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Die Mission des Herrn M. von Johannes von Dohnanyi Bis zu seinem sechsten Lebensjahr war er fast blind. Heute schaut Dick Marty umso genauer hin. Im Auftrag des Europarates soll der Schweizer klären, ob die CIA Menschen entführt und gefoltert hat. Es ist einer dieser strahlend schönen Wintertage, wie sie einzig im Hochgebirge zu erleben sind. Eigentlich müssten es die Tage der Einweihung der neuen Ferienwohnung sein. Noch hängen die Bilder nicht an der Wand. Vieles wartet noch darauf, an seinen Platz geräumt zu werden. Doch Dick Marty hat weder Zeit für den tiefblauen Himmel noch für den blendend weißen Neuschnee, der in der vergangenen Nacht über dem Wallis niedergegangen ist. Auch nach Schöner Wohnen steht dem 60-jährigen Politiker der Kopf an diesem Morgen nicht. Stattdessen verschlingt er den Bericht des italienischen Ermittlungsrichters Armando Spataro, in dem dieser der CIA minutiös die Verschleppung des Hasspredigers und Asylbewerbers Abu Omar aus Mailand in ein ägyptisches Geheimgefängnis nachweist. „Hiermit“, stößt Marty den Finger immer wieder auf das 250-Seiten-Konvolut, „werde ich eine Bresche in die Heuchelei nicht nur der Amerikaner, sondern auch der Europäer schlagen.“ Die Aufklärung von hunderten Überflügen der CIA über Europa, der Verdacht, dass sie Menschen entführt, an geheime Orte gebracht und dort auch gefoltert hat, die Aufklärung darüber, damit dies dem Besucher auch ganz klar wird, sei „kein Fall für den früheren Staatsanwalt Dick Marty. Für mich ist der Auftrag des Europarats eine Mission!“ Seit 1995 versucht der amerikanische Geheimdienst im Auftrag des Weißen Hauses, die Straßen der Welt von gefährlichen islamistischen Elementen zu säubern. Unter dem Demokraten Bill Clinton überließ die CIA deren Festnahme den örtlichen Sicherheitskräften und sorgte anschließend für den Rücktransport in ihre Heimatländer, wo in der Regel rechtskräftige Urteile, oft auch die Todesstrafe, auf die „Heimkehrer“ warteten. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben der republikanische Präsident George W.Bush und seine neokonservative Mannschaft die Spielregeln verändert. In Europa allein, glaubt Marty, hat die CIA seit damals rund 100 Menschen eingefangen, in geheime Gefängnisse verschleppt und sie dort auch gefoltert, um an ihr Wissen über Strukturen und Pläne islamistischer Terrorgruppen wie Al Qaida zu gelangen. Zugleich ist der Schweizer davon überzeugt, dass die Europäer eine ganze Menge über die europäischen Operationen der CIA wussten. „Die Amerikaner haben wissentlich gegen die Menschenrechte, das internationale Folterverbot und andere Verträge verstoßen“, sagt er. „Die Europäer wussten davon und haben geschwiegen. Und diesen heimlichen Verstoß gegen unsere Werte finde ich eigentlich noch viel schlimmer.“ Als die Mitglieder des Europarats Anfang November 2005 beschlossen, Marty mit der Aufklärung der CIA-Aktivitäten zu betrauen, hätten sie wissen müssen, was auf sie zukommen würde. Ein Blick in die Lebensgeschichte des Juristen hätte genügt. Die ersten sechs Lebensjahre war der Sohn einer Walliser Lehrerin und eines Tessiner Angestellten fast blind. Das schärft seine Sinne und seine Intuition heute und treibt ihn an, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein. Marty war, für ihn eine Selbstverständlichkeit, schnell der beste Schüler, dann der beste Jurastudent, ein erfolgreicher Anwalt und schließlich der Chef der Tessiner Staatsanwaltschaft, der es sich in den achtziger Jahren zur Aufgabe machte, den Tessiner Morast aus politischem Filz, finanzieller Gesetzlosigkeit und peinlicher Nähe zum internationalen organisierten Verbrechen trockenzulegen. Zusammen mit seinen engsten Vertrauten entwickelte der „procuratore“ neue Fahndungsmethoden, zu denen auch ein Netz verdeckter Ermittler gehörte. Die ließen sich zum Schein mit einer Bande südamerikanischer und türkischer Drogenhändler ein, die eine wichtige Rolle auch auf dem amerikanischen Rauschgiftmarkt spielten. Bei der Übergabe einer Großlieferung Kokain wurde auf der Autobahn bei Bellinzona auch einer der Bosse verhaftet. Über Nacht wurde Dick Marty zum Lieblings-Staatsanwalt der internationalen Medien. Das amerikanische FBI ehrte seine Verdienste im Kampf gegen das Verbrechen mit einer Medaille. Auf die Freundschaft des amerikanischen Volkes, hieß es in der Laudatio, werde er immer zählen können. Wenn der Schweizer an diese Zeit zurückdenkt, bekommen die Augen einen melancholischen Schein. „Die undifferenzierten Schwarz-Weiß-Denker, die seit den Tagen der Terroranschläge von New York und Washington das Sagen haben, wollen mir unbedingt das Etikett des Antiamerikaners anhängen. Nichts ist falscher als das. In Wirklichkeit will ich nur helfen, die wahren Werte der USA, ihr Demokratieverständnis und ihre Selbstverpflichtung zur Einhaltung der Menschenrechte zu bewahren. Denn wer die Verbrechen der Terroristen mit ihren verbrecherischen Methoden bekämpft, stellt sich auf ihre Stufe und verspielt damit jede moralische Autorität.“ All das und mehr hätte der Europarat wissen müssen. Zum Beispiel auch, dass sein absoluter Glaube an die Werte der demokratischen Gesellschaft, das Gespür für die Überlegenheit von Ethik und Moral und ein tief verwurzelter Sinn für Gerechtigkeit Dick Marty auch nach der Verhaftung der Drogenbarone weiter arbeiten ließen. Bei den Verhafteten war ein Adressbuch gefunden worden. Über das Verzeichnis stieß der Tessiner Staatsanwalt auf das Zürcher Geldwasch-Unternehmen der Brüder Magharian. Und von dort war es dann nur noch ein kurzer Weg in die Kanzlei des Zürcher Rechtsanwalts Hans Kopp und seiner Frau Elisabeth, der ersten Bundesrätin in der Schweizer Geschichte. Dass die Justizministerin ihren Mann telefonisch von den Ermittlungen gegen seine Geschäftspartner Magharian informierte, wurde ihrer Karriere zum Verhängnis. „Sie war eine gute Verwalterin des Justizdepartments“, glaubt Dick Marty bis heute, ebenso wie er davon überzeugt ist, dass Elisabeth Kopp gehen musste. „Sie hatte einen Fehler gemacht.“ Hatten die Mitglieder des Europarats im vergangenen November also geglaubt, „ihr“ Ermittler Marty werde sich auf die mutmaßlichen Verbrechen der CIA beschränken, so hatten sie sich grundlegend getäuscht. „Ich erwarte eine umfassende Kooperation der europäischen Staaten“, diktierte er den Journalisten in die Feder. Und genauso unmissverständliche Worte gebrauchte er dann auch, als seine Auftraggeber mit eben diesen Informationen hinterm Berg hielten. „Es ist eine Schande, dass ich die bisher einzigen Erkenntnisse über mögliche Geheimgefängnisse der CIA in Europa aus den USA erhalten habe“, protestierte der Schweizer Mitte Dezember. Nicht zuletzt wegen der mangelnden Kooperation der europäischen Regierungen, schrieb er einen Monat später in seinen offiziellen Zwischenbericht, sei er mit der Beweisführung nicht viel weiter gekommen. Zwar habe er inzwischen eine starke Indizienkette für die außergesetzlichen Operationen des US-Geheimdienstes geknüpft, konnte Marty dann Anfang Februar im Gespräch immerhin verkünden. „Vor allem der Ermittlungsbericht im Entführungsfall Abu Omar in Mailand ist so überzeugend – mit dem würde ich vor jedem ordentlichen Gericht gewinnen.“ Aber selbst die eigene Regierung in Bern lässt den Tessiner noch immer auflaufen. Das eidgenössische Justizministerium verweigerte Marty Akteneinsicht, „weil er sich nicht an den ordentlichen Dienstweg gehalten hat“. Und so haben die Europäer mit ihrer Blockadehaltung den sanften Tessiner, der eigentlich nur eine politische Mission erfüllen wollte, wieder in die Rolle des Staatsanwalts mit dem Terrierinstinkt gedrängt. „Ich werde nicht lockerlassen“, erklärte Dick Marty bei seinem bisher letzten Auftritt vor dem Europarat. Bei seinem Nachsatz, dass „die Wahrheit auf jeden Fall ans Licht kommen wird“, mag es dem einen oder anderen der Anwesenden kalt über den Rücken gelaufen sein. Denn dass sie alle – die „neuen“ Europäer, die sich dem amerikanischen Diktat willfährig beugten, genauso wie die „alten“, die so gern mit dem moralischen Zeigefinger in Richtung Washington drohen – über Entführungen, Verschleppungen, Haftanstalten im rechtlosen Raum und Folter weitaus mehr wissen, als sie bisher bereit sind zuzugeben: Davon ist der Schweizer Dick Marty überzeugt. „Und wenn ich eins nicht ausstehen kann“, sagt er zur Verabschiedung – und aus seinem Mund klingt der Satz wie eine letzte Warnung –, „dann sind es die Heuchler.“ Johannes von Dohnanyi ist Auslandschef des Schweizer SonntagsBlick. Er lebt in Zürich und in der Nähe des Wolfgangsees |
![]() | Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe März 2006
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