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Weltbühne

Ägypten: ?Das Volk hat das Zepter in die Hand genommen?

1. Februar 2011
Schrift:
Millionen Menschen demonstrieren in Ägypten gegen das Mubarak-Regime. Im Zentrum Kairos ist auch der deutsch-ägyptische Schriftsteller Hamed Abdel-Samad. Im Gespräch mit Cicero Online spricht er über das Ende des Präsidenten und die fragwürdige Rolle der USA.
Herr Abdel-Samad, Sie halten sich gegenwärtig in Kairo auf und nehmen an den Demonstrationen gegen Staatspräsident Husni Mubarak teil. Wie ist zurzeit die Lage in der ägyptischen Hauptstadt? Ich befinde mich gerade unmittelbar am Tahrir-Platz, auf dem sich schätzungsweise mehr als 100.000 Demonstranten versammelt haben. In Sprechchören und auf Transparenten wird der sofortige Rücktritt Mubaraks gefordert. Wie verhalten sich das ägyptische Militär und die Polizei? Die Armee hat unsere Forderungen als legitim bezeichnet und sichert zu, keine Gewalt einzusetzen. Ich beobachte auf den Straßen immer wieder Szenen der Verbrüderung zwischen dem Militär und den Zivilisten. Die Polizei hingegen hat sich in Luft aufgelöst. Sie existiert nicht mehr. Das Volk hat das Zepter in die Hand genommen und lenkt die Geschicke des Landes. Werden Sie auch am sogenannten ?Marsch der Millionen? teilnehmen in Richtung Präsidentenpalast? Selbstverständlich. Wir wollen, dass Mubarak von seinem Thron runterkommt und aufgibt. Er leidet unter Realitätsverlust. Er geht mit Ägypten um, als sei das Land sein Besitz. Mubarak hat infolge der Proteste Reformen zugesichert und möchte mit der Opposition ins Gespräch kommen. Wird sich die Protestbewegung damit zufrieden geben? Auf gar keinen Fall. Mit ein paar kosmetischen Änderungen lassen sich die Ägypter nicht abspeisen. Man glaubt Mubarak ohnehin kein einziges Wort mehr. Die Leute wollen mehr, sie wollen eine Systemänderung. Sie fordern ein Ende von Mubaraks Regime. Die Fernsehbilder legen nahe, dass es sich überwiegend um einen Aufstand von bürgerlichen Kräften handelt und nicht von Islamisten. Wer genau sind die Demonstranten? Es ist ein Querschnitt der ägyptischen Gesellschaft. Alle nehmen teil und marschieren friedlich nebeneinander: Jung und alt, reich und arm, gebildet und ungebildet. Die Menschen haben ihre Angst vor dem Regime abgelegt. Durch die Proteste wird in Ägypten nichts mehr so sein wie zuvor. Wie groß ist die Gefahr, dass die Muslimbrüder die von den Zivilisten ausgehenden Aufstände nutzen und sich an die Spitze der Bewegung setzen? Selbstverständlich gibt es vereinzelt Muslimbrüder, die sich unter die Demonstrierenden mischen. Die Islamisten aber sind in der Minderheit und werden von allen Bürgern sofort zurechtgewiesen, wenn sie ihre Parolen rufen. Sie müssen wissen: Mubarak verkauft dem Westen seit rund 30 Jahren erfolgreich die Illusion, dass er die einzige Alternative zu den Islamisten sei. Ein Irrtum, wie sich spätestens jetzt herausstellt. Ein grandioser Irrtum. Es gibt mittlerweile eine neue Genration, die überhaupt nichts mit den Islamisten zu tun haben möchte: die Facebook-Generation. Und diese will Veränderung, Demokratie, Freiheit und Wohlstand. Sie wird sich dieses Mal nicht mit Weniger zufrieden geben. Wie realistisch ist es, dass Mubarak durch den ?Marsch der Million? noch heute endgültig gestürzt wird? Das halte ich durchaus für möglich. Noch wird er von den USA und dem Militär gestützt. Sobald aber einer der beiden Mubarak fallen lässt, ist sein Regime Geschichte. Als es 2009 in Iran breiten Protest gegen Ahmadinedschad und seinen Wahlbetrug gab, ließ er die Demonstranten blutig niederschlagen. Gibt es Anzeichen dafür, dass Mubarak diesem Beispiel folgt, um seinen Kopf zur retten? Das wäre Mubaraks Todesurteil. Wenn er noch einmal Gewalt sprechen lässt, sorgen die Ägypter dafür, dass er hingerichtet wird. Er wird sich nicht halten können. Früher oder später wird er zurücktreten. Mohammed el Baradei ist für den Westen das Gesicht der ägyptischen Protestbewegung. Würden die Ägypter ihn als Mubaraks Nachfolger akzeptieren? Er wäre ein geeigneter Mann. Jeder kann Ägypten besser führen als Mubarak. Aber letztlich wird das ägyptische Volk darüber in freien und demokratischen Wahlen entscheiden. Die EU-Staaten haben in der Vergangenheit beste Beziehungen zu autokratischen Herrschern wie Ben Ali in Tunesien oder Mubarak in Ägypten unterhalten. Wie beurteilen die Ägypter die Arabien-Politik des Westens? Es wird hier ganz genau registriert, wie sich Europa verhält. Man kann nicht Demokratie predigen, aber mit Diktaturen ins Bett gehen. Ben Ali etwa wurde in Frankreich jahrelang von Sarkozy hofiert und nachdem er gestürzt wurde, lässt er ihn ? wie mutig - nicht nach Paris einreisen. Das ist zutiefst heuchlerisch. Was sollte die EU jetzt tun, um die demokratischen Entwicklungen in Ägypten zu unterstützen? Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, was Abdel-Samad Europa und Bundeskanzlerin Angela Merkel rät und warum er glaubt, dass Israel gerade einen riesigen Fehler begeht.
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Ich sehe die Demonstrationen live im Fernsehen. Mir stockt der Atem. Wie mutig und beeindruckend das alles ist. Die ganzen anderen Despoten in den arabischen Ländern werden sich noch wundern.

  • Antworten
Abdul S.01.02.2011 | 00:00 Uhr

Der Frager weist zu recht darauf hin, dass Ägypten von den USA seit langem finanziell unterstützt wird. Mit Milliardenbeträgen, jährlich. Was, wenn dieser Kapitalzufluss wegfällt?! Die USA werden gebraucht, Ägypten steht wirtschaftlich nicht auf eigenen Beinen - darüber müssen sich die Demonstrierer im klaren sein. Anders gesagt: die Oppostionensbewegungen müssen zügig zu verlässlichen Instanzen wachsen, sonst wird man Mubarak nicht abschütteln können.

  • Antworten
TOBIAS RÜGER01.02.2011 | 00:00 Uhr

einen ausgezeichnet Artikel!man kann nur hoffen daß Ägypten bald ohne Mubarak frei wird und auf eine echte Demokratie für die Zükunft der Ägypter!!

  • Antworten
Telma Gonzales02.02.2011 | 00:00 Uhr

Hamed Abdel-Samad, Sie haben leider Recht: der Westen betreibt eine heuchlerische Politik. Jetzt kann man Demokratie und Menschenrechte unterstützen, in Ägypten wird Demokratie auf der Straße lebendig, man muss sie nicht wie in Irak und Afghanistan herbeibomben. Ich hoffe, dass endlich mehr Menschen im Westen das eiskalte politische Kalkül einer sterbenden Diktatur begreifen. Und Ihr Tipp an Israel ist klasse: Israel bezeichnet sich gern als einzige Demokratie im Nahen Osten, hat man dort Angst vor einer Demokratie und will lieber eine Diktatur? Alle Kraft der Welt für Sie und Ihre Mitdemonstranten!

  • Antworten
larasara02.02.2011 | 00:00 Uhr

ein beeindruckenes Interview und eine Haltung, die weltweit unterstützt werden soll..Besonders der letzte Absatz hat mich sehr berührt, Diktaren dürfen vom Westen nicht unterstützt werden und die Anregung betreffend Israel - ja !
Diese heuchlerische Politik, die es den Diktaroren ermöglich jahrzehntelang zu regieren, muss ein Ende haben ! Die Zukunft gehört der Jugend , dem Gemeinsamen und nicht der Korruption und der Unterdrückung !

  • Antworten
christina03.02.2011 | 00:00 Uhr

Ein gutes, ein bewegendes Interview!!! Es wäre so schön, wenn die Proteste in Arabien den Menschen in Weißrussland, Zentralasien und auch in Iran Kraft geben würde, ein Vorbild wäre und ihnen zeigen würde, dass ein Aufstehen gegen ihre diktatorischen Unterdrücker möglich ist.

  • Antworten
O.03.02.2011 | 00:00 Uhr

Frieden gibt es nicht auf Kosten der Zivilbevölkerung. Diese aufklärerische Erkenntnis darf in den arabischen Frühlingswochen nicht vergessen werden! Bei einem Filmgespräch bei uns in der Gemeinde zu "Königreich der Himmel" war die Frage, wie tief die Gewalt in der islamischen Welt verankert sei. Da meinte Hamed Abdel-Samad, dass sich zeigen läßt, Islam und Gewalt gehören nicht stringent zusammen. Nun wird sich zeigen, ob es einen ägyptischen Staat geben kann, in dem Kopten und Juden in Würde und mit eigenen Rechten leben können. Ich bin beeindruckt von der offenen, ehrlichen und mutigen Auseinandersetzung vieler Muslime mit ihren Traditionen.
Einen besonderen Dank gilt dabei Hamed Abdel-Samad, der sich öffentlich auf die Seite von Kurt Westergaard stellte.

  • Antworten
Christian Dietrich05.02.2011 | 00:00 Uhr

Ich hoffe doch sehr, dass Abdel-Samad bezüglich seines Optimismus, dass die Moslem-Brüderschaft keineswegs die Mehrheit der Ägypter represäntiert, Recht behalten wird. Nur fürchte ich, dass die Islamisten früher oder später die Macht an sich reissen werden und genauso wie Mubarak es tat, jedwede Opposition unterdrücken wird. Das Dilemma ist doch, dass bisher noch fast jede friedliche, vom Volk ausgehende Revolution mit redlichen Motiven von unlauteren Kräften genutzt und missbraucht wurde. Siehe Iran, siehe Russland, siehe, siehe, siehe.

Aber wie gesagt, es wäre schön, eines besseren belehrt zu werden.

  • Antworten
Georg06.02.2011 | 00:00 Uhr

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