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Im Namen des Vaters
von Wolfram Eilenberger

Was treibt einen Mann zum Präsidentenamt? Die Autobiografien John McCains und Barack Obamas erzählen es: Es ist der Wunsch, vom eigenen Vater geliebt und gehört zu werden. Ein Kampf um Anerkennung, der beide Kandidaten bis heute politisch bestimmt.

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John McCain oder Barack Obama, das bedeutet zunächst und vor allem die Wahl zwischen zwei Biografien. Denn viel eher als konkrete politische Programme verkörpern diese Kandidaten zwei grundverschiedene Visionen des „American Way of Life“. Eine Differenz der Lebensentwürfe, die nirgendwo klarer zum Ausdruck kommt als in ihren bereits Ende der neunziger Jahre veröffentlichten Autobiografien. Mit erstaunlicher Offenheit legen McCain und Obama in diesen Werken Zeugnis über die Vorgeschichte ihres politischen Daseins ab. Und bereits die Titel lassen keinen Zweifel, in wessen Namen sie Amerika zu führen gedenken. John McCain stellt sein Leben unter die Überschrift „Faith of My Fathers“. Barack Obama wählt: „Dreams from My Father“.

Freilich, unterschiedlichere Vaterfiguren wären kaum denkbar. Gleich auf der ersten Seite seiner Autobiografie erklärt John McCain: „Mein Großvater war ein Vier-Sterne-Admiral der Navy. Meinem Vater sollte es als erstem Admiralssohn in der Geschichte der Navy gelingen, den gleichen Rang wie sein Vater zu erreichen.“ Eine Familientradition höchst dekorierter Weltkriegshelden also, die den 1936 geborenen McCain „als Jungen oft eingeschüchtert hat und gegen deren Erwartungen ich, halbherzig, ankämpfte“.

Und Barack Obama? Wenn er es nur so genau wüsste. 1961 erblickt er in Hawaii das Licht der Welt, als Frucht der überstürzten Ehe einer 18-jährigen, weißen Erstsemesterin aus Kansas mit einem kenianischen Austauschstudenten. Schon bald zieht es den hochbegabten Vater zur Ökonomie-Promotion nach Harvard – und damit weg von seiner jungen Familie. „An dem Punkt, an dem meine eigenen Erinnerungen einsetzen“, schreibt Obama, „hatte meine Mutter bereits eine Beziehung mit dem Mann begonnen, der ihr zweiter Ehemann werden sollte.“ Diesmal ist es ein indonesischer Gaststudent. Er nimmt die Familie mit nach Jakarta. Doch auch diese Verbindung zerbricht schnell, und mit der Rückkehr ins Haus der Großeltern nach Hawaii ahnt der siebenjährige Barack – als einziger Farbiger in seiner Klasse – die eigene Identität, auf drei Kontinente verstreut.

Rastlosigkeit, permanente Ortswechsel, das sind auch die bestimmenden Erfahrungen der Kindheit John McCains. Zu Identitätszweifeln führen sie indes nie: „Unsere Familie zog ständig um. Verwurzelt nicht an einem Ort, sondern in der Kultur der Navy.“ Eine geschlossene Welt militärischer Strukturen und Regeln, die tief ins Familienleben ragen und deren Geltung vom Vater verbürgt wird. Jedoch – und darin besteht das einende Leitmotiv beider Autobiografien – auch John ­McCains Vater ist chronisch abwesend. „Wir Kinder der Navy sehen unsere Väter nur selten… Man lehrt dich, die Abwesenheit nicht als Einbuße, sondern als Ehre zu begreifen…, und so bekräftigt die Abwesenheit ein Bild des Vaters, das gerade für einen kleinen Jungen besonders attraktiv ist.“

McCain beschreibt die Beziehung zum Vater sinnreich als eine „metaphysische“ – also jenseits körperlicher Präsenz und damit alltäglicher Anfechtbarkeit. Barack Obama, vom (Groß-)Elternhaus mit Erzählungen vom genialen Vater auf Mission zur Demokratisierung Kenias versorgt, spricht im Zusammenhang fast gleichlautend von einem „Mythos“ – identitätsprägend und uneinholbar zugleich. Große, übergroße Vaterbilder also im Zentrum des eigenen Wertekosmos. Und Väter, die, wie beide Autobiografen eingestehen, das Gefühl schuldloser Zurückgewiesenheit hervorrufen.

Es hat seinen psychologischen Reiz, das Muster des durch Abwesenheit besonders präsenten Über-Vaters auf die jüngere amerikanische Geschichte anzuwenden – etwa Präsidentensohn George W. Bush oder den posthum geborenen William B. Clinton. Aber mag es auch nicht zu einer umfassenden Theorie präsidialen Ehrgeizes reichen, so ist die Frage nach dem Vater unzweifelhaft das dominante Motiv in der Kindheit der beiden Muttersöhne Barack Obama und John McCain. Ihr Kampf um ein eigenes, verantwortungsfähiges Selbst wird zur Suche nach einer Stimme, die es ihnen erlauben würde, mit dem eigenen Vater in ein klärendes Gespräch zu treten. Denn im Anfang ihrer Jugend, das bekennt sowohl der „straight talker“ McCain als auch der begnadete Redner Obama, stand nichts als Sprachlosigkeit.

So ist dem neunjährigen Obama von der lebenslang einzigen Begegnung mit dem Vater nur Schweigen erinnerlich: „Ich fühlte mich ihm gegenüber wie stumm. Und er zwang mich nicht zum Sprechen… Wenn ich in meinem Gedächtnis nach Worten meines Vaters suche… so sind sie für immer verloren.“ Die Erinnerung John McCains bleibt gleichermaßen stumm: „Mein Vater hatte mir niemals befohlen, die Marine-Akademie zu besuchen. Zwar gehe ich fest davon aus, dass wir darüber hin und wieder gesprochen haben, aber ich kann mich an diese Gespräche nicht erinnern… genauso wenig wie an Gespräche, in denen es darum gegangen wäre, eine andere berufliche Karriere zu erwägen.“

Diese offenbaren Gemeinsamkeiten sollten indes nicht entscheidende Differenzen verdecken. Der jugendliche John ­McCain ruht in der Unstrittigkeit einer vorgegebenen Karriere, so tief und unbefragt, dass er nicht einmal die Augen vor der Möglichkeit eines anderen Lebens verschließen muss. Seine epische Vaterfigur ist von geradezu erdrückender Über-Bestimmtheit. Jüngling Barack Obama hingegen findet sich als Hybride in eine romanhafte Situation transzendentaler Obdachlosigkeit geworfen, ausgehend von einer in ihren Ansprüchen radikal unterbestimmten Vaterfigur. Er hat sich nicht für eine Karriere zu entscheiden, sondern – zunächst und viel grundlegender – eine Identität zu finden.

McCain fügt sich in die ihm zugedachte Rolle und geht an die Navy-Akademie von Annapolis. Obama wählt zum Studienbeginn ein schwarzes College in Los Angeles. Matrose ­McCain zeigt sich als Rabauke und Rebell, dessen halbherziger Drang zum Ausbruch sich nicht zuletzt in einer intellektuellen Leistungsverweigerung zeigt. Er schließt die Akademie – keine so leichte Sache – als 504. von 509 Jahrgangsabsolventen ab. Munter betrunken zieht der Matrose fortan durch die Häfen und Nachtclubs dieser Welt. Die einzige Richtungsentscheidung dieser Jahre wiederholt die Karrierewahl des Großvaters zum Navy-Flieger. Doch auch hier fehlt der rechte Ernst: „Ich fuhr eine Corvette, hatte viele Verabredungen, verbrachte meine freie Zeit in Bars und auf Strandpartys und verging mich auch sonst ohne Skrupel an meiner Jugend und guten Gesundheit.“

Von derartigen Freuden ist Obama in gleicher Lebensphase denkbar weit entfernt. Wollen wir seinen Schilderungen glauben, trottet er als fleißiger Student ohne wahren Wissenstrieb zweifelnd durch die Metropolen von Los Angeles und New York; ein grübelndes Gespenst seiner selbst, ohne inneren Kompass und Ziel. Und wo John McCain sich autobiografisch freimütig als Frauenheld präsentiert (wilde Affären mit brasilianischen Top-Models und floridianischen Striptease-Tänzerinnen), erscheint uns der nicht eben unattraktive Barack Obama bis zu seinem 35.Lebensjahr als sexuelle Non-Entität. Die einzige Beziehung, die erwähnt wird, zerbricht tragisch an ethnischen Differenzen.

Mitten hinein in diesen Strudel fällt die Meldung, der Vater sei bei einem Autounfall in Kenia tödlich verunglückt. Wohl alkoholisiert. Denn auch das ist eine Einsicht, die beide Söhne offen aussprechen: Ihre großen Väter waren Alkoholiker. In den einfühlenden Worten McCains: „Mein Vater kehrte mit einem großen Durst aus dem Krieg zurück, den er bis zum Ende seines Lebens nicht mehr zu stillen vermochte.“

Die Sehnsucht nach Anerkennung schmälert dieser Makel nicht. Im Gegenteil. Er stachelt ihn an. Für Tunichtgut John McCain kann das nur bedeuten: auf in den Krieg, nach ­Vietnam! Doch bevor er geht, die Autobiografie erreicht ihren Angelpunkt, sucht er noch einmal den mittlerweile eher politisch als militärisch aktiven Vater in Washington auf. Es wird ein sachliches, unpersönliches Gespräch, dessen wahre Hintergründe von McCain nicht ehrlicher erinnert werden könnten: „Ich bewunderte ihn, und wollte nichts mehr, als von ihm bewundert zu werden… doch waren die Anzeichen seiner Wertschätzung für mich weniger in dem zu finden, was er sagte, als in dem, was er nicht sagte.“ Und einmal in der Spur des Kriegers, nimmt McCains Vaterverehrung geradezu groteske Züge an. Wir finden ihn wiederholt als „ehrlichsten Mann, den ich je gekannt habe“ und sogar „als reinlichsten Mann, den ich je gekannt habe“ beschrieben.

Die vergleichbare Schlüsselszene im Leben Obamas – der ausgezeichnete Student hat sich für ein Leben als Sozialarbeiter in den Schwarzen-Vierteln Chicagos entschieden – ist die einer vollkommenen Desillusion. Ein Kurzbesuch der kenianischen Halbschwester eröffnet ihm das afrikanische Leben des Vaters als Geschichte eines gescheiterten Utopisten: „Wer war er? Ein verbitterter Trinker? Ein gewalttätiger Ehemann? Ein einsamer Bürokrat auf verlorenem Posten?… Ich begriff, dass ich noch immer nichts von dem Mann wusste, der mein Vater war.“ Wo Obama in einen immer tieferen Abgrund der Kontingenz und Fragezeichen starrt, blickt der dreißigjährige McCain zu seinem Vater als marmorner Statue auf. Das hat Konsequenzen, nicht zuletzt für die Ethik der eigenen Selbstwerdung.

Streetworker Obama verschreibt sich fortan einer vorurteilsfreien Moral des situativen Unterscheidens „zwischen Menschen, die guten oder bösen Willens sind; zwischen Menschen, die gezielt Böses tun, und anderen, die einfach nur unwissend oder gleichgültig sind“. Bomberpilot McCain bekennt sich dagegen zu dem ethisch nicht weniger anforderungsreichen Ehrenkodex eines „Offiziers und Gentleman“, den sein Vater ihm mit auf den Weg gab: „Ein Offizier lügt nicht, stiehlt nicht, betrügt nicht. Er hält sein Wort, was auch immer geschieht. Er stellt sich seiner Pflicht, gleichgültig um welchen Preis. Er wird von anderen nicht verlangen, was er selbst nicht zu ertragen bereit ist.“

Bis heute bilden diese Leitsätze auch das Wertfundament der jeweiligen Präsidentschaftskandidaturen. Und genau verstanden, reicht ihre Bedeutung sogar weit darüber hinaus, bedingen beide Ausrichtungen – nennen wir sie eine romanhafte und eine epische Ethik –, doch nichts anderes als den Ursprung der Vereinigten Staaten: das Amerika permanenter Erneuerung gegen das Amerika ewiger Kernwerte, das unreine Amerika individueller Differenz gegen das reine Amerika protestantischer Pflicht, das Amerika der Einwanderung gegen das Amerika der Siedler, die Träume (dreams) der Väter gegen den Glauben (faith) der Gründerväter. Ein dynamischer Widerstreit im Herzen der eigenen Kultur, der tatsächlich bis heute jeden Tag, in jeder politischen Äußerung vernehmbar ist und den John McCain und Barack Obama mit ihren Biografien in geradezu idealtypischer Weise verkörpern.

Doch noch haben die beiden Dreißigjährigen ihre eigene Stimme nicht gefunden, steht ihnen die eigentliche Vater-Prüfung bevor. Der über Hanoi abgeschossene Pilot John McCain wird sie in den Kellern und Kerkern seiner fünfeinhalbjährigen Kriegsgefangenschaft bestehen. In bewegenden Passagen fern falschen Heldenmuts schildert das letzte Drittel der Autobiografie McCains Kampf um den Erhalt der eigenen Würde im Angesicht der Folterer. Und in einer paradox scheinenden – der Literatur des Lagers freilich vertrauten – Figur führt er den Gepeinigten auf eine Erfahrung innerer Reinigung und erneuernder Selbsterkenntnis: „Es war die Gefangenschaft, während der meine ach so geliebte Unabhängigkeit verhöhnt und mit Füßen getreten wurde und in der ich meine Selbstachtung in einer mit anderen geteilten Treue für mein Land fand… Denn ich habe die Wahrheit gesehen: Es gibt größere Ziele im Leben als die Suche nach dem eigenen Selbst… Einer Sache treu zu sein, die größer ist als du selbst, die Treue zu Prinzipien, die Treue zu Menschen, auf die du vertrauen kannst, weil sie dir vertrauen. Das war der Glaube (faith) meines Vaters und Großvaters. Ein schmutziger, verkrüppelter Mann war ich – alles, was meine Würde erhielt, war der Glaube meiner Väter. Es war genug.“

Obamas letzter Schritt zur eigenen Stimme führt dagegen ins Dorf seiner kenianischen Ahnen. Und je tiefer sich unser Held in das familiäre Labyrinth seiner afrikanischen Brüder, Halbschwestern, Stief- und Großmütter begibt, desto deutlicher wird ihm, wie sich die innere Zerrissenheit des eigenen Vaters – zwischen dem utopischen Aufbruch der sechziger Jahre in Amerika und der Unausweichlichkeit alter Sippenlogiken – auch auf seine eigene Identität übertragen musste. Kenias lebendige Verwirrung, seine tribalen Rivalitäten und zivilisatorischen Brüche erkennt Obama nicht nur als die seines eigenen Selbst, sondern auch als die seiner Vereinigten Staaten. Zwischen den Grabsteinen des Großvaters und Vaters fällt er weinend auf die Knie: „Oh Vater, in deiner Verwirrung lag keine Schande. Genauso wenig wie in der deines Vaters. Die Schande bestand allein in der Stille, die unsere Angst erzeugte. Es war diese Stille, die uns betrog… es war die Stille, die euren Glauben (faith) zerstörte. Und weil euch dieser Glaube fehlte, habt ihr euch zu viel und auch gleichzeitig zu wenig von eurer Vergangenheit bewahrt, zu viel von ihrer Striktheit, ihren Vorurteilen, ihrer männlichen Grausamkeit… zu wenig von dem Lachen der Großmütter, dem Flüstern der Märkte, den Geschichten an der Feuerstelle. Euch fehlten Worte der Ermutigung…“

Das Vertrauen in die therapeutische Kraft des offenen Wortes, das ist der politische Kern des Phänomens Barack Obama. Genauso wie die Gewissheit, in Situationen drohender Selbstaufgabe im Ehrenkodex der Väter ein haltendes Gerüst zu finden, John McCains Profil bis heute eindrucksvoll bestimmt.

Die Autobiografien enden mit der versöhnenden Heimkehr in die USA. Ihrer eigenen Stimme gewiss, beginnen John ­McCain und Barack Obama dort ein neues Leben in der Politik. Und schon bald wird einer der beiden, im Namen des Vaters, für eine ganze, gespaltene Nation das Wort ergreifen.

Mehr unter www.cicero.de/dossier-obama.php

Foto: Picture Alliance


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe August 2008

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Wolfram Eilenberger
Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada.


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