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Doch die Mauer funktioniert
von Bruno Schirra



In Abu Dis. Wo zwischen all dem Dreck, dem Müll, in all dem Staub vereinzelt Katzen umherstreunen, fett und träge und ohne jede Angst vor ausgemergelten Hunden. Der Betonwall macht hier einen Knick, in dessen Ecke sich Abu Hassan nach seinem Lachanfall in einen Sessel plumpsen lässt, sich noch einmal auf die Schenkel klatscht. So abrupt das Lachen aus ihm herausexplodiert ist, so plötzlich verstummt es. „Gott, ist das köstlich“, sagt er im schleppenden Texas-Englisch und zeigt auf die nackte Betonwand über sich. Eine Wand muss schon sehr groß und sehr mächtig sein, wenn sie in ihrem Schatten einen so wuchtigen Mann wie Abu Hassan nichtig, fast zwergenhaft klein wirken lässt.

Das war der Moment, an dem die Umstehenden gegangen waren, wortlos und mit gesenkten Häuptern. Später sollte einer der Weggegangenen sagen, dass es für Leute wie Abu Hassan wohl einfach und billig ist, sich dergestalt zu amüsieren. Über sie, die Dagebliebenen, über die Mauer, die ihr Leben zerschneide, „die Wand, die unsere Seele, unsere Vergangenheit, unsere Zukunft zerstört. Abu Hassan hat es einfach. Sein Leben ist nicht einbetoniert.“

Was sicher stimmt, denn Abu Hassan war im Sommer nur für ein paar Tage aus den USA, wohin es Marwan Abdelhamid vor dreiunddreißig Jahren bis hin nach Houston Texas verschlagen hat, nach Abu Dis zu Besuch gekommen. „Hier in Abu Dis, der künftigen Hauptstadt unseres großen Rais Abu Ammar“, sagt er, „bin ich als Vater meines Sohnes Hassan nur Abu Hassan. In den Staaten dagegen bis ich Mr. Abdelhamid.“ Irgendwann in diesen dreiunddreißig Jahren war es ihm wichtiger geworden, ein Mister und nicht nur ein Abu zu sein.

Und dann erzählt er, was ihn so ins Lachen getrieben hat, spricht darüber, dass von zwei Fabriken, die den Zement für den Bau der Mauer, die das Heilige Land durchschneiden und Israelis vor Terror schützen und von den Palästinensern separieren soll, die eine zwar in Irland, die andere hingegen im Westjordanland sei, die größte ihrer Art, und sich zudem ausgerechnet im Besitz des palästinensischen Premierministers Ahmad Qurei befinde, da dem das Zementmonopol in Palästina von Yassir Arafat höchstpersönlich als Lohn für seine treuen Dienste übereignet worden sei. Und er gar prächtig am Bau der von ihm so gescholtenen Mauer verdiene. „Aber immerhin, jetzt hat die zukünftige Hauptstadt des Staates Palästina wenigstens eine Attraktion. Sag selbst: Gegen unsere Mauer war eure Berliner Mauer doch nur ein Nichts.“ Sagt Abu Hassan.

Alle möglichen Friedensplaner haben dem verrotteten Häuserhaufen von Abu Dis die Rolle der künftigen palästinensischen Kapitale zugedacht. Für jene Friedenszeiten, die der seit September 2000 tobende Krieg zwischen Palästinensern und Israelis ins Irgendwann katapultiert hat. Einen Krieg, der wohl weniger Al-Aqsa-Intifada als vielmehr Yassir-Arafat-Intifada heißen sollte, denn der hat diesen Krieg vor vier Jahren ausgerufen, was der letzte große strategische Fehler im Leben des palästinensischen Rais gewesen ist. Hat er doch letztendlich die Staatswerdung Palästinas verhindert. Sein Krieg hat Tausende das Leben gekostet.
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Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Januar 2005

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Bruno Schirra
Bruno Schirra bereist seit vielen Jahren als Reporter den Nahen Osten. Er lebt in Berlin.


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