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22.12.2005 Der Financier des lieben Gottes von Christoph von Marschall Philip Anschutz wurde durch einen Glückstreffer zum Ölmilliardär. Seit zehn Jahren steckt er einen erheblichen Teil seines Vermögens in bibeltreue Filmproduktionen. Die bisher größte ist das unter Beteiligung eines Religionswächters produzierte Epos "Der König von Narnia". Im Alter werden die Sünder fromm, sagt der Volksmund. Man weiß nicht, wie sündig Philip F. Anschutz in seiner Jugend war, denn der Ölmilliardär gibt keine Interviews. An seinem bibeltreuen Engagement lässt der 66-Jährige in der jüngeren Vergangenheit aber keine Zweifel: Sein Geld und seine an Fundamentalismus grenzende Religiosität ermöglichten Walt Disney die Produktion von „Der König von Narnia“. Der im Dezember weltweit in den Kinos gestartete Film ist nur der Auftakt eines siebenteiligen Parallelwelt-Epos, das auch in den kommenden Jahren jeweils zu Weihnachten die Besucher anlocken soll. Nach Meinung vieler Filmkritiker haben „Die Chroniken von Narnia“ das Zeug, selbst Megaerfolge wie „Der Herr der Ringe“ und „Harry Potter“ zu übertreffen. Das Raffinierte am Plot: Er lässt sich gleichermaßen als Fantasy-Abenteuer für die ganze Familie wie als Allegorie auf den Opfertod Jesu am Kreuz vermarkten. Die Buchvorlagen hat der irische Autor Clive Staples Lewis zwischen 1948 und 1952 geschrieben – zeitweise ein enger Freund von „Herr der Ringe“-Autor J.R.R. Tolkien und wie dieser Anglistikprofessor in Oxford. In Lewis’ Geschichte werden im Zweiten Weltkrieg die vier Kinder einer Londoner Familie aufs Land verschickt, um sie vor deutschen Luftangriffen zu schützen. Dort geraten sie beim Versteckspiel durch einen magischen Wandschrank in die winterliche Traumwelt Narnia. An der Seite des Löwen Aslan kämpfen Peter, Susan, Edmund und Lucy gegen die böse Hexe. Edmund wird zum Verräter (Judas) und kann nur durch den Opfertod des Löwen Aslan (Jesus als Erlöser) gerettet werden, der später aber ins Leben zurückkehrt. Warum wird die Geschichte erst jetzt verfilmt? C.S. Lewis’ Bücher wurden 85 Millionen Mal verkauft, im angelsächsischen Raum führen sie seit zwei Generationen Kinder an religiöses Pathos und die christlichen Motive von Schuld, Vergebung, Opfertod und Auferstehung heran. Lewis’ Erben hatten die Filmrechte lange nicht hergeben wollen weil sie fürchteten, der missionarische Ansatz werde im Kino verwässert. Hollywoods Distanz zu den Kirchen ist bekannt, Mel Gibsons Erfolg mit „Passion of the Christ“ eher eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Hier kommt Philip Anschutz ins Spiel, dessen Produktionsfirma Walden Media auf Filme für christliche Familien, ohne Sex und Gewalt, spezialisiert ist. Seinem Pfarrer in Colorado zuliebe hatte Anschutz einst begonnen, biblische Themen wie „Joshua“ zu verfilmen, zahlte zunächst aber mehrere Millionen Dollar Lehrgeld. Auch seine hundert Millionen teure Verfilmung „In 80 Tagen um die Welt“ floppte. Schließlich finanzierte er, selbst ein großer Ray-Charles-Fan, den Film „Ray“ – unter der Bedingung, dass wilde Flüche und zu ausschweifende Liebesszenen gestrichen werden. Zum „Narnia“-Deal gehörte, dass Walt Disney den Stiefsohn von C.S.Lewis, Douglas Gresham, einen bekennenden Christen, als Berater des Regisseurs und Religionswächter verpflichtete. Bibeltreue ist auch über das Kino hinaus ein Anliegen, für das Anschutz gerne Millionen lockermacht. Er gehört zu den Mäzenen der Aktivisten des „Intelligent Design“ – einer Schöpfungserklärung, die bereits in manchen Schulen Amerikas in Konkurrenz zu Darwins Evolutionstheorie steht und ein vorausschauendes, übernatürliches Wesen hinter der Entstehung der Welt und der Menschheit erblickt. Zur Verbreitung dieser Schöpfungslehre unterstützt Anschutz das Discovery Institute in Seattle, das „Intelligent Design“ auf eine wissenschaftliche Basis stellen will. Die Grundlagen seines Milliardenvermögens, das er nun als Financier des lieben Gottes einsetzt, hat der konservative Republikaner freilich in ganz anderen Branchen gelegt. Großvater Carl Anschutz war aus Russland eingewandert und hatte eine Bank für Farmer in Kansas gegründet. Vater Fred kaufte Ranchland in Colorado, Utah und Wyoming und setzte auf Ölbohrungen. Doch diese Quelle sprudelte erst für Philip Anschutz richtig üppig. Mit den Gewinnen erwarb er weiteres Land in Utah und Wyoming – und landete den großen Coup. Der Boden unter der Anschutz-Ranch erwies sich Anfang der achtziger Jahre als größtes neues Ölfeld in Amerika seit einem guten Jahrzehnt. Die Hälfte der Rechte verkaufte er für 500 Millionen Dollar an Mobil Oil. Seine Ölmillionen investierte Anschutz zunächst in Eisenbahn-Beteiligungen, seit den Neunzigern auch in die Telefongesellschaft Qwest und diverse Sportclubs, darunter die Eisbären Berlin, die Hamburg Freezers und die München Barons, sowie in Arenen und die Kinokette „Regal Cinemas“. In jüngster Zeit hat er das Zeitungsgeschäft in den USA aufgemischt: Anschutz kaufte den kriselnden San Francisco Examiner und lässt das Blatt kostenlos verteilen – nicht nur an Pendler, sondern auch an wohlhabende Haushalte, was die Werbeindustrie anzieht. Dank der Einstellung erfolgshungriger Journalisten schlägt der Examiner mit seinen Informationen häufig die Konkurrenz. Die Auflage hat sich verdoppelt und erreicht wochentags 163000 Exemplare, am Wochenende 380000. Inzwischen gibt es auch in Washington einen Examiner, 2006 folgt Baltimore. Anschutz hat sich den Titel für 68 Großstädte schützen lassen. Die publizistische Orientierung des Blattes ist eindeutig: für Familie und christliche Werte, gegen die Homo-Ehe – und im Zweifel für den „reborn christian“ George W. Bush. Christoph von Marschall ist USA-Korrespondent des Berliner Tagesspiegel in Washington |
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