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Robert F. Kennedy jr. Foto: picture-alliance |
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Interview mit Robert F. Kennedy jr.
Interview mit Robert F. Kennedy jr.
Im Wahlkampf hatten Sie sich für John Kerry eingesetzt. Wie enttäuscht sind Sie vom Sieg von George W. Bush?
Ich habe den Schock noch nicht überwunden. Bush ist eine Katastrophe für mein Land, unsere Wirtschaft, die Umwelt und unsere internationalen Beziehungen.
Die Mehrheit Ihrer Mitbürger hat das anders gesehen – die haben Bush gewählt, und damit die Moral, für die er steht.
Der oberste traditionelle Wert der USA ist die Demokratie – sie wurde bei uns erfunden. Von den Vereinigten Staaten aus hat sie sich ausgebreitet. Die USA stehen auch für Fairness, Gerechtigkeit und eine unabhängige Gerichtsbarkeit, für das Recht der Menschen, die Dinge zu kontrollieren, die ihr Leben direkt betreffen. Und im Wesentlichen haben wir die Erwartungen, die die Welt in uns setzte, bisher auch erfüllt.
Bedroht Bush diese Werte?
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich als kleiner Junge mit meinem Vater durch Europa reiste. Damals standen die Menschen auf den Straßen. Zehntausende, manchmal Hunderttausende kamen einfach nur, um einen amerikanischen Politiker zu sehen. Damals waren wir die moralische und politische Führungsnation.
Das ist vierzig Jahre her.
Falsch! Noch einen Tag nach den Anschlägen vom 11. September 2001 titelte Le Monde, die größte Zeitung Frankreichs: „Jetzt sind wir alle Amerikaner.“
Eine solche Schlagzeile ist heute nicht mehr denkbar.
Genau. All den Kredit an internationalem Respekt und moralischer Führung, den sich die USA über zwei Jahrhunderte mit Disziplin und visionärer Führung aufbauten, hat Präsident Bush in nur dreieinhalb Jahren verspielt.
Und nichts ist davon übrig geblieben?
Alles ist weg. Und nur wegen der monumentalen Arroganz und Inkompetenz dieses Präsidenten. Die USA sind heute die meist gehasste Nation der Welt. Fünfeinhalb Milliarden Menschen fürchten und verachten uns. Das ist für mich die bitterste Pille der Präsidentschaft Bush. Die Amerikaner haben keine Ahnung davon, wie sehr sie rund um die Welt gehasst werden. Sie werden einfach nicht darüber informiert.
Heißt das, die freie amerikanische Presse verschweigt solche Informationen?
Die Medien von heute sind das Ergebnis einer dreißigjährigen Strategie der amerikanischen Rechten. In den siebziger Jahren entstand eine unheilige Allianz zwischen der umweltzerstörenden Industrie und den rechten Ideologen. Zuerst wurden rechte Thinktanks im Schatten des Capitols gegründet. Dann übernahmen sie die Medien.
Übertreiben Sie jetzt nicht?
Ich sage Ihnen: Rechte, fast schon rechtsextreme Gruppen kontrollieren alle 5000 amerikanischen Fernsehsender, die 15 000 Radiostationen und achtzig Prozent der amerikanischen Printmedien.
Mit welchen Konsequenzen?
In den Vereinigten Staaten geht es heute zu wie in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland, Italien oder Spanien. Eine wahre Braunhemden-Haltung greift um sich. Wer immer die Regierung kritisiert, wird als unpatriotisch gebrandmarkt.
Gehen Sie nicht etwas zu weit?
Auch in Europa gab es die rechten Industriellen, die einen Pakt mit fanatischen Faschisten schlossen. Vergessen Sie nicht – auch Hitler wurde demokratisch gewählt – von den Bürgern der gebildetsten Nation der Welt. In den USA sehen wir heute ähnliche Muster.
Sie vergleichen Ihr Land mit dem Deutschland vor Hitler?
Dann schauen Sie sich mal die Zusammensetzung des Kabinetts der Regierung Bush an. Da sitzen dreimal mehr Vorstandsvorsitzende als in jeder früheren amerikanischen Regierung. Überall sitzen Lobbyisten der gierigsten und zerstörerischsten Industrien in politischen Spitzenpositionen.
Wie steht es mit dem „barmherzigen Konservatismus“, den Bush zu seiner Maxime gemacht hat?
Wofür immer Bush und seine Leute stehen – es ist nichts als Betrug. Nehmen Sie das Wort „konservativ“. Es kommt von konservieren, also bewahren. Aber wo bewahren die Neokonservativen denn? Sie predigen den freien Markt und kümmern sich in Wahrheit nur um das Wohlergehen ihrer Konzerne. Die Bush-Männer behaupten, für Recht und Ordnung zu stehen. Und dann sind sie die Ersten, die die Gesetzesbrecher der Konzerne laufen lassen. Sie bezeichnen sich als Christen. Und brechen ständig alle Regeln, die uns der christliche Glaube aufträgt. Die von Bush propagierte Form des Kapitalismus lähmt die Demokratie, unsere Effizienz und vermindert unseren Wohlstand.
Interview: Johannes von Dohnanyi |