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Umberto Eco
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„Politiker sind Schauspieler
Interview mit Umberto Eco

Der Populismus in Europa nimmt zu, und die moderne Mediengesellschaft ist sein williger Helfer. Als Ursache dieser Entwicklung hat Umberto Eco den Zusammenbruch der großen Imperien ausgemacht


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Sie warnen vor einem Populismus, der ganz Europa zu ergreifen scheint. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Wir sollten allzu voreiligen Überlegungen nicht trauen. Die angebliche Rückkehr des Nationalismus – vor allem in den Ländern Mittel- und Osteuropas – ist im Wesentlichen auf den Zerfall des Sowjetregimes zurückzuführen. Von der Dynamik der Gegenwart erfasst, vergessen wir leicht die Langwierigkeit geschichtlicher Prozesse, die sich über Jahrhunderte erstrecken. Ich habe Jacques Le Goff, den Direktor einer Bücherreihe über die Geschichte Europas, darum gebeten, einmal ein Buch über die Kosten in Auftrag zu geben, die das Ende der verschiedenen Imperien verursacht hat. Das ist ein so umfangreiches Unterfangen, dass sich bisher leider niemand darangewagt hat. Dabei wäre eine solche Arbeit für das Verständnis der zeitgenössischen Welt von größter Bedeutung. Die Balkanländer beispielsweise leiden immer noch an den Folgen des Endes des Römischen Reiches. Genau wie der Nahe Osten immer noch für die Folgen büßt, die die Auflösung des Osmanischen Reiches mit sich gebracht hat. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis der Zusammenbruch des Sowjetsystems vollständig abbezahlt ist. Der gegenwärtige westliche Nationalismus hängt mit der Tektonik des Imperialismus zusammen; nach dem Schock seines Zusammenbruchs wird es einige Jahrhunderte dauern, bis sich die nationalen „Platten“ stabilisiert und die Schockwellen nachgelassen haben.

In Ihrem neuesten Werk „A passo di gambero – Guerre calde e populismo mediatico“ (Im Garnelengang – heiße Kriege und Medienpopulismus) schreiben Sie, dass dieser Populismus nichts mit dem Volk zu tun hat. Warum?
Ganz einfach deswegen, weil dieses besagte Volk nicht existiert! Oder es liegt ein sprachlicher Missbrauch vor, wenn ein ganzes Land zitiert wird, dessen Meinung man erst am Tag der Wahlen erfährt. Dabei geht es gar nicht um das Volk, sondern um die Wählerschaft, eine einfache statistische Größe. Der Populist stützt sich nicht auf das Volk, sondern auf die ebenso vollkommene wie erträumte Projektion einer Versammlung, die von seiner Sache überzeugt ist und deren Hauptaufgabe darin besteht, seiner Politik zuzustimmen. Außerdem vermeidet der Populist systematisch jede tatsächliche Konfrontation mit dem Volk. Berlusconi ist nie ins Parlament gegangen, sondern hat sich seine Reden für die Medien aufgehoben. Die Aufmerksamkeit, mit der die französischen Medien und Intellektuellen den „Fall Berlusconi“ verfolgen, zeigt in erster Linie die Furcht davor, in Frankreich könne eine ähnliche Situation entstehen. Ich höre nur allzu häufig, dass Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen vor allem die Virtuosität ihrer Kommunikation messen anstatt sich mit ihren programmatischen Gegensätzen auseinanderzusetzen. Möge das Beispiel Berlusconis den Franzosen eine Lehre sein!

Würden Sie einem Übermaß an Informationen misstrauen?
Die übermäßig große Bedeutung der Medien hat mit dem Sieg Kennedys über Nixon angefangen, nicht aufgrund einer unleugbaren politischen Überlegenheit, sondern dank eines vorteilhaften Äußeren und dank eines Gegners, der nicht in der Lage war, sich ordentlich zu rasieren! Früher, in einer Welt ohne Medien, hatte das Volk keinen Kontakt zu seiner Führung. Es sah seinen König ein einziges Mal im Leben, und zwar dann, wenn dieser am Tag nach seiner Krönung sein Land besuchte und die Inhaftierten amnestierte. In dem Moment jedoch, als der Politiker begonnen hat, sich zu zeigen, ist er zum Schauspieler geworden. Für einen ehrlichen Politiker wird es sehr schwierig, nicht selbst ein Betrogener des Systems zu werden.
Heutzutage heben sich Politiker ihre Erklärungen für das Fernsehen auf, bevor sie sich an das Parlament wenden, das ihnen erlauben würde, Rückhalt für ihre Vorschläge zu bekommen und sie zu diskutieren. Da liegt der Anfang von Populismus. Indem einem medienwirksamen Auftritt der Vorzug gegeben wird, beschränkt man sich auf einen einzigen Slogan. Diese Vorgehensweise ist praktisch Pflicht geworden. Wer sich dieser „Methode“ verweigert, setzt sein politisches Überleben aufs Spiel. Berlusconi hat während seines gesamten Mandats regelmäßig dienstags das genaue Gegenteil dessen gesagt, was er am Vortag angekündigt hatte. Aber die Schnelllebigkeit der Medien fördert den Gedächtnisschwund. Übrigens bin ich, um genau dieses Phänomen auszuhalten, mein ganzes Leben lang an der Universität geblieben, denn sie ist ein privilegierter Ort, an dem junge Menschen ihr Langzeitgedächtnis, die Langsamkeit und den Sinn für die Chronologie der Geschichte kultivieren.

Der Sinn für die Bedeutung der Geschichte wird Ihrer Meinung nach auf der anderen Seite des Atlantiks sehr schlecht gepflegt, besonders von den Neokonservativen...
Das liegt daran, dass das heutige Amerika weder die Bedeutung der Geschichte noch die Rolle, die einer Führungsmacht zufällt, begriffen hat. Die Uno hat ein besseres Verständnis für den „Zeitgeist“ entwickelt und das Recht auf Krieg an sich gezogen. Ihre Idee, die Werte der amerikanischen Weltmacht auf lokale Konflikte anzuwenden, entspricht dem Abgesang des 19.Jahrhunderts. Das heutige Amerika schwimmt voll auf der Welle der Vergangenheit, zum einen aufgrund eines bitteren Mangels an Kultur, zum anderen wegen seiner Maßlosigkeit. Das war übrigens zur Zeit von Louis-Philippe auch für die großen europäischen Mächte typisch. Unter der Bush-Regierung hat sich in den Vereinigten Staaten ein spektakulärer ideologischer Rückschritt vollzogen. Es ist schrecklich, wenn man bedenkt, dass es erst einige Jahrzehnte her ist, dass in den vierziger Jahren die amerikanische Führung sich bei der Anthropologin Ruth Benedict schlau gemacht hat, die damit betraut war, der Mentalität der Japaner auf den Grund zu gehen, bevor man gegen das Land in den Krieg zog. Sich an einer Haltung, die dem ehemaligen britischen imperialistischen Reich entspricht, festklammernd, haben die USA es nicht einmal für nötig befunden, die wichtigen Orientalisten zu befragen, ehe sie sich im Nahen Osten engagiert haben.

Wie erklären Sie diesen Mangel an Bildung?
Denken wir auch über unsere eigenen Missstände nach! Der Geschichtsverlust, ein typisches Krankheitsbild in den Vereinigten Staaten, breitet sich leider auch immer stärker unter den jungen Europäern aus. Wenn man einen jungen Briten, Franzosen oder Italiener fragt, wer in den fünfziger Jahren Staatsoberhaupt in ihrem Land gewesen ist, wird er ganz schön Mühe haben zu antworten, anders als die Schüler meiner Generation! Damals gab die Schule den Schülern noch eine Vorstellung von der Aufeinanderfolge geschichtlicher Ereignisse. Am meisten beunruhigt mich, dass sich diese Neigung bis an die Fakultäten fortsetzt. Hat nicht kürzlich ein Kollege aus einem Fachbereich der Philosophie an der Universität Princeton seine Studenten darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Aufnahme in seine Klasse „für Philosophiehistoriker verboten“ ist? Das sagt doch schon alles! Für die Amerikaner, in deren Fantasievorstellung die Welt ex nihilo, aus dem Nichts entstanden ist, bedeutet das Heraufbeschwören an zuletzt Gesagtes, das Erinnern an frühere Weisheiten, einen typisch europäischen Fehler. Genauso wie unsere Vorliebe für die Geschichte. Das geht so weit, dass die Vereinigten Staaten vom Verlust ihres kollektiven Gedächtnisses bedroht sind – vom Scheitern der Enzyklopädie, das heißt des gesamten Wissens, das in einer Gesellschaft eine doppelte Funktion hat, einerseits Erinnerungen zu bewahren und andererseits anekdotische Elemente herauszufiltern, sodass nur die historische Geschichte erhalten bleibt. Das Reich des Internets trägt erheblich dazu bei, diesen Verlust der historischen Perspektive zu beschleunigen, indem einfach eine Masse ungeordneter Informationen geliefert wird. Ein Übermaß an Informationen kann ebenso gefährlich sein wie zu wenige.

Die Vereinigten Staaten verfügen aber doch über ein reichhaltiges und differenziertes kulturelles Leben!
Aber diese Intelligenzia hat keinerlei Einfluss! In kleinste Einheiten zerteilt, ist sie in ihren Luxus-Ghettos, in den Universitäten eingeschlossen. In den großen Zeitungen ergreift kein Akademiker das Wort. Und wenn sich doch mal jemand entschließt, sich in der Politik zu engagieren, gibt er sofort seine akademische Arbeit auf, wie es Brzezinski und Kissinger getan haben. Übrigens wäre ein Skandal wie der um Günter Grass, die Verkörperung des nationalen Gewissens, nicht auf die Vereinigten Staaten übertragbar, weil dort kein Intellektueller einen solchen Status innehat. Wenn in Europa Intellektuelle ein Manifest unterschreiben und dem nicht immer die größte Beachtung geschenkt wird, so ist es doch zumindest schwierig, es völlig zu ignorieren.

Das Gespräch führte Marie-Laure Germon

Übersetzung: Julia Stoltefaut



Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe November 2005

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Umberto Eco
Umberto Eco, 1932 in Alessandria im Piemont geboren, ist Schriftsteller und Professor für Semiotik an der Universität Bologna. Sein bekanntestes Buch: „Der Name der Rose“.


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