Paomo ist der chinesische Ausdruck für Blase oder für Schaum. (Das anatomische Organ trägt einen anderen Namen.) Vor vierzig Jahren, als die Kinder in China noch kaum Spielzeug hatten, schnitten sie lange Weizenhalme in kleinere Stücke, hielten das eine Ende in eine Waschschüssel und bliesen wie schon Generationen vor ihnen ins andere Ende. Sie spielten „Zauberblasen“. Zwanzig Jahre später warb ein bayerisches Bierhaus im Osten der chinesischen Hauptstadt mit dem Zauber von Blasen auf der Oberfläche von Gerstensaft.
Blasen sind in China keine Neuigkeit.
Neu ist nur der Ausdruck „Wirtschaftsblase“, neu sind die Teilmengen dieser großen Blase, die sich „Immobilienblasen“, „Währungsblasen“, „Guthabenblasen“ oder „Kreditblasen“ nennen.
Überraschend ist das allerdings auch nicht, denn bei zunehmendem Innendruck oder entsprechender Erwärmung, das lehrt uns die Erfahrung, nehmen Blasen an Volumen zu. In China wie überall auf der Erde. Allerdings wächst die Wirtschaft in China seit mehr als drei Jahrzehnten beharrlich um etwa zehn Prozent, stärker als überall sonst auf der Erde.
Vorausgesetzt, man definiert Wirtschaft so, wie es die handelsüblich durchgesetzten, die traditionellen Statistiken vorschreiben.
Paoying aber ist ein zusammengesetzter Begriff. Wortwörtlich übersetzt heißt Paoying auf Deutsch „Blasenschatten“ und steht für einen Traum, den man besser nicht verfolgt, eine Schimäre, ein böses Hirngespinst. Wie in dem Lehrsatz: „Es ist kein Blasenschatten, dass China bald die Nummer eins ist!“, den mir lachend Herr Zhang, mein Sitznachbar auf dem Flug nach Nanking vorträgt. Herr Zhang trägt einen Anzug aus feinem, dunkelblauem Tuch, den roten Schlips fixiert eine goldene Nadel, den eine kleine Perle schmückt. Seine Visitenkarte weist Herrn Zhang als den Vizepräsidenten einer „Firma für Harmonie und Export“ aus.
In diesen Tagen, kalendarisch haben wir gerade den Anbruch des Jahrs des Tigers erreicht, eine Zeit der Stärke, sind die seriöseren chinesischen Zeitungen, zu schweigen von den elektronischen Kurzprogrammen, gespickt mit Artikeln, Kommentaren, Spekulationen über das Thema: Kann dieses zehnprozentige Wachstum stabil gehalten werden – und wenn ja, auf wessen Kosten? Durchstöbert, durchklickt der Neugierige die entsprechenden Seiten in westlichen Medien, stößt er auf die gleiche Frage: Kann „der stärkste Wachstumsmotor der Weltwirtschaft“, kann die „Werkbank der Welt“, kann der „potenzielle Weltkonsument“ das verzehrende Tempo durchstehen? Wird das kommende Jahrzehnt, zumindest was die Wirtschaft betrifft, tatsächlich das „chinesische Jahrzehnt“ – und was bedeutet das für uns hier im Westen gerade dann, wenn diese Entwicklung in der Volksrepublik als so offenkundig heikel, so blasenanfällig empfunden wird?
Bevor wir hier mit Zahlen, mit flackernden Daten über Bruttoinlandsprodukte, Währungsschwankungen, Pro-Kopf-Einkommen handgemein werden, sollten wir einen kleinen Schritt zurücktreten: Es gab schon einmal eine Zeit, in der die Handels-, auch die Zahlungsbilanz der Chinesen gegenüber „dem Westen“ eindeutig positiv war. Die Rede ist von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als europäische Handelshäuser aus China Tee, Porzellan und Seide in derartigen Mengen bezogen, dass hierzulande der Preis für Silber explodierte. Denn es gab damals nichts, was umgekehrt die chinesische Kauflust an europäischen Gütern so gereizt hätte, dass die Vorfahren des heutigen „potenziellen Weltkonsumenten“ für ihre Waren etwas anderes als Silber, vulgo: „cash“ akzeptiert hätten. Noch ein sonst so herzbewegend aufgeklärter, bekanntlich aber dem Bier stärker als allen anderen Getränken zusprechender Autor wie Jean Paul forderte damals die Errichtung einer „Chinesischen Mauer“ gegen die „fremdländischen Einfuhren“, ganz besonders den Tee, dessen Konsum, ganz anders als der von Kaffee, opiatische Rauschzustände heraufbeschwöre und zudem die Finanzen auf unwiederbringliche Weise schädige.
Das Wort „opiatisch“ wurde mit Bedacht gewählt, denn die Antwort auf das europäische Handelsdefizit gegenüber dem Chinesischen Reich bestand nun einmal in einem Krieg, der in die Weltgeschichte sehr unrühmlich unter dem Namen „Opiumkrieg“ einging und der letztendlich dazu führte, dass bedeutende Teile einer im Kern lebensstarken Kultur durch das Gift Opium gelähmt wurden. Nur geringfügig überspitzt gesagt, pumpten angelsächsische Handelshäuser im Namen des Freihandels Narkotika in das Reich der Mitte, bis ihre Rechnungen wieder stimmig waren.
In den Vereinigten Staaten erzielten andere christliche Akteure gegenüber den dortigen Ureinwohnern mit Alkohol bereits einen ähnlichen Erfolg, nur ging es dort, ökonomisch gesprochen, um Rechte an Grund und Boden und nicht um eine zu korrigierende Zahlungsbilanz. Aber die Ergebnisse ließen sich miteinander vergleichen.
So jedenfalls formulierte es ein führender chinesischer Intellektueller ein paar Jahre bevor das Kaiserreich 1911 zusammenbrach: „Die Gelben erleben das Schicksal der Roten!“ Nur redete damals noch niemand von asymmetrischer Kriegsführung durch den Einsatz von Drogen im Namen von wirtschaftlicher Gerechtigkeit, Prosperität oder Wettbewerbsvorteil. Im Westen sprach man zur Rechtfertigung lieber von der „gelben Gefahr“ – oder im Hause Rockefeller von den 400 Millionen Chinesen, die dringend Öl für ihre Lampen benötigten. Auch so entstehen Wirtschaftsblasen.
Es ist gewiss nicht falsch zu behaupten, dass das Selbstbewusstsein der Chinesen durch diese schändlichen, historischen Erfahrungen mitgeprägt wurde. Anders gesagt: In einem Handel, der seit der „Öffnung des Landes“, Mitte des 19. Jahrhunderts, stets und meist zu Recht als unter militärischem Druck aufgezwungen empfunden wurde, hat das Bild eines „ehrbaren Kaufmanns“ keinen Platz. (Vermutlich übt dieses Bild seine Ikonenfunktion nur noch in hanseatischen Handelskammern aus, die nachweisbar im herzlichen Einvernehmen mit den örtlichen Finanzämtern stehen.) Im konfuzianischen China war für den Kaufmann die niedrigste soziale Kategorie bestimmt. Händler lebten von der Arbeit anderer. Es war also auch von dieser traditionellen gesellschaftlichen Zuordnung nicht zu erwarten, dass in China „Handel“ auf irgendeine andere Weise begriffen würde als ein Geschäft, bei dem verliert, wer sich die Finger nicht schmutzig macht. In der Wirtschaft wie in der dazugehörigen Politik. All dies mag ein wenig zur Klärung der Frage beitragen, warum in Peking in diesen Tagen im Streit über internationale Wirtschaftsfragen, über Schutzzölle, Quoten, Umtauschraten ein so schrill quengelnder, oft aggressiver Ton angeschlagen wird, als lägen tatsächlich schon wieder ausländische Kanonenboote vor chinesischen Häfen.
„Selbst Ihre Frau Merkel“, gibt mir Herr Zhang zu bedenken, „selbst Ihre Frau Bundespräsident hat gegenüber unserer Führung eingestanden, dass sie deren Probleme nicht gerne haben würde.“ Noch bevor ich den Unterschied zwischen den beiden höchsten deutschen Staatsämtern erläutern kann, hat er einen kleinen, silbernen Rechner aus seiner Rocktasche gezogen. Das chinesische Zahlensystem operiert mit der Zahl Zehntausend dort, wo wir im Westen lieber die Tausend verwenden, daher kommt es leicht zu Missverständnissen. So kommt es anfangs zu kurzen Nachfragen, ob es in den vergangenen zwölf Monaten zu neun oder tatsächlich zu neunzigtausend offiziell registrierten Aufständen gegen die staatliche Ordnung gekommen ist.
Auch die Ziffer 2000 Milliarden Dollar für die Devisenreserven der Chinesischen Staatsbank oder die Höhe der Grundstückspreise in der Provinz Kanton werden einmal auf eine Stelle nach oben, einmal auf eine Stelle nach unten korrigiert, so als hätte das Display des Herrn Zhang einen verschneiten Empfang. Doch das Gesamtbild ändert seine Züge nicht: Die wirtschaftliche Lage der Volksrepublik ist gleichzeitig rosig und prekär, weil der neue Reichtum ungleich verteilt ist: Dort, wo das Geld in großen Strömen zirkuliert, geht es oft über zweifelhafte Kredite in fragwürdige Projekte, in Bauten, die niemand bezieht, Straßen, die niemand befährt. Das Nachsehen haben die kleinen und die mittelständischen Betriebe, denen die finanzielle Unterstützung verwehrt wird, weil sie weder einen mächtigen politischen Kader für ihr Projekt gewinnen konnten, noch, hässlicher gesagt, weil sie für die nötige gestalterische Korruption nicht die notwendigen Mittel aufbringen können.
„Wenn nur ‚big‘, wie Sie in Ihrer Sprache sagen, ‚beautiful‘ ist“, seufzt Herr Zhang in seinem kleinen Spitzentanz über zwei oder drei Sprachen, „dann steht ‚small‘ in unserem Land gerade bedauerlicherweise im Schatten von ‚big‘. Das Wort ‚groß‘ hatte hier immer schon einen besseren Klang.“ Er schickt dem Satz noch einen Seufzer hinterher und fügt hinzu: „Außer bei den Antiquitäten, versteht sich.“
Niemand versteht diese Botschaft so genau wie die empfindsamen Ohren und Augen des Landes, die Geheimdienste der Kommunistischen Partei Chinas. Niemand ist daher so empfindlich, die „unumstößliche Wahrheit“ zuzugeben, dass sich im Reich der Mitte die Klassengegensätze verschärfen. Die KP Chinas ist die bizarre Erscheinungsform einer Kirche ohne Dogma und ohne verpflichtende Glaubens- oder Verhaltensgebote, doch unter Beibehaltung aller Folterwerkzeuge der klassischen Inquisition.
Offiziell gilt, wenn schon kein Keuschheits-, so doch ein Armutsgebot, Letzteres macht es so verführerisch leicht, Abweichler, Konkurrenten, politische Gegner der materiellen Verfehlung, vulgo: der Korruption zu bezichtigen. Das ist, wenn das Drama in die Öffentlichkeit getragen wird, das tödliche Ende von Parteikarrieren.
Belastend ist naturgemäß bereits das Wort „kommunistisch“ im Parteinamen, denn irgendwer findet sich immer, der, wie es auf Chinesisch heißt, „die Wahrheit in den Tatsachen sucht“. Und wie kann man dem Volk erklären, warum nicht ein Teil der erwirtschafteten Exportgewinne zum Aufbau einer fehlenden Sozial- oder Rentenversicherung aufgewandt, vielleicht auch in das marode Gesundheitssystem geleitet wird? Wie fühlt sich ein kommunistischer Funktionär, wenn er dem deutschen Besucher erklären muss, dessen Land käme für chinesische Auslandsinvestitionen schon deshalb nicht infrage, weil dort die Rechte der Arbeitnehmer viel zu hoch gehängt – und die entsprechenden Gesetze tatsächlich auch durchgesetzt würden?
Gut, er fühlte sich vielleicht besser, wenn, wie vor Jahren vorgeschlagen, die Partei ihren Namen einfach in „Partei für das chinesische Glück“ umwandelte. Doch natürlich lässt sich auch mit dem alten Namen leben, man muss den Begriff „Kommunismus“ nur ein wenig kreativ strecken, schon trägt das Ding wieder seine rechte Bezeichnung. Akrobatik ist eine Kunst, die über die Seidenstraße in den Westen gedrungen ist.
Die schöne, ja moralisch überzeugende Forderung nach Übereinstimmung von Sachverhalt und Bezeichnung geht auf Konfuzius zurück, jenen Lehrer, dessen Doktrinen gerade eine wunderliche Renaissance erfahren. Weltweit ist in den nächsten Jahren der Aufbau von 200 Konfuzius-Instituten geplant, in denen Sprache und Geschichte Chinas unterrichtet werden sollen. Dass ein zumindest der Verfassung nach sozialistisches Land seinen Kulturexport ausgerechnet mit dem Namen eines Moralphilosophen schmückt, der die Ideologie des Feudalstaates schuf, ist ein reines Wunder. Noch vor 30 Jahren wurden Regimegegner durch die Straßen getrieben und gezwungen, spitze Hüte zu tragen, auf denen stand, ihre Träger seien „faule Eier, die Konfuzius verehrten“. Der größte chinesische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Lu Xun, eine auch von den Kommunisten verehrte Lichtgestalt, ist vielen seiner Leser schon deswegen in bester Erinnerung, weil er den Konfuzianismus als eine Form des Kannibalismus bezeichnete. Das traf auf viel Zustimmung, nicht zuletzt bei Mao Zedong.
Konfuzius wäre der ideale Kandidat für eine intellektuelle Blase, allerdings erfreut sich diese schon deswegen einer relativ harten Haut, weil Konfuzius einer der wenigen Namen ist, die der westliche Ausländer nicht neu lernen muss.
Diesen chinesische Freunde immer wieder verdutzenden Namen haben schließlich europäische Jesuiten in die Welt gesetzt.
Aber so recht überraschend ist die neue Konjunktur des Konfuzius auch nicht. Hier war eine Erfolgsspur vorgezeichnet. Erinnern wir uns nur an einen anderen, im Westen so beliebten, kulturellen Exportschlager – an die Terrakotta-Armee der Totenwächter um das Grab des Ersten Kaisers der Qin-Dynastie. Schon diese vorgeschichtlichen Arno-Breker-Figuren hätten den westlichen Betrachter ein wenig stutzig machen müssen. Jener Erste Kaiser der Qin hatte gewiss seine Verdienste um die Herrschaft von Recht und Ordnung, seine Hinrichtungsquote von Intellektuellen ist bekanntlich legendär. Doch als embryonale Verkörperung des Kommunismus taugt er selbst bei liebevollster Betrachtung nicht.
Hätte weiland unsere DDR versucht, mit einer Ausstellung der Grabbeigaben für den Sachsen Widukind, den Anspruch ihres Arbeiter- und Bauernstaates auf kulturelles Weltniveau anzumelden, sie hätte auf der ähnlichen Linie gekreuzt, wäre aber schrecklich gescheitert.
„Die sind so ruppig geworden, diese Chinesen“, maulen Wirtschaftler, Korrespondenten, Außenpolitiker, Kulturbeamte, wenn sie in jüngster Zeit nach ihren Erfahrungen im Umgang mit den Vertretern der neuen Weltmacht befragt werden. Die meisten maulen nicht völlig ohne Grund.
Denn plötzlich führen diese Chinesen sich auf, wie die meisten anderen sich aufführen in unserer Weltgemeinschaft. Sie unterhalten heimliche Staats- oder Foltergefängnisse, sie brechen Verträge und lügen in aller Öffentlichkeit, sie verpesten die Umwelt, horten heimliche und öffentliche Devisen, überziehen das Land mit Abhöranlagen, missachten die Rechte des Bürgers, respektieren nicht einmal die grundsätzlichen Forderungen der Französischen Revolution, die wir doch so dringend benötigten, um unsere Menschenrechte zu legitimieren.
Anders gesagt: Die Chinesen sind in der Moderne angekommen, und vielleicht ist es das, was uns am meisten nervös macht – in unserer eigenen Blase der Selbstgerechtigkeit und aufgeklärten Selbstüberschätzung. Von all den anderen Blasen ganz abgesehen.
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