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Berliner Republik

Wahlforscher: „In Baden-Württemberg bleibt es bis zur letzten Minute spannend.“

Von Thorsten Faas24. März 2011
Am Sonntag hat Baden-Württemberg die Wahl.
Am Sonntag hat Baden-Württemberg die Wahl.
Schrift:
Die Wahl in Baden-Württemberg ist noch längst nicht entschieden, sagt der Wahlforscher Thorsten Faas. Im Interview mit Cicero Online spricht er über flexible Wähler und schnell wechselnde Wahlkampfthemen, über das kantige Profil des Ministerpräsidenten und die historische Chance der Opposition.
Professor Thorsten Faas ist Wahlforscher an der Universität Mannheim, im Vorfeld der Landtagswahlen befragt er in einer großen Wahlstudie seit Monaten regelmäßig Wähler in Baden-Württemberg. Um die Stimmungen und Stimmungsumschwünge erfassen zu können, werden dabei in einer Panelbefragung immer wieder dieselben Personen befragt.
Herr Professor Faas, wie geht die Landtagswahl am Sonntag in Baden-Württemberg aus? Wenn ich das wüsste... Aber im Ernst: Einerseits gibt es auch wenige Tage vor der Wahl noch ein beachtliches Maß an Unentschlossenheit im Land, andererseits sind die Themen und in der Folge auch die Stimmung im Land sehr volatil, das haben ja gerade die vergangenen Wochen gezeigt. Der Ausgang der Wahl ist tatsächlich offen. "Too close to call", würden die Amerikaner sagen. Gibt es denn eine Wechselstimmung? Es gibt in jedem Fall eine große Polarisierung. Das war schon zu den Hochzeiten der "Stuttgart21"-Proteste im vergangenen Jahr der Fall und findet aktuell in der Atomdebatte seine Fortsetzung. Aber auch jenseits dieser die Agenda dominierenden Themen sind die "guten alten" politischen Lager hier sehr sichtbar: Bei nahezu allen Themen sind sich FDP und Union einig, ihnen steht die Opposition nicht minder geeint gegenüber. Das zeigen nicht zuletzt - auf spielerische Art - die Positionierungen der Parteien beim Wahl-O-Mat. Mit Blick auf den kommenden Wahlsonntag gibt es also eine extrem stark ausgeprägte Wechselstimmung bei der Opposition. Sie wittert eine einmalige, geradezu historische Chance, den Wechsel im Ländle zu schaffen. Welches Ansehen genießt der Ministerpräsident Stefan Mappus und wie steht er im Vergleich zu seinen Herausforderern da? Die Unterschiede zwischen den Kandidaten sind bemerkenswert, das hat nicht zuletzt in der vergangenen Woche auch das TV-Duell zwischen Stefan Mappus und Nils Schmid sehr deutlich gezeigt. Mappus war und ist ein Politikertyp mit Ecken und Kanten - was sicherlich zu der Polarisierung, von der ich eben gesprochen habe, in erheblichem Maße beigetragen hat. Das muss für die Union gar nicht schlecht sein, denn Polarisierung bedeutet in der Regel auch Mobilisierung der eigenen Anhänger - ein Faktor, den man gerade bei Landtagswahlen (mit ihren relativ niedrigen Wahlbeteiligungsraten) nicht unterschätzen darf. Erstmals könnte in Baden-Württemberg ein Grüner Ministerpräsident werden, trauen die Wähler Winfried Kretschmann das Amt zu? In der Tat - noch eine der vielen Besonderheiten dieser Wahl ist die Möglichkeit, dass Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik werden könnte. Dass seine Anhänger ihm das zutrauen, liegt auf der Hand. Auch die Schwierigkeit etwa für die SPD-Anhänger, aber auch die Spitzenkräfte in der SPD liegen weniger in der Person Kretschmanns begründet, sondern eher in der potenziellen Rolle der SPD als Juniorpartner in einer grün-roten Koalition. Doch selbst das wäre wohl für die SPD akzeptabel: Zu stark ist der Wunsch, die Unionsbastion Baden-Württemberg nach 60 Jahren einzunehmen. Seit zwei Wochen bestimmt der Atomunfall die Schlagzeilen und die politischen Debatten in Deutschland, schlägt sich das in der Stimmung der Wähler in Baden-Württemberg nieder? Ja - und zwar in mindestens dreifacher Weise: Erstens hat das Thema in der vergangenen Woche die Spitze der Themenagenda übernommen. Zweitens können wir beobachten, dass sich die Bevölkerungsmeinung zum Thema Kernkraft schlagartig verändert hat: Die Menschen in Baden-Württemberg, aber sicherlich auch darüber hinaus, halten das Thema Kernkraft nicht nur für überaus wichtig, sondern begegnen der Kernkraft nach der Katastrophe von Japan auch deutlich skeptischer. Das hat man offenkundig auch bei Union und FDP wahrgenommen und entsprechend die eigenen Positionen - Stichwort: Moratorium - angepasst. Auch diese Re-Positionierung haben die Menschen durchaus wahrgenommen. Allerdings werden diese neuen Positionen - gerade im Vergleich etwa zur Position der Grünen - als weniger glaubwürdig wahrgenommen. Entscheidet die Themen Atomkraft und Energiepolitik die Wahl? Im November letzten Jahres hätte Stuttgart 21 die Wahl entschieden, noch vor wenigen Wochen hätten wir einen Einfluss der Guttenberg-Dissertation vermutet. Aktuell prägt das Thema Kernkraft die politische Landschaft. Klar ist, dass die Grünen von einer Situation profitieren, in der die Menschen ihre Wahlentscheidung unter dem Eindruck einer Kernkraftdebatte treffen. Ihnen "gehört" dieses Thema. Ob das aber tatsächlich am kommenden Sonntag noch der Fall sein wird, wage ich derzeit nicht zu sagen, dafür passiert aktuell schlicht zu viel. Aber genau darum wird sich der Wahlkampf in den kommenden Tagen drehen: Jede Partei wird versuchen, den Bürgern im Land einen Maßstab an die Hand zu geben, anhand dessen sie bitte schön am Wahlsonntag ihre Entscheidung treffen sollen. Einfach gesagt: Die Grünen versuchen, aus der Wahl ein Referendum über die Zukunft der Kernenergie zu machen; die Regierungsparteien wollen die Wahl zu einem Referendum über ihre Leistungsbilanz machen. Wir sehen also keinen Kampf um Positionen, sondern eher um Prioritäten und Kriterien. Lesen Sie im zweiten Teil, welche Rolle Stuttgart 21 bei der Wahl am Sonntag spielt
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