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Abu Mousab al Zarqawi starb 2006 bei einem gezielten Anschlag der US-Armee auf ihn.
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von Bruno Schirra
Vom Iran unterstützt, im Irak untergetaucht, avanciert Abu Mousab al Zarqawi zum Drahtzieher des islamistischen Terrors. Er ist der neue Kronprinz Osama bin Ladens – und skrupelloser Kämpfer für den Heiligen Krieg.
Zwei Videobänder. Zwei Leben. Zwei Männer. In Orange. Sitzen am Boden, kauern, zittern. Sie wissen es. Was kommt. Auch wie es geschehen wird. Natürlich. Dann ist da noch ein Dritter. Steht da. Thront jeweils hinter ihnen. Ganz in Schwarz. Liest und preist seinen Gott – und springt, nachdem er seinen Sermon beendet hat, auf Eugene Armstrong zu, drückt ihn mit der linken Hand zu Boden, während seine Rechte ein 25 Zentimeter langes Messer schwingt. Der schwarz Gewandete setzt das Messer an die Kehle von Eugene Armstrong. Zieht es über sie, beginnt zu säbeln und säbelt und säbelt und nach endlos langen 31 Sekunden ist es vorbei, und überall ist Blut, nur Blut. Der 52-jährige Ingenieur Eugene Armstrong aus Hillsdale, Michigan, ist geschächtet worden. Getötet zum höheren Ruhme und im Namen Gottes – und der ist groß. „Allahu Akbar.“ Das hat der Mann in Schwarz mit Inbrunst gesagt, als er im Mai vergangenen Jahres zunächst dem US-Bürger Nick Berg und später dann an diesem 20. September Eugene Armstrong eigenhändig den Kopf nimmt. Diesen danach triumphierend in die Luft reckt, um den abgeschnittenen Kopf dann auf dem Torso dessen zu platzieren, was einmal Eugene Armstrong gewesen war.
Wer ist Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh? „Ein Säufer. Ein Hurenbock!“ Sagt einer, der ihn kennt – und sich selbst nicht mehr zu erkennen geben will. In Zarqa, einer tristen Industriestadt in Jordanien, kennt jeder Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh und noch vor zwei Jahren hat auch ein jeder eine Geschichte über ihn zu erzählen gewusst. Und alle waren sich einig: Nie, niemals würde Ahmad all dies tun, was man ihm vorwirft. Nie! Er ist aus dem Stamm der Beni Hassan, vom Clan der al Khalayleh. Kein Palästinenser, wie immer behauptet wird. Ein Beni Hassan!, haben die Menschen in Zarqa betont: Die machen solche Dinge nicht!
Gut, er hat gesoffen, damals, hat sich in seiner Jugend in den Achtzigern in Kleinkriminalität verloren, war in den Jugend-Gangs von Zarqa eine schillernde Figur, ist bei der Anschlussprüfung der Oberschule durchgefallen, aber dann, so erzählten die Leute, hat er sich gefangen, hat zwei Jahre in der Stadtverwaltung gearbeitet, hat geheiratet, hat mit dem Saufen aufgehört und in der Al-Hussein-Ibn-Ali-Moschee das Beten angefangen, hat also dergestalt zum rechten Glauben zurückgefunden. Allah sei Dank. Ahmad ein Terrorist? Niemals.
Aber all das war die Rede der Menschen in Zarqa vor zwei Jahren, lange bevor Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh begann, seinen Opfern die Köpfe zu nehmen. Und jetzt, in diesen ersten Wochen des neuen Jahres, ist es schwer, noch einen zu finden, der reden will. Jetzt haben sie Angst. Vor ihm, dessen Arm so weit reicht. Aus dem Irak heraus bis hierher nach Zarqa in Jordanien. Und so schaut sich einer der Nachbarn auch immer wieder um, ob ihn wer beobachtet, während er redet. „Vor ihm ist keiner sicher“, schaudert er. „Auch ihr nicht in Europa.“ Und erzählt dann doch, wie das damals war, als Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh zum ersten Mal verhaftet wurde. Sexuelle Belästigung: So umschreibt das jordanische Strafgesetzbuch den Tatbestand der versuchten Vergewaltigung, wegen dem al Khalayleh kurzfristig in Haft genommen wurde. „Früher hat er Whiskey getrunken, heute ist er ein Monster, das Blut säuft.“
Wer ist Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh? „Der gefährlichste Terrorist der Welt!“ Sagen die freundlichen Herren vom General Intelligence Department (GID) in Amman. Sie müssen das wissen. Hat Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh doch immerhin vor geraumer Zeit versucht, ihre Amtsstuben in die Luft zu jagen. Als der jordanische Geheimdienst GID in der Nacht des 31. März vergangenen Jahres an der syrisch-jordanischen Grenze einen LKW stoppt, finden sie Sprengstoff in der Ladung. Fahrer und Beifahrer werden einer peinlichen Befragung – vulgo Folter – unterzogen. Was sie preisgeben, versetzt die Verhörer des GID in helle Aufregung. Die US-amerikanische Botschaft, das Büro des Premierministers, das Wohnhaus des Direktors des GID sowie das Hauptquartier des jordanischen Geheimdienstes sollen in einer konzertierten Aktion mittels 20 Tonnen Sprengstoff in die Luft gejagt werden. Was die Ermittler paralysiert, ist die Auskunft, die sie während der Verhöre erhalten: Eine zweite Explosionsserie soll hochgiftige chemische Kampfstoffe freisetzen. Ist das der von allen Sicherheitsdiensten so gefürchtete Chemiewaffenanschlag, den alle erwarten? Bei ihrer Fahndung stoßen die Jordanier dann auf Muwaffaq Ali Ahmed Odwan und Azmi Abdel Fatah Hajj Youssef Jaiousi. Nach Telefonüberwachung und Observation schlagen die Ermittler zu. Odwan wird getötet, Jaiousi festgenommen. Beide sind ausgewiesene Sprengstoffspezialisten. Beide wurden von Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh beauftragt, einen chemischen Megaanschlag durchzuführen. Mindestens 80000 Menschen, so die Erkenntnisse der jordanischen Behörden, hätten bei diesem Terroranschlag getötet werden können. Wäre der Anschlag geglückt, „hätte dies den gesamten Nahen und Mittleren Osten zur Explosion gebracht“, sagen heute jordanische GID-Beamte, „denn ohne staatliche Unterstützung aus Syrien und dem Iran wäre die Karriere von al Khalayleh niemals bis zu diesem Punkt gelangt.“
Wer ist Ahmad Fadil Nazal al Khalayleh? Zunächst nur ein Mann mit vielen Namen und noch mehr Pässen. Einer ist auf den Namen Jan Ellie Louise ausgestellt. Den britischen Pass nutzte al Khalayleh in der Vergangenheit ebenso wie echte iranische Pässe unter dem Namen Ibrahim Kassimi Ridah und Abdal Rahman Hassan al-Tahihi. Nur für einen weiteren Namen al Khalaylehs existiert kein gültiger Pass. Den Namen, unter dem er weltweit einzigartige Berühmtheit erlangt hat. Als fliegender Holländer des islamistischen Blutterrors ist al Khalayleh binnen kürzester Frist unter dem Namen Abu Mousab al Zarqawi aus dem Schatten Osama bin Ladens herausgetreten. Wie sehr Zarqawi aus dem Schatten bin Ladens getreten ist, belegen umfangreiche Akten und Dossiers westlicher wie nahöstlicher Geheimdienste ebenso wie Informationen und Dokumente deutscher Sicherheitsbehörden. Sie dokumentieren nicht nur den Werdegang des Kopfjägers Zarqawi, sie zeigen vielmehr, dass seine Karriere im Namen Allahs nur stattfinden konnte, weil Gottes Killer über Jahre hinweg logistische Unterstützung, Geld und Waffen von staatlichen Organisationen verschiedener nahöstlicher Staaten erhalten hat. Ganz oben auf der Liste der Förderer Zarqawis: die Islamische Republik Iran und die Hardliner aus dem Umfeld der Al-Quds-Brigaden der Revolutionären Garden – der Pasdaran. Ausgerechnet das Bundeskriminalamt (BKA) attestiert dem Iran, dass er Zarqawi „logistische Unterstützung von staatlicher Seite“ zukommen ließ. Der Iran, so die Akten des BKA, sei „eine wichtige logistische Basis“ gewesen.
Die Akten des BKA listen neun weitere Pässe sowie Personalausweise aus dem Libanon, dem Iran, Palästina und dem Jemen auf, unter denen Zarqawi in den vergangenen drei Jahren sicher gereist ist. Sein Aktionsradius erstreckt sich über den Irak, den Iran, Syrien, Jordanien, die Türkei, das Pankissi-Tal in Georgien bis in den Nordkaukasus. In diesen Ländern stützt er sich nicht nur auf ein Heer von Sympathisanten des Heiligen Krieges – Mitglieder ganz unterschiedlicher islamistischer Netzwerke, die ihm bei Bedarf zur Verfügung stehen. Zarqawi hat in diesem Halbbogen über Ländergrenzen hinweg ebenso seine eigenen Zellen aktiver Heiliger Krieger: in Nordafrika, Spanien, Frankreich, Italien. Und Deutschland: Mindestens 150 seiner Anhänger vermuten deutsche Sicherheitsbehörden vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und in Berlin. Im Umfeld radikaler Moscheen wie der Al-Nur-Moschee im Berliner Stadtteil Neukölln oder im Umkreis des Multikulturhauses in Neu-Ulm hat sich sein Netzwerk etabliert. Radikale Dschihadisten, für die Zarqawis Ideologie, der zufolge „der Dschihad nur mit Terror durchzuführen und erfolgreich ist“, unbedingte Richtschnur ihres Handelns ist.
Auf 125 Seiten beschreibt und analysiert ein Auswertungsbericht des BKA vom 6. September 2004 die Karriere des Abu Mousab al Zarqawi und die Verästelungen seines globalen Beziehungsgeflechtes. „VS – nur für den Dienstgebrauch. Nicht gerichtsverwertbar – nur für die Handakte“ prangt auf jeder Seite. Kein Wunder: Nicht alle Erkenntnisse dürften in einem deutschen Ermittlungsverfahren verwendbar sein. Nicht jede der Quellen, auf die sich das Kompendium stützt, steht in dem Ruf, bei ihren Ermittlungen streng rechtsstaatlichen Gepflogenheiten zu folgen. In 392 Fußnoten werden dezidiert Daten, Quellen und Fakten präsentiert. Dienstreisen deutscher Ermittler nach Rabat in Marokko, nach Amman in Jordanien, Frankreich, Italien. Erkenntnisberichte des deutschen Bundesnachrichtendienstes, des amerikanischen FBI, der CIA sowie immer wiederkehrende Briefings französischer wie israelischer Stellen zeichnen den Werdegang von al Khalayleh al Zarqawi wie das Wachsen seines internationalen „Netzwerks arabischer Mudjahedin“ nach. „Nach hiesiger Einschätzung wird al Zarqawi als Führer eines eigenständigen, autonom arbeitenden terroristischen Netzwerkes gesehen“, so die deutsche Analyse. |