Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
zoom
Panikmache gilt nicht
von Bjørn Lomborg

Die wahren Probleme unseres Planeten sind nicht unbequeme Fakten. Vielmehr haben wir durch falschen Alarmismus vernünftige Lösungen blockiert. Es ist daher allerhöchste Zeit, durch langfristige Forschung unsere Umwelt zu retten.

Lesen Sie auch:
Cicero-Dossier: Unsere Umwelt

Rund um das Thema Erderwärmung wimmelt es nur so von wilden Schauergeschichten. Berühmt ist beispielsweise Al Gores Behauptung, dass ein Anstieg des Meeresspiegels um dramatische sechs Meter große Städte auf der ganzen Welt überfluten würde.

Gores wissenschaftlicher Berater, James Hansen von der Nasa, hat den Ausführungen seines Schützlings sogar noch eins draufgesetzt. Hansen meint, der Meeresspiegel werde letztlich um 24 Meter ansteigen, wobei der Anstieg allein in diesem Jahrhundert sechs Meter betragen soll. Kein Wunder, dass sein Umweltschützerkollege Bill McKibben behauptet, dass „wir uns an einer rücksichtslosen und rasanten Überflutung großer Teile des Planeten und großer Teile der Schöpfung beteiligen“.

Angesichts all dieser Warnungen, hier eine nur geringfügig unbequeme Wahrheit: In den vergangenen zwei Jahren ist der globale Meeresspiegel nicht gestiegen. Er ist vielmehr leicht gesunken. Seit 1992 messen Satelliten im Erdorbit den Meeresspiegel alle zehn Tage mit einem erstaunlichen Grad an Genauigkeit – auf drei bis vier Millimeter. Über zwei Jahre hinweg sind die Meeresspiegel gesunken (sämtliche Daten sind unter sealevel.colorado.edu abrufbar).

Das soll nicht heißen, dass an der globalen Erwärmung nichts dran ist. Da wir mehr CO2 ausstoßen, wird auch die Temperatur moderat ansteigen und dafür sorgen, dass die Ozeane sich etwas erwärmen und ausdehnen. Daher rechnet man auch damit, dass der Meeresspiegel wieder ansteigt. Der Uno-Klimaausschuss gibt hierzu Auskunft. Die besten Modelle deuten auf einen Anstieg des Meeresspiegels in diesem Jahrhundert um 18 bis 59 Zentimeter hin, wobei die häufigste Schätzung bei 30 Zentimetern liegt. Das ist keineswegs erschreckend oder besonders beängstigend – in den vergangenen 150 Jahren ist der Meeresspiegel auch um 30 Zentimeter gestiegen.

Um es einfach auszudrücken: Wir werden mit hochgespielten Horrorgeschichten überschüttet. Dass der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert um sechs Meter ansteigen soll, steht im Widerspruch zur Meinung von Tausenden Wissenschaftlern der Uno. Um diesen Wert zu erreichen, müsste sich der Anstieg des Meeresspiegels ungefähr um das 40-Fache beschleunigen. Man stelle sich vor, wie die Klima-Panikmacher die Story aufbauschen würden, wenn tatsächlich ein verstärkter Anstieg des Meeresspiegels zu beobachten wäre.

In zunehmendem Maße verlangen diese Klima-Alarmisten nun, dass uns diese Fakten nicht mehr präsentiert werden dürften. Im Juni verkündete Hansen, dass Personen, die „Desinformationen“ über die Erderwärmung verbreiten – Konzernchefs, Politiker und praktisch jeder, der Hansens beschränkter Definition von „Wahrheit“ nicht folgt – wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt werden sollten.

Es ist deprimierend, wenn ein Wissenschaftler – wenn auch ein von der Politik höchst vereinnahmter – eine moderne Inquisition fordert. Ein derart krasser Versuch, den wissenschaftlichen Diskurs zu beschränken und die freie Meinungsäußerung zu ersticken, scheint unverzeihlich.

Aber das Ganze ist vielleicht auch ein Symptom eines umfassenderen Problems. Es ist schwierig, die Klimapanik aufrechtzuerhalten, nachdem die Realität von den alarmistischen Prognosen mehr denn je abweicht: Die globale Temperatur ist in den vergangenen zehn Jahren nicht gestiegen, sondern in den vergangenen anderthalb Jahren gefallen. Und aus Studien geht hervor, dass sie wahrscheinlich bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts auch nicht ansteigen wird. Aber angesichts einer sich abzeichnenden Rezession sowie hoher Öl- und Nahrungsmittelpreise, die den Lebensstandard der westlichen Mittelschicht bedrohen, wird es immer schwieriger, kostspielige und ineffiziente Lösungen im Stile des Kyoto-Protokolls mit seinen drastischen CO2-Reduktionen zu verkaufen.

Ein viel vernünftigerer Ansatz als Kyoto und dessen Nachfolgelösung wäre, mehr in Forschung und Entwicklung kohlenstofffreier Energietechnologien zu investieren – mit denen man das Klimaproblem kostengünstiger und effektiver lösen könnte.

Mit seinen Versuchen, anderen die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass sich seine Botschaft immer schwerer verkaufen lässt, ist Hansen nicht allein. Der führende kanadische Umweltschützer David Suzuki erklärte Anfang des Jahres, dass Politiker, die „am Klimawandel mitschuld sind“, inhaftiert werden sollten. Dem Aktivisten Mark Lynas schweben „internationale Strafgerichtshöfe“ im Stile Nürnbergs vor, wo es Verfahren gegen diejenigen geben soll, die es wagen, das Klimadogma anzuzweifeln. Mit diesem Artikel begebe ich mich also ganz klar in Gefahr, von Hansen & Co ins Gefängnis geworfen zu werden.

Das wahre Problem des Planeten besteht allerdings nicht in einer Reihe von unbequemen Fakten. Vielmehr haben wir vernünftige Lösungen durch alarmistische Panik blockiert, und das führte zu schlechten Strategien.

Man denke dabei an einen der bedeutsamsten Schritte, der als Reaktion auf den Klimawandel unternommen wird. Aufgrund der Klimapanik sollten CO2-Emissionen durch den Einsatz von Biokraftstoffen reduziert werden. Hansen beschrieb diese als Teil einer „besseren Zukunft für den Planeten“. Aber der Einsatz von Biokraftstoffen im Kampf gegen den Klimawandel muss als eine der schlechtesten globalen „Lösungen“ für jedwede Herausforderung der jüngsten Zeit bewertet werden.

Mit den Biokraftstoffen nimmt man praktisch den Menschen Nahrung und gibt sie stattdessen den Autos. Die Menge an Getreide, die man für die Füllung eines SUV-Tanks mit Ethanol benötigt, reicht aus, um einen Afrikaner über ein Jahr zu ernähren. Dreißig Prozent der Maisproduktion der USA werden auf amerikanischen Autobahnen verheizt. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch Subventionen, die sich weltweit allein im heurigen Jahr auf insgesamt 15 Milliarden Dollar belaufen.

Weil der zunehmende Bedarf an Biokraftstoffen zur Rodung von kohlenstoffspeichernden Wäldern führt, ist der Netto­effekt des Einsatzes dieser Kraftstoffe nicht eine Reduktion der CO2-Emissionen, sondern deren Verdoppelung, wie eine Science-Studie aus dem Jahr 2008 zeigt. Der Ansturm auf Biokraftstoffe hat auch einen großen Beitrag zum Anstieg der Lebensmittelpreise geleistet, die ungefähr weitere 30 Millionen Menschen an den Rand des Hungertodes gebracht haben.

Aufgrund der Klimapanik haben unsere Bestrebungen, den Klimawandel zu entschärfen, zu einem umfassenden Desaster geführt. Wir werden Hunderte Milliarden Dollar verschwenden, die Erderwärmung verschlimmern und die Zahl der Hungertoten dramatisch erhöhen.

Wir müssen aufhören, uns zu Tode zu fürchten, aufhören, dumme Strategien zu verfolgen und stattdessen beginnen, in langfristige Forschung und Entwicklung zu investieren. Anschuldigungen von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ müssen unterbleiben. Die wahre Straftat ist die Panikmache, die unseren Geist vor den besten Möglichkeiten verschließt, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.
Übersetzung: Helga Klinger-Groier

Foto: Picture Alliance


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe September 2008

» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Weltbühne als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Artikel aus
Ausgabe September 2008
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft

Bjørn Lomborg
Bjørn Lomborg lehrt Politikwissenschaft an der Copenhagen Business School. Sein Buch „The Skeptical Environmentalist“ machte ihn als kritischen Denker in ökologischen Fragen weltweit bekannt.


Schluss mit den Ausreden
mehr lesen
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Moral war keine Kategorie“
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Berliner Republik
Produktionsfaktor Kind
mehr lesen
Das Konservative ist heute progressiv
mehr lesen
Kapital
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Die Politik fördert die Altersarmut
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
Deutschlands Staatsmuseen
mehr lesen
Meschugge in Manhattan
mehr lesen
Leinwand
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
"Mit Busen ist es so..."
mehr lesen
Netzstücke
Nur ein leicht mürrischer Schnauzbartträger
mehr lesen
„Moral war keine Kategorie“
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben