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Berliner Republik

Jahresrückblick Die geheimen Ausstiegspläne der Kanzlerin

Von Werner Weidenfeld10. Juni 2011
dpa, picture alliance
Angela Merkel denkt an Aufbruch.
Angela Merkel denkt an Aufbruch.
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CICERO ONLINE schaut zurück auf ein Jahr voller interessanter, bewegender, nachdenklicher oder einfach schöner Texte. Zum Jahreswechsel präsentieren wir Ihnen noch einmal die meistgelesenen Artikel aus 2011. Im Juni: Angela Merkel ist erschöpft. Sie weiß, die nächste Wahl wird sie nicht gewinnen. Deswegen hat sie auch schon einen neuen Posten für sich ins Auge gefasst. Die Frage bleibt jetzt nur: Wer wird ihr Nachfolger im Kanzleramt?

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Die Politik hat eine Meisterschaft erreicht im Drehen von Pirouetten. Der hohen Geschwindigkeit, programmatische Positionen zu ändern, entspricht die Schnelligkeit des Themenwechsels. Vom Dioxinskandal bis zur Einführung der Maut, vom Bildungspaket bis zur Erhöhung der Bezüge für Hartz?IV?Empfänger, von der „Gorch Fock“ bis zur Euro-Krise, von Tunesien bis zum UN-Sicherheitsrat – jeder Sachverhalt kann die Aufmerksamkeit nur für wenige Tage auf sich ziehen. Der Blick wendet sich bereits der nächsten Aufgeregtheit zu – ohne dass das alte Problem gelöst wäre. Lediglich die Themen „Fukushima“ und „Guttenberg“ fanden ein paar Tage mehr Aufmerksamkeit.

In diesem politischen Dschungel hektischer Aufgeregtheit verschwinden die alten Tugenden der politischen Kultur wie Zuverlässigkeit und Transparenz, Kalkulierbarkeit und Standfestigkeit. Sie mögen bestenfalls noch politische Archäologen interessieren. Aber in diesem Dschungel verschwinden auch die großen, elementaren Fragen – zum Beispiel nach klarer Zukunftsstrategie und Orientierung. Zu diesen wesentlichen Fragen, die bisher nicht den Horizont der Aufmerksamkeit finden, gehört auch der Blick auf die zukünftige personelle Führungsstruktur der Republik. Dieses drängende Thema lässt sich in eine gewisse Schlichtheit übersetzen: Wer wird Nachfolger von Angela Merkel?

Zur Beantwortung kann man zunächst die historische Erfahrung der Bundesrepublik Deutschland heranziehen: Seit 1949 wurde es für jede Regierung, die eine etwas längere Amtszeit erreichte, nach der zweiten Wiederwahl höchst schwierig. Der programmatische Verschleiß, die thematische Abnutzung, die ideenmäßige Erschöpfung wurden jeweils unübersehbar. So geschah es in der architektonischen Gründungsepoche der Republik mit der Regierung Adenauer nach 1957. Auch die Regierung Brandt konnte sich diesem Mühlwerk nach 1972 nicht entziehen – ebenso wie die Regierung Schmidt nach 1980. Merkels Lehrmeister Helmut Kohl wäre ebenfalls 1990 nicht wiedergewählt worden. Das empirische Datenmaterial bot eine eindeutige Sprache. Die Regierung war verbraucht. Die FDP dachte gar über einen Koalitionswechsel nach, um nicht mit in den Sog des Tiefgangs zu geraten. Aber der Fall der Mauer schenkte Helmut Kohl eine zweite Luft. Die zweite Regierung Kohl war aber dann 1998 wirklich erschöpft und ausgelaugt. Diese Geschichte ist Angela Merkel voll präsent. Bereits heute ist der historische Zustand programmatischer Erschöpfung und strategischen Leerlaufs unübersehbar. Lediglich ihr meisterhaftes Fingerspiel der Machttechnik kann nach wie vor beeindrucken. Die Beschreibungen ihrer Position bewegen sich jedoch zwischen angeschlagen und ausgezehrt, schwach und gefährdet.

Neben dieser Erschöpfung wird sich Angela Merkel einen zweiten Gesichtspunkt vor Augen halten: Sie hat noch nie Wahlen wirklich gewonnen. Man darf sich daran erinnern, dass 1976 ein Helmut Kohl mit 48,6 Prozent die harte Bank der Opposition einnehmen musste. Für Angela Merkel reichten 2005 magere 35,2 Prozent mit einem Verlust von 3,3 Prozent, 2009 magere 33,8 Prozent mit einem weiteren Verlust von 1,4 Prozent, den machtvollen Sonnenthron des Bundeskanzlers zu erklimmen. Sie hatte jeweils bereits in der Wahlnacht ihr überlegenes Machtspiel ausgeübt. Von Stoiber bis Merz, von Koch bis Wulff waren ihr dabei alle unterlegen. Merkel konnte jeweils ein höchst schwaches Wahlergebnis in einen machtpolitischen Sieg umwandeln. Aber diese diversen Erfahrungen zeigen auch ihr: Die nächste Bundestagswahl wird sie nicht gewinnen. Und inzwischen ist ihr Fingerspiel durchschaut – schließlich hat sie ja alle potenziellen Kronprinzen und Konkurrenten in die Kulisse abgeschoben. Sie wird also nicht ein weiteres Mal aus einer datengesättigten Niederlage einen Sieg ihrer Macht zaubern können.

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Quellen?

Sehr geehrter Herr Weidenfeld, das ist eine kluge Analyse der politischen Lage und Charakterisierung der Kanzlerin, der ich im wesentlichen zustimme. Aber haben Sie für Ihre zentrale Behauptung, Merkel strebe nach dem Posten des Ratspräsidenten, irgendeine Quelle? Oder ist das nur eine persönliche Vermutung, ein mögliches Szenario?

  • Antworten
Ludwig Kühn01.07.2011 | 10:01 Uhr

Pferde können das besser

Zitat aus dem Artikel:
"Mühsam fallen drei Namen ein: Ursula von der Leyen und Norbert Röttgen."
Zählen ist offensichtlich nicht Ihre Stärke.

  • Antworten
G. Bergmann27.07.2011 | 18:28 Uhr

Pferde können das besser

Bitte den Absatz doch aufmerksam bis zum Ende lesen: Lothar de Maiziere wäre der "Dritte im Bunde".

  • Antworten
WoPflfgang Rogosch29.07.2011 | 14:10 Uhr

Durchmerkeln bis zur nächsten „Rettung“

Überhaupt: Rettung. Wessen Rettung? Und wohin - also in welche "Zukunft"? (ob nun mit C am Anfang geschrieben, steht dahin)
Wenn sie, neuerdings Übermutter der Europäer (oder besser Überwurfmutter) ins Licht der Öffentlichkeit tritt, um zu „vernehmlassen“ (in letzter Zeit hat sie, wohl urlaubsbedingt, ihre Deckung allerdings eher selten verlassen), und egal worauf sie die zunehmend verdrossene Meute gerade einschwören will - dann stets mit ihrem Markenzeichen, der Umkehrung eines Lächelns (was ebensogut Ausdruck ständigen Beleidigtseins sein könnte wie das Gegenteil jeglichen Prinzips Hoffnung) in Tateinheit natürlich mit jener unvergleichlichen Sprachmelodie, aus der wenigstens der deutsche BILDungsbürger gelernt hat, den größt-anzunehmenden Brustton an Überzeugung herauszuhören.
Wer könnte auch mit weniger als Allem zufrieden sein. Oder dessen Gegenteil?
Egal. Bis zur nächsten "Rettung" (und da stehen wohl noch einige in Aussicht, also besser von Rettung zu Rettung) wird sie sich schon irgendwie durchmerkeln. Darin ist sie Meister.
Drei-Wetter-Taft muss halten bis zur planmäßigen Flucht nach vorn in die freigehaltene Option EU-Karriere (bzw. bis zum planmäßigem Rückzug in dieselbe). In Aussicht steht schließlich nichts Geringeres als eine (wenigstens für sie) sichere Rente.
Ob, wenn sie sich also eines schönen Tages auf ihr machtpolitisches Altenteil zurückzieht, dies für die Europäische Union ein Zugewinn sein wird, steht, gelinde formuliert, dahin.
Aber das war wohl auch nie Teil des (persönlichen) Rettungsplans.
Überhaupt „Rettung“ – ein nahezu inflationär gewordener Begriff. Mal sehen, wie lange dessen „Deckung“ noch hält. Semantisch ist da allerdings längst die Luft raus. Wie wärs mit: Interessenwahrnehmung?
(Oops, solch Sprachklarheit wurde schon Horst Köhler zum Verhängnis.) Da ist wohl in nächster Zeit noch einiges an seibertscher Kommunikations-Kosmetik gefragt, um allerlei (und in zunehmendem Maße) Ungedecktem zur wenigstens "gefühlten" Deckung zu verhelfen.

  • Antworten
Tom Schilling13.08.2011 | 11:26 Uhr

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