von Evo Morales
Evo Morales ist angetreten, um „500 Jahre Diskriminierung zu beenden“. Der bolivianische Präsident zeigt dabei dem Westen die Zähne und hat mit der Verstaatlichung der Erdölindustrie seines Landes begonnen
Sie haben den weiten Weg von Ihrem Heimatdorf Orinoca bis zum Präsidentenpalast erfolgreich zurückgelegt! Wie war Ihr Dorf, als Sie ein kleiner Junge waren? Hat es sich seither verändert?
Die einzige Veränderung besteht darin, dass Orinoca heute in aller Munde ist! Ich würde es nicht als einen tristen Ort bezeichnen, denn dort leben stolze Menschen, die nie die Hoffnung aufgeben – auch wenn die Lebensbedingungen sehr hart sind. Vor zehn Jahren fragte mich niemand nach meinem Dorf. Die Menschen wussten nicht einmal, dass es existiert. Nun wird es seit einigen Monaten von Horden von Journalisten und Neugierigen belagert, die in meiner Vergangenheit wühlen möchten. Zumindest habe ich dazu beigetragen, dieses Dorf bekannt zu machen, und ein wenig ist es damit auch mir zu verdanken, dass die Touristen kommen und ihre Dollars dort ausgeben!
Welche Kindheitserinnerungen sind Ihnen geblieben?
Es sind so viele, sie zu erzählen würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen! Ich stamme aus einer sehr armen Familie. Aufgrund unserer extrem ärmlichen Verhältnisse starben vier meiner Brüder bereits sehr früh. Wir mussten oft umziehen und uns auf die Suche nach besseren Lebensbedingungen machen. Des Öfteren schlief ich auch unter freiem Himmel. Wenn ich mich nun umschaue und all diesen Luxus sehe, dann muss ich sagen, dass sich wirklich etwas verändert hat!
Träumten Sie damals schon davon, Präsident von Bolivien zu werden?
Ich habe heute noch manchmal Schwierigkeiten, es wirklich zu begreifen. Sie können sich ja vorstellen, dass ich damals nicht im Traum daran gedacht habe! Aber es stimmt, dass ich schon immer gerne organisiert und meine Freunde dazu motiviert habe, nach vorne zu schauen. Ich denke, ich besaß auch ein gewisses Heimatgefühl. Als ich in der ersten Klasse war, gab uns der Lehrer die Aufgabe, einen Esel zu zeichnen. Ich zeichnete meinen Esel in unseren Nationalfarben rot, gelb und grün. Das war dann der Witz des Jahres! Als ich dreizehn oder vierzehn war, gründete ich eine Fußballmannschaft. Wir nahmen an allen Meisterschaften teil. Ich war gleichzeitig Mannschaftskapitän, Manager und Schiedsrichter. Für den Fortbestand der Mannschaft musste ich Lamas und Schafe scheren. Mit dem Erlös aus der Wolle kaufte ich Bälle und Trikots. Im Alter von sechzehn Jahren wurde ich zum technischen Direktor der Provinz gewählt.
War Ihre Gemeinschaft wirklich so von der Welt abgeschieden?
Einmal wollten wir den Geburtstag meines Vaters feiern, und er sagte uns: „Ich weiß gar nicht, an welchem Tag ich geboren bin.“ Wir waren verwundert und zeigten ihm das Geburtsdatum in seinem Personalausweis. Daraufhin erklärte er uns, er habe ein Geburtsdatum erfinden müssen, um einen Ausweis zu erhalten. Sie können sich also vorstellen, wie isoliert mein Dorf war! Der Staat hat übrigens nie versucht, bis dorthin vorzudringen. Es gibt zahlreiche Gemeinschaften dieser Art in Bolivien, in denen es an allem fehlt, an Medikamenten, an Elektrizität…
Wären Sie ohne diese teilweise sehr harten Erfahrungen auch zu jenem charismatischen Gewerkschaftsführer geworden, der die Hoffnung eines ganzen Volkes auf sich vereint hat?
Ich gehöre zu denjenigen, die durch die Schule des Lebens und des Kampfes gegangen sind. Armut ist eine Quelle des Wissens und aus ihr habe ich geschöpft. Dadurch, dass ich in meinem Leben Leid erfahren musste, bin ich stärker geworden. Ein Ereignis wird mir für immer im Gedächtnis bleiben: Im Jahr 1981 ermordeten die Militärs des Diktators Garcia Meza auf äußerst brutale Art und Weise einen Kokabauern. Sie schlugen ihn, weil er sich weigerte zuzugeben, Drogenhandel zu betreiben. Vor zahlreichen Zeugen übergossen sie ihn daraufhin mit Benzin und verbrannten ihn bei lebendigem Leibe. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie so etwas in einem Land wie dem unseren geschehen konnte? War die Bezeichnung „Land“ in diesem Fall überhaupt noch berechtigt? Doch dann erschien mir die Antwort darauf ganz selbstverständlich: Es war unsere Pflicht, Veränderungen herbeizuführen, und dazu mussten wir unsere Organisationen stärken und uns noch mehr anstrengen. Von diesem Tag an schwor ich mir, unermüdlich für die Achtung der Menschenrechte, den Schutz der natürlichen Ressourcen, die nationale Souveränität, die Würde der Bolivianer, die Freiheit, das Recht auf ein Leben in Frieden auf unserem Land und die Freiheit Kokapflanzen anzubauen, zu kämpfen.
Wie ist die Bewegung entstanden, die Sie zum Präsidenten gemacht hat?
Die Movimiento al Socialismo (MAS) entstand, weil die indigenen Völker und die sozialen Organisationen es für notwendig hielten, sich mit einer unabhängigen politischen Vertretung auszustatten. Alle politischen Parteien, die versprochen hatten, unsere Interessen zu verteidigen, hatten uns früher oder später enttäuscht. In den neunziger Jahren gründeten wir das IPSP (Politisches Instrument für die Souveränität der Völker), und so lautet auch der eigentliche Namen unserer Bewegung. Den Namen MAS haben wir später aus praktischen Gründen angenommen. Denn jedes Mal, wenn wir uns für Wahlen aufstellen lassen wollten, legte uns das Wahlgericht mit Hilfe verschiedener Ausreden Steine in den Weg. Schließlich übernahmen wir mit MAS den Namen einer Partei, die kurz vor der Auflösung stand. Dank dieser List konnten wir an den Wahlen teilnehmen und ins Parlament einziehen.
Im Jahr 1997 wurde ich zum ersten Mal zum Abgeordneten gewählt. 2002 lag ich bei den Präsidentschaftswahlen an zweiter Stelle, wobei der Abstand zum Wahlsieger weniger als ein Prozent betrug. Das war für alle eine Überraschung. Einige sprachen daraufhin von Wahlfälschung und behaupteten, uns sei der Sieg vorenthalten worden. Wie dem auch sei, letztendlich gewinnt immer die Gerechtigkeit: Vier Jahre später erhielt ich 54 Prozent der Stimmen und das sogar ohne die Stimmen der Millionen von Menschen, die aufgrund einer vom Wahlgericht als letztes Mittel eingeleiteten Maßnahme nicht wählen durften. Unter vollkommen fairen Bedingungen hätten wir vielleicht über 60 Prozent der Stimmen auf uns vereinen können. Nichts und niemand kann sich dem Willen des Volkes widersetzen.
Gibt es Persönlichkeiten, die Einfluss auf Ihren Werdegang hatten?
Ich hege großen Respekt für Rigoberta Menchú und die Nationale Koordination der Witwen Guatemalas. Nach Jahren der Unterdrückung haben sie sich organisiert und eine bemerkenswerte politische, soziale und kämpferische Arbeit geleistet. Und natürlich werde ich auch den unsterblichen Ernesto Che Guevara nie vergessen. Sein Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung dient uns allen nach wie vor als Vorbild. In gewisser Hinsicht ist unser Kampf die Fortführung des seinen und des Kampfes von El Libertador Simón Bolívar.
Wofür kämpfen Sie in erster Linie?
Für ein würdiges und souveränes Bolivien, in dem Recht und Freiheit herrschen. Vielleicht halten Sie das für leere Worte ohne wahrhaftige Bedeutung. Aber wer dieses Land kennt, der weiß, dass darin eine ganz wesentliche Notwendigkeit besteht. Es muss uns gelingen, Bolivien zu entkolonialisieren.
Was verstehen Sie unter der „Entkolonialisierung Boliviens“?
Ich meine damit, dass Bolivien noch nicht mit der Kolonisation abgeschlossen hat. Obwohl sie in der Mehrheit sind, leben die indigenen Völker weiterhin unter dem Joch der Kolonisation. Schon vor der Unabhängigkeit hat man uns das Recht auf eine autonome Verwaltung zugesprochen. Später wurden wir jedoch wieder enteignet, ausgebeutet und ausgegrenzt. Die Kolonisation ist mit der Unabhängigkeit nicht beendet worden. Sie besteht Jahr für Jahr fort. Die spanischen Besatzer und ihre Nachfahren bildeten die Eliten, welche sich seit jeher die Macht und die Reichtümer untereinander aufteilen. Um all dieser Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten, haben wir eine verfassungsgebende Versammlung einberufen.
Die Bewohner von Santa Cruz fordern den Status einer unabhängigen Provinz ein. Ist diese Forderung mit Ihren Verfassungsplänen vereinbar?
Die Autonomieforderung der Bewohner von Santa Cruz hat in ihrem Wesen nichts mit unserem Kampf zu tun: Es handelt sich dabei um eine egoistische Forderung von Oligarchien, die nur darauf aus sind, sich weiterhin die Reichtümer unseres Landes anzueignen.
Welche Erwartungen kann man mit der verfassungsgebenden Versammlung verbinden?
Die Neugründung des Landes und eine neue Unabhängigkeit, damit die Unterdrückten endlich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Ihre Aufgabe wird darin bestehen, die Staatsstrukturen zu verändern, die natürlichen Ressourcen wieder in den Besitz des Landes zu überführen und mit einer Geschichte voller Diskriminierung, Plünderung und Unterjochung zu brechen. Dieses Ziel hatten wir bei unserer Revolution vor Augen.
Ist es nicht übertrieben, hier von Revolution zu sprechen? Schließlich sind Sie auf demokratischem Wege zur Präsidentschaft gelangt.
Revolution ist doch nicht unvereinbar mit Demokratie! Es ist eine kulturelle Revolution im Gange, die sich demokratischer Mittel bedient. In diesem Sinne handelt es sich durchaus um eine Neugründung Boliviens, um einen umfassenden Wandel. Einen Wandel, den die seit Urzeiten herrschenden Oligarchien weder durchführen konnten noch wollten.
Warum können Sie und Ihre Regierung da erfolgreich sein, wo andere versagt haben?
Weil diese Regierung die indigenen Völker verkörpert und weil es in der indigenen Kultur keine Ausgrenzung gibt. Wer außer uns könnte die Strukturen eines Staates verändern, der die Mehrheit seines Volkes ausgeschlossen hat? Ich will damit nicht sagen, dass es nun an der Zeit ist, Rache zu nehmen. Wir haben die Kränkungen verziehen; jetzt möchten wir unsere Geschichte in eine positive Richtung lenken und das Leben jedes Einzelnen schützen.
Im Hinblick auf die Korruption sollten Sie nicht vergessen, dass sie auf die herrschenden Eliten zurückgeht. In unserem Land gibt es eine Redensart: Ama sua, ama llula, ama kella (Du sollst nicht faul sein, nicht stehlen und nicht lügen). Sie haben sich selbst davon überzeugen können, dass wir das erste Gebot einhalten: Unser Arbeitstag beginnt um fünf Uhr morgens. Es gibt viel zu tun und die Tage sind immer zu kurz.
Welche Bilanz Ihrer Arbeit ziehen Sie nach einigen Monaten an der Regierung?
Es ist noch zu früh, um zu behaupten, wir hätten bereits etwas erreicht, aber wir beginnen damit, unsere Versprechen einzulösen. So haben wir die Alphabetisierungskampagne gestartet. Die kubanische Regierung, welche ihrerseits ein ehrgeiziges Programm auf die Beine gestellt hat, unterstützt uns dabei. Zum ersten Mal lernen die Kinder nun mit Lehrbüchern lesen, die von Bolivien handeln und nicht mit Texten aus Europa, in denen – wie wir alle wissen – die Realität aus einer rein westlich geprägten Sicht dargestellt wird. Das ist ein großer Schritt. Mit der Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung haben wir ebenfalls einen wichtigen Teil unseres Programms konkretisiert. Was die Kohlenwasserstoffe angeht, halten wir unser Wort. Wie Sie sehen, verfolgen wir durchaus das von uns angekündigte Prinzip: Verstaatlichung ohne Enteignung und Überprüfung all unserer Verträge mit ausländischen Erdölunternehmen – und zwar endlich unter Berücksichtigung bolivianischer Interessen.
Denken Sie nicht, dass die Verstaatlichung der Kohlenwasserstoffe ein negatives Signal an die ausländischen Investoren senden wird? Sind Sie bereit, dieses Risiko einzugehen?
Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir Investitionen brauchen. Im Gegensatz zu dem, was man hier und da hört, wollen wir diese jedoch nicht behindern, sondern sie in eine Richtung lenken, die mit den Gesetzen im Einklang steht. Wie ich bereits sagte, geht es nicht darum, diejenigen zu enteignen, die ehrlich arbeiten und ihren Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten. Aber einige Verträge waren nun einmal rechtswidrig, und es gab Probleme im Hinblick auf Korruption. Wir haben beschlossen, hier keinerlei Zugeständnisse zu machen. Wir streben eine Beziehung mit den multinationalen Konzernen an, in der wir als Partner handeln: Wir garantieren für die Sicherheit ihrer Investitionen und Gewinne, aber in Zukunft muss gerecht geteilt werden. Dabei sollte selbstverständlich in erster Linie das bolivianische Volk in den Genuss seiner Reichtümer kommen.
Sie sprechen immer wieder von den natürlichen Ressourcen. Könnte man sagen, dass sie das Herzstück Ihrer Ideologie sind?
Nicht nur meiner persönlichen Ideologie. Die Achtung vor dem Leben war schon immer das höchste Gut meines Volkes. Deswegen sage ich immer wieder, dass unsere Kultur eine Kultur des Lebens ist, im Gegensatz zum Westen mit seiner Kultur des Todes. Wenn wir für unsere Autonomie und unser Land kämpfen, verteidigen wir unsere natürlichen Ressourcen. Wir haben schon immer in Harmonie mit der Natur gelebt. Man spricht jetzt viel über Ökologie. Wir sind bereits von Geburt an Ökologen. Der Westen hat das Gleichgewicht durcheinander gebracht, unsere Wälder zerstört, unsere Artenvielfalt geplündert und – noch schlimmer – die Natur zu einer Ware gemacht. Wir haben das erste Wasserministerium Lateinamerikas geschaffen.
Diese in vielerlei Hinsicht revolutionäre Initiative beweist das lebhafte Interesse der bolivianischen Nation an dieser natürlichen Ressource. Wir werden darauf achten, dass sie niemals privatisiert wird. Zuvor war die Wasserwirtschaft verschiedenen Behörden zugeordnet, als hätte Wasser unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem für was man es benötigt. Aber dies war mehr als falsch: Wasser ist wichtig, denn es ist Leben. Wir waren uns dessen schon immer bewusst. Selbst die Europäer beginnen, es nun zu begreifen: Sie haben ihre Reserven derart ausgeschöpft, dass sie nun Gefahr laufen, nicht mehr über ausreichende Mengen zu verfügen.
In Bolivien beträgt die Amtszeit des Präsidenten fünf Jahre und kann nicht direkt im Anschluss verlängert werden. Haben Sie ausreichend Zeit, Ihre Revolution zum Erfolg zu führen?
Natürlich werden wir in fünf Jahren nicht fünfhundert Jahre Unterdrückung und Ungerechtigkeit ungeschehen machen. Das ist nicht möglich. Aber wissen Sie, Evo ist nicht unersetzlich. Die führenden Persönlichkeiten gehen, die Bewegung bleibt bestehen. Sie haben damit allerdings einen Punkt angesprochen, der durchaus bedacht werden sollte. Mit Sicherheit wird er während der Debatten über die neue Verfassung zur Sprache kommen.
Von welchen Kräften werden Sie unterstützt?
Diese Regierung ist aus den sozial motivierten Kämpfen heraus entstanden. Ohne die Beteiligung der indigenen Organisationen und Bewegungen wären wir nicht handlungsfähig.
Und die Armee?
Es gibt unter den Militärs viele ehrenwerte Menschen, die sich für einen Wandel in Würde aussprechen. Wir haben die Militärführung von ihren korrupten Elementen gesäubert, von all denjenigen, die in den vergangenen Jahren für die Unterdrückung verantwortlich waren.
Hat man versucht, Ihre Bewegung zu destabilisieren?
Sie können sich ja denken, dass die multinationalen Erdölkonzerne und die von ihnen abhängigen Oligarchien den eingeleiteten Prozess nicht gerade wohlwollend aufnehmen. Sie suchen nach Mitteln, um uns eine Falle zu stellen, sei es im Parlament oder in den Medien. Wir können aber zu unserer Verteidigung auf die Loyalität der Ordnungskräfte zählen, die uns über jedwede Unregelmäßigkeit informieren. Auch wenn man noch so sehr versucht, uns zu bremsen: Wir repräsentieren die Mehrheit des Volkes, und deshalb kann uns nichts aufhalten!
Wie sind Ihre Beziehungen zu den Regierungen der Region?
Bestens. Wir sind mit jeder einzelnen Regierung in einen Dialog getreten, und ich muss sagen, dass die Reaktionen darauf bisher sehr positiv ausgefallen sind. Kolumbien beispielsweise wird auch in den nächsten fünf Jahren von uns Soja beziehen. Und Anfang März war ich bei der Amtseinführung von Michelle Bachelet, der neuen chilenischen Präsidentin, und habe das als eine große Ehre empfunden. Zudem hatten mehrere Organisationen Evo und der kulturellen Revolution Boliviens eine besondere Würdigung bereitet. Das zeigt, wie sehr man uns anerkennt.
Fidel Castro und Hugo Chávez unterstützen Sie öffentlich. Und auch Sie haben niemals einen Hehl aus Ihrer Sympathie für die beiden gemacht…
Fidel ist für mich wie ein wohlwollender Großvater und die Widerstandskraft des kubanischen Volkes eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Was die Regierung von Hugo Chávez angeht, so sollte uns die Art und Weise, wie er gegen die Armut kämpft als Beispiel dienen. Für mich persönlich sind Fidel und Chávez die Anführer der Befreiungskräfte Amerikas!
Vor kurzem erklärten Sie, den USA verziehen zu haben. Was wollten Sie damit sagen?
Mein Problem mit den USA bezieht sich darauf, dass sie uns – mich und die Bewegung, der ich angehöre – stets als Drogenhändler und Terroristen bezeichnet haben. Trotz der Schwere der Anschuldigungen haben wir beschlossen, diese aus der Welt zu schaffen und im Guten neu anzufangen. Denn wir glauben an die positive Wirkung des Dialogs, und wir denken, es ist besser, gute Beziehungen zu unterhalten. Aber auch wir haben unseren Stolz und unsere Würde, und darum dulden wir keinerlei Beeinträchtigung unserer unveräußerlichen Rechte auf den Gebieten der Aymara, Quechua und Chiquitanos. Eines muss klar sein: Wir möchten normale Handelsbeziehungen und diplomatische Verbindungen mit den USA unterhalten. Die USA sollen jedoch von jedweder Einmischung absehen und nicht versuchen, eine Vormachtstellung zu erlangen. Wir müssen unsere Probleme selbst lösen.
Welche Signale hat Ihnen die Bush-Regierung gesendet?
Ich habe mit Präsident Bush gesprochen und Condoleezza Rice getroffen. Die Signale sind recht widersprüchlich, um es einmal so zu sagen. Einerseits reichen uns die Amerikaner die Hand, andererseits legen sie ihre althergebrachten Verhaltensmuster nicht ab. Vor kurzem haben sie Senatorin Leonilda Zurita, der wichtigsten Führungspersönlichkeit unserer Bewegung, ihr Visum entzogen. Dies ist eine eindeutige Aggression. Außerdem erpressen sie uns bezüglich der Umbildung der Führungsspitze: Sie würden gerne entscheiden, wer ernannt wird, und drohen uns mit der vollständigen Streichung der Wirtschaftshilfe, wenn wir nicht gehorchen. Wenn die USA wirklich einen Dialog möchten, dann müssen sie uns respektieren.
In den Augen der USA spricht Ihre Vergangenheit als „Cocalero“ nicht gerade für Sie.
Wir haben den Amerikanern klar und deutlich gesagt, dass wir sie unterstützen, wenn sie wirklich gegen den Drogenhandel vorgehen wollen. Aber wir sprechen hier von zwei verschiedenen Dingen: Das Kokablatt ist integraler Bestandteil unserer Kultur und unseres Lebens. Natürlich sind wir gegen die Verarbeitung des Blattes zu Kokain, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den Drogenhandel zu verhindern. Aber nicht so, wie es die Amerikaner tun, indem sie die Bauern kriminalisieren, den Anbau verbieten und Gewalt in unserem Land säen. Wir schlagen eine Rationalisierung des Kokaanbaus vor. Mehrere Studien, vor allem die der Harvard-Universität, haben die bemerkenswerten nährstoffreichen und heilenden Eigenschaften des Kokablattes hervorgehoben. Wir sehen es als unser Recht an, in den Genuss seiner wohltuenden Wirkung zu kommen. Und es steht uns ebenfalls zu, das Kokablatt zu industriellen Zwecken zu nutzen.
Übersetzung: Gwenola Walk
Das Gespräch führte Sergio Cáceres für die Zeitschrift Politique Internationale, dem exklusiven Kooperationspartner von Cicero in Frankreich. |