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Europa, das ist, was zählt“
von Bettina Röhl

Ich bin zum ersten Mal in Danzig. Meine Großeltern lebten hier, mein Vater ging hier zur Schule. Dann kam der Zweite Weltkrieg, Danzig wurde zu Gdansk. Eine polnische Stadt mit deutscher Vergangenheit – und europäischer Zukunft.

Es ist mein erster Besuch in Polen. Kurz vor Stettin überquere ich die Grenze. Die ersten dreißig Kilometer Autobahn auf polnischer Seite sind reich an Schlaglöchern, es ist ungefähr so, wie man sich den wilden Osten vorgestellt hat. Hinter Stettin hört die Autobahn ganz auf und eine Landstraße beginnt, die 350 Kilometer bis nach Danzig durchgeht – immer entlang der Ostsee, die man ab und zu in der Ferne sieht.

Meine Großeltern kamen aus Danzig, mein Vater drückte hier noch bis zur zehnten Klasse die Schulbank. Meine Urgroßeltern bewohnten drei schmale Häuser mitten in der so genannten Rechtsstadt, der eigentlichen Altstadt. Sie hatten dort ein Korbgeschäft, das größte Westpreußens, wie es mein Urur-großvater auf einem Plakat beworben hatte. Die Neumanns durften sich sogar kaiserlicher Hoflieferant nennen, weil sie einmal dem deutschen Kronprinzen für dessen Badeurlaub Strandkörbe in das Seebad Zoppot geliefert hatten. In den zwanziger Jahren war meine Oma auf dem berühmten „Langen Markt“ entlangflaniert und hatte ihre ersten Tanzstundenabenteuer erlebt, von denen sie mir manchmal erzählte. Damals war der Lange Markt das Zentrum, wo sich die jungen Leute trafen, wo man flirtete, einkaufte, das Leben genoss. Danzig war für mich – wie wohl für die meisten meiner Generation – nicht besonders real, nicht sehr nah. Glücklicherweise haben meine Großeltern nie über den Verlust ihrer Heimat, den sie natürlich bedauerten, gejammert, sodass ich eigentlich ihre Erzählungen gar nicht in einen bestimmten Ort gelegt hatte, sondern von den Scherzen einer Tanzstunde oder dem Verkauf von Rattanmöbeln, Strandkörben und Kinderwagen erzählt bekam.

Die Bevölkerung Danzigs war damals zu 95 Prozent deutsch und zu fünf Prozent polnisch. Die Stadt lag mitten in Polen, was zu historisch gewachsenen, engen Beziehungen zwischen Stadt und Land geführt hatte. Dann kamen der Zweite Weltkrieg und schließlich die sowjetische Besatzung. Danzig war im Krieg von Zerstörungen aus der Luft verschont geblieben und wurde erst am Ende des Krieges durch Gefechte zu einem großen Teil zerstört. Dies betraf viel weniger die Außenbezirke, in denen die Mehrzahl der Einwohner Danzigs lebten, sondern vor allem die Rechtsstadt, die übrigens nicht so heißt, weil sie etwa rechts der Mottlau läge, sondern weil sie sich auf Lübecker Recht aus der Hansezeit gründet.


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Bettina Röhl
Bettina Röhl arbeitete für Tempo und Spiegel TV und lebt heute als freie Journalistin in Hamburg.


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