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Bettina Flitner fotografierte Ayaan Hirsi Ali für ihr Buch: „Frauen mit Visionen“, Knesebeck München
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von Jaffe Vink
Ayaan Hirsi Ali bekam zahlreiche Reaktionen auf ihren Artikel, Verleger klopften bei ihr an, sie erhielt Einladungen zu Vorträgen. Im März schrieb sie einen zweiten Artikel für die TROUW. Darin greift sie den sozialdemokratischen Bürgermeister Amsterdams öffentlich an. Job Cohen – übrigens gleichzeitig ihr Vorgesetzter – hatte die Moscheen aufgefordert, sich an der Integration der Moslems in die niederländische Gesellschaft zu beteiligen. „Cohen scheint uns mit seinem Aufruf für ewig in die religiöse, vernunftlose Isolation bannen zu wollen. Damit hat er sich bei den Reaktionären den Ehrentitel ‚Scheich‘ verdient. Scheich Cohen sollte sich allerdings darüber klar werden, dass wir Moslems von Geburt an mit Religion durchsetzt sind, denn genau darin liegt der Grund für unsere Rückständigkeit. Was wir dringend brauchen, sind Philosophieschulen und die Befreiung der Frauen. Hat Scheich Cohen jemals ein Frauenhaus unserer Stadt aufgesucht? Wenn ja, dann hat er mit seinem schier unerschöpflichen Vermögen zuzuhören vielleicht das im Alltag versteckte, hier aber massenhaft zu Tage tretende Leiden der Musliminnen wahrgenommen.“
Bereits mit diesen beiden Artikeln umriss Hirsi Ali ihre Hauptthemen: die Rückständigkeit der islamistischen Welt, die Political Correctness der westlichen Intellektuellen und Politiker und – immer wichtiger – die Emanzipation der Musliminnen. Und was auch nicht ganz unwichtig ist: Ayaan Hirsi Ali ist intelligent, unerschrocken und charmant.
Ein halbes Jahr später veränderte sich ihre Welt. Der Schatten des Mordes an Pim Fortuyn im Mai, verdüsterte noch das Land, als sich der erste Jahrestag der Anschläge vom 11. September näherte. Die Diskussionen über den Islam und die Terroranschläge in Amerika wurden immer heftiger. Hirsi Ali schreibt jetzt für mehrere Zeitungen und Zeitschriften, wird im Radio interviewt und erscheint einige Male im Fernsehen. In einer im Fernsehen ausgestrahlten politischen Diskussionsrunde beschuldigen zwei Moslems Hirsi Ali der Abtrünnigkeit. Es geht hoch her. Die Website des Fernsehsenders zählt zweitausend Reaktionen. Viele positive Stimmen, viele negative – diese in einer bedrohlichen Sprache und mit einem Hass, der seither nicht mehr nachließ: „Diese Hirsi Ali arbeitet mit den Juden zusammen. Sie findet nichts dabei, dass ihr Vorgesetzter, Job Cohen, ein schmieriger Jude ist.“ Auch auf anderen Websites tauchen Drohungen auf. „Ich warte nur drauf, dich abzustechen. Fucking slet!“ Ein Netz aus Drohungen entsteht, die Atmosphäre ist geladen. Die Regierung nimmt die Drohungen ernst, ordnet jedoch keinen Personenschutz an. Ihr Arbeitgeber stellt einen privaten Leibwächterdienst ein. In diesen tumulthaften Wochen wird Ayaan Hirsi Ali zur Berühmtheit. Sie wird „die schwarze Voltaire“ genannt, zum Symbol einer dritten Feministinnengeneration ausgerufen, als „linke Pim“ oder „unser Salman Rushdie“ bezeichnet.
Ich mache sie mit dem Schriftsteller Leon de Winter bekannt. Wie gehen im Hilton-Hotel essen, mit unseren Ehepartnern. Es ist eine ganz alltägliche Situation, fünf Menschen sitzen gemütlich in einem Restaurant zusammen, als plötzlich, unmittelbar nach der Vorspeise, die Leibwächter Ayaan davonzerren. Wir sollen ruhig sitzen bleiben und so tun, als wäre nichts geschehen, so lauten die Instruktionen. Dazu ist uns die Lust vergangen, wir versuchen Ayaan anzurufen, ein Leibwächter nimmt ab, sagt aber nicht viel. Hinterher erfahren wir, dass eine „verdächtige Person“ auf dem Parkplatz gesichtet worden sei. Zwei Wochen später taucht Hirsi Ali zum ersten Mal in den USA unter. Als sie zurückkommt, hat sie den Entschluss gefasst, das Wissenschaftsbüro der Sozialdemokraten zu verlassen und in die Politik zu gehen: Sie wechselt zur liberalen Partei VVD.
Drei Jahre nach unserem ersten Treffen und nach vielen Artikeln und Diskussionen, sitzen wir wieder beim Essen zusammen, diesmal in einem Restaurant an einer Amsterdamer Gracht. Wir sind eine Gruppe aus zehn Schriftstellern, Philosophen und einem Arabisten, den wir unseren Hausimam nennen. Zwei Bodyguards in kugelsicheren Westen sitzen in der Küche, draußen auf der Straße patrouillieren mindestens vier, auf dem Bürgersteig stehen zwei gepanzerte Autos. Es ist Samstag, der 6. November – vier Tage nach dem Mord an Theo van Gogh, dem Regisseur, mit dem Hirsi Ali zusammen den Film Submission I gedreht hat. Man hat ihn mit Kugeln durchsiebt und ihm die Kehle durchschnitten. Mit einem Filiermesser heftete der Mörder noch einen offen Brief an Hirsi Ali auf van Goghs Brust. In diesem Brief wird auch Cohen als Feind des Islams gebrandmarkt, nur weil er Jude ist. Es ist ein verrückter, schwülheißer Abend, die Luft im Raum ist zum Schneiden, alle rauchen plötzlich, wir reden und schreien, jeder lauter als der andere, kein Thema wird ausgelassen, doch vor allem reden wir über den Tod. Als wir uns verabschieden, umarme ich sie, ihren zarten, zerbrechlichen, schwarzen Körper, und der Gedanke, dass es Menschen gibt, die sie umbringen wollen, versetzt mir einen Stich. Ich versuche, es mir nicht auszumalen, ich darf nicht daran denken. Am Samstag darauf wollen wir ihren fünfunddreißigsten Geburtstag feiern. Noch mehr Menschen finden sich jetzt zusammen, darunter ihre Verlegerin, Politiker und die Mutter aller Feministinnen, das Geburtstagskind aber ist ausgeflogen. Eine Orion des Verteidigungsministeriums hatte sie bereits am 10. November in höchster Eile in die USA gebracht. Wochenlang gelang es uns nicht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Es war nicht erlaubt. Schließlich rief der Sicherheitsdienst an und meldete sie an. „Mir geht es gut, aber ich darf nur zwei Minuten lang sprechen.“ Zwei Minuten, das ist zu wenig, um über alles zu reden. „Darf ich dich anrufen?“ – „Nein, das geht nicht.“ Wochen später durfte sie etwas länger reden. Mitte Januar kehrte sie in die Niederlande zurück. Sie gab eine Pressekonferenz, die live im Fernsehen gesendet wurde: „In einer offenen Gesellschaft ist nur Platz für Religionen, zu denen man sich in aller Freiheit bekennen darf.“ Gestern noch rief sie mich an. Sie saß gerade vor ihrem Computer in ihrem Parlamentsbüro. „Ach, warte, ich habe gerade schon wieder eine E-Mail mit einer Todesdrohung erhalten. Die muss ich mal eben weiterleiten.“
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