrukturen von Saddam Hussein“, so ein hochrangiger Offizier des jordanischen GID. „Er hat sie damals kennen gelernt.“ Jordanische wie westliche Geheimdienste beobachten wie – vor allen aus und über Europa – Zarqawis Anhänger via Teheran in den Irak reisen, um dort im Heiligen Krieg gegen die Kreuzzügler zu kämpfen. Keine Einbahnstraße. Aus dem Irak heraus werden Kämpfer, Ausrüstung und Waffen nach Europa geschleust. Als deutsche Ermittler 2003 in München Lokman M. verhaften, entdecken sie, dass dieser ein richtiggehendes Reisebüro in den Irak und von dort wieder zurück etabliert hatte. „Das ist eine Rattenlinie, von der wir nur wissen, dass sie existiert“, klagt ein deutscher BND-Mitarbeiter. „Wir wissen aber nicht, wie und wo genau sie verläuft und wer sie noch alles organisiert. Irgendwann aber werden wir hier in Europa den Big Bang haben, und Zarqawi wird ihn organisiert haben.“ Das Eingeständnis von Ohnmacht, hinter der die Angst lauert: Dass an allen Gerüchten, Indizien und kargen Beweisen etwas dran ist. Dass Abu Mousab al Zarqawi einmal tatsächlich der chemische Megaanschlag gelingen wird.
Wie weit Zarqawis Versuche tatsächlich gediehen sind, in Europa Terroranschläge mit chemischen Kampfstoffen zu begehen, wissen die europäischen Dienste nicht genau. „Wir wissen nur, dass er daran arbeitet“, so der Mitarbeiter eines Dienstes. Ein Zentrum von Zarqawis Bemühungen, chemische Kampfstoffe herzustellen und zu vertreiben, vermuten die Ermittler heute im Nordkaukasus und in Georgien. „Georgien wird in der Regel in einem Atemzug mit vermuteten Aktivitäten zur Herstellung von Giften erwähnt“, schreiben die Ermittler des BKA in ihrer Dokumentation und listen Namen der Beteiligten auf: „Hauptakteur soll Adnan Sadiq Muhammad Abu Injila alias Abu Atiya gewesen sein, der im georgischen Pankisi-Tal Experimente mit Zyanid und Rizin zur Herstellung eines Kontaktgiftes durchgeführt haben soll. Abu Atiya soll Absolvent des Lagers Herat und Vertrauensperson von al Zarqawi gewesen sein“. Aus Georgien, so Geheimdiensterkenntnis, soll Abu Atiyah, ein enger Gefolgsmann von Abu Mousab al Zarqawi, „häufig die Koordination des Versands von toxischem Material organisiert haben“. Rizin und Zyanid, das unter anderem für einen Terroranschlag in Großbritannien gedacht war.
So soll Abu Atiyah auch Terroristen zur Durchführung von Anschlägen nach Europa abkommandiert haben. Das BKA nennt dafür Zeugen: Rashi Zuhsyr, einer von Zarqawis Heiligen Kriegern. „Dieser wurde aber festgenommen, als er versuchte, eine Ländergrenze mit falschen Ausweispapieren zu überqueren. Rashi gab bei Vernehmungen an, von Abu Atiya aufgefordert worden zu sein, sich zusammen mit anderen Personen um Ziele im Vereinigten Königreich für Anschläge mit Giften und konventionellen Waffen zu kümmern. Die über Rashi gewonnenen Erkenntnisse führten zu weiteren Festnahmen und dazu, dass eine wichtige terroristische Bedrohung im Vereinigten Königreich gestoppt wurde.“ Den europäischen Ermittlern erscheinen ihre Versuche, dem Netzwerk Zarqawis und seinen chemischen Terrorplänen auf die Spur zu kommen, „wie Stochern im Nebel. Manchmal geht uns einer eher zufällig ins Netz und gibt ein paar Informationen. Von denen wir lange Zeit nie wissen, was sie taugen“, klagt ein Fahnder. Im Fall von Zarqawis chemischen Attentatsplänen in Großbritannien hatten die Fahnder Glück. Die Informationen, die ihnen Rashi Zuhayr lieferte, deckten sich mit denen, die zuvor ein anderer Häftling gegeben hatte. Die Nummer drei in der Hierachie von Al Qaida: Abu Zubaydah, den die USA seit 2002 in Haft halten und verhören. Informationen, die brisant waren, so die Ermittler des BKA. „Weiter werden damit die von Abu Zubaydah gelieferten Informationen dahingehend bestätigt“, schreiben die BKA-Fahnder, „dass al Zarqawi und sein Netzwerk Giftanschläge im Vereinigten Königreich planten. Ein Großteil der Personen, die mit Rashi in Europa im Kontakt stehen, soll aus Nordafrika stammen und aus diesem Grund leichten Zugang zu den umliegenden Ländern haben.“
Aber auch ohne den Einsatz chemischer Kampfstoffe ist die Bilanz Abu Mousab al Zarqawis in Europa mörderisch. In den frühen Morgenstunden des 11. März vergangenen Jahres detonieren im Minutenabstand in vier Pendlerzügen in Madrid zehn Sprengsätze. 191 Menschen sterben, mehr als 1600 werden schwer verletzt. Bereits am 22. März 2004 gab der für den marokkanischen Sicherheitsapparat zuständige General Laanigri seine Lageeinschätzung zur Urheberschaft ab: „Seit langem schon habe Al Qaida ein Netzwerk in Europa aufgebaut“, zitiert ein deutscher Ermittler den marokkanischen Sicherheitschef. „Hierfür und für die Planung von Anschlägen sei Zarqawi verantwortlich. Er habe bewusst Marokkaner und andere Maghrebiner rekrutiert. Denn es gehe darum, von Europa aus den gesamten Maghreb zu destabilisieren und auf längere Sicht einen islamischen Gottesstaat in der Region aufzubauen.“ Was die marokkanischen Behörden damals behaupteten, ist für den spanischen Untersuchungsrichter Balthasar Garzón Erkenntnis. In mühevoller Ermittlungsarbeit hat er die Verbindungen zwischen den Tätern und Abu Mousab al Zarqawi recherchiert. Seine These: Die Anschläge von Madrid waren eine Auftragsarbeit Zarqawis.
Für deutsche Fahnder nicht das Ende der Karriere des neuen Sterns am Dschihadistenhimmel. „Vielleicht haben wir ja alle Glück“, meint ein Ermittler, „und die Amerikaner stolpern zufällig irgendwo im Irak über ihn. Aber wer hat schon so viel Glück.“ |