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Zwei zweifelhafte Märtyrer von Carlos Widmann Gerichtstag in Chile: Der internationalen Hassfigur Augusto Pinochet soll mit 89 Jahren der Prozess gemacht werden. Doch der Totengräber der chilenischen Demokratie war sein Vorgänger – der tief verehrte Volksfront-Präsident Salvador Allende. Eine Sandsteinsäule in Dresden glaubt noch an den frommen Mythos. Sie zeigt das Antlitz eines Schnurrbärtigen mit Brille: „Salvador Allende, Präsident Chiles, ermordet von einer reaktionären Militärjunta am 11. September 1973“. Doch dem Mahnmal ist der Sinn abhanden gekommen: Einen Salvador-Allende-Platz vor dem schönen Altbau der Dresdner TU gibt es nicht mehr; die Umbenennung aus der Ära Honecker wurde rückgängig gemacht. Heute erinnert der vergessene Gedenkstein weniger an Chile als an die alte DDR. Warum in so viele Epitaphe die Falschmeldung „ermordet“ gemeißelt wurde, ist mit etwas Nachsicht zu begreifen. Zu dem Märtyrer-Gewand, das dem Leichnam Allendes von östlichen Funktionären und westlichen Schwärmern übergezogen wurde, passte die Legende der Erschießung besser als das Faktum der Selbstentleibung. Zeugen aber hatten früh die Darstellung der Generäle bestätigt, dass der Volksfront-Präsident sich das Leben genommen habe, ehe die Truppen das Palais besetzten. Am liebsten würde Chiles Linke dem einstigen Fünf-Sterne-General und Staatspräsidenten Augusto Pinochet Ugarte, heute 89, sogar diesen Tod von eigener Hand zur Last legen. Die Justiz der Andenrepublik, die vor 31 Jahren den Staatsstreich als Befreiungsschlag und Wiederherstellung der Rechtsordnung begrüßt hatte, tut sich da schwerer. Ein vollständiger Generationswechsel musste abgewartet werden, bis das neue, einem Prozess gegen den Patriarchen adäquate Rechtsempfinden sich eingestellt hatte. Nun muss Chiles verjüngte Richterschaft sich ein atemberaubendes Wettrennen mit dem Sensenmann liefern: Die Letzte Ölung hat Augusto Pinochet bereits empfangen; der Rollstuhl mit der greisen internationalen Hassfigur dürfte demnächst mit unziemlicher Eile in den Gerichtssaal geschoben werden. „Späte Gerechtigkeit in Chile“, melden deutsche Blätter, als wäre das Urteil bereits gesprochen. Unter den 15 Millionen Chilenen aber wird die Gestalt des Angeklagten – auch von vielen, die im Namen der Opfer eine Verurteilung wünschen – differenzierter gesehen, mit höchst gemischten Gefühlen. Denn General Pinochet kommt vor Gericht in einer radikal modernisierten und reformierten Republik, deren Hauptreformer er selbst war. Das Wirtschaftswunder, das Chile seit über 20 Jahren die höchste und beständigste Wachstumsrate des amerikanischen Kontinents beschert, ist unbestritten ein Pinochet-Wunder. Lateinamerikas Musterstaat, der den Ex-Diktator aburteilen, womöglich einkerkern soll, ist in hohem Maße dessen ureigenste Schöpfung. Lebende kriegen in Chile kein Denkmal, aber der tote Salvador Allende hat seit vier Jahren das seine. Mit Messing überzogen, glänzen in der Sonne Schnurrbart und Brille, und der Rumpf ist mit der Landesflagge drapiert. Es war der jetzige sozialistische Präsident Ricardo Lagos – der vom Sozialismus Allendes gar nichts hält –, der das Denkmal nach seinem Amtsantritt vor dem Präsidentenpalais aufstellen ließ; dort posierten bereits Allendes Vorgänger Jorge Alessandri (konservativ) und Eduardo Frei (Christdemokrat). Das Monument wurde genehmigt mit Zustimmung der Rechten, die sich ansonsten zu Pinochet bekennt und im Abgeordnetenhaus 57 der 120 Sitze einnimmt. Zur Wiederherstellung der historischen Balance wollen die Rechten „zu gegebener Zeit“ ein Pinochet-Denkmal erzwingen. Niemand habe ein Monopol auf die Geschichte. |
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