Großbanken wurden mit Steuergeldern vor der Pleite gerettet. Die Bonusempfänger sind wieder im Geschäft, als wäre nichts geschehen. Der Gesetzgeber ringt ohnmächtig die Hände. Die wahren Kosten der Finanzkrise stehen in keiner Bilanz: der Vertrauensverlust der Bürger in die Elite.
Seltsamer Befund. Die Wirtschaft brummt wieder, die Zahl der Arbeitslosen sinkt unter dreieinhalb Millionen, Löhne und Binnennachfrage steigen. Und dennoch scheint das Land von einer inneren Unruhe befallen, wie man sie sonst nur aus Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs kennt. Das Parkett glänzt, aber der Boden darunter bewegt sich. Etwas zerrt an den Nerven der Bürger, verdirbt ihnen die Laune – wie ein Sieg der Nationalelf, der durch zwei Eigentore des Gegners errungen wurde. Der Grundkonsens, für den die Deutschen von ihren Nachbarn seit jeher bewundert und auch gescholten wurden, ihr Vertrauen in den Staat, ihr Ordnungssinn, ihr Glaube an Regeln, die für alle gelten – er scheint in Auflösung begriffen.
Im Nachhinein erscheint die Affäre zu Guttenberg wie ein winziges Nachbeben jener gewaltigen Erschütterung des öffentlichen Vertrauens, das die weltweite Finanzkrise ausgelöst hat. Nach den Bekundungen ihrer Verwalter ist diese Krise ausgestanden. Und hat nicht die Deutsche Bank, das Flaggschiff der deutschen Finanzflotte, eben erst einen Gewinn von zehn Milliarden Euro für das laufende Jahr in Aussicht gestellt? Sogar die Commerzbank, die nur dank insgesamt 34 Milliarden Euro Staatshilfe überlebte, will demnächst ihre Schulden zurückzahlen – und dies mit 9 Prozent Zinsen! Wenn man alle anderen Zahlen ausblendet, ist die drohende und partiell reale Bankenpleite am Ende ein gutes Geschäft für den Staat gewesen.
Der für Wunder immer aufgeschlossene Steuerzahler nimmt diese erleichtert zur Kenntnis und blickt gleichzeitig beklommen auf die Staatsschulden, die im selben Jahr so stark angestiegen sind wie noch nie seit Bestehen der Republik – auf insgesamt fast 2000 Milliarden.
Die Verwüstungen, die die Finanzkrise in vielen Volkswirtschaften der Welt hinterlassen hat, sind in dieser Schadensbilanz noch gar nicht enthalten. Der Gesamtschaden der globalen Finanzkrise wird nach einer Schätzung der Commerzbank aus dem Jahr 2009 auf 10,6 Billionen Dollar beziffert. Doch niemand hat bisher ausgerechnet, wie sich die Lasten zwischen den Schadensverursachern und den Geschädigten verteilen. Sicher ist, dass die riesige Mehrzahl derjenigen, die die giftige Suppe nun auslöffeln müssen, nicht beim Kochen dabei war.
In Griechenland muss die Regierung die Polizei gegen wütende junge Demonstranten auf die Straße schicken. Sie sehen nicht ein, warum sie für die Sünden ihrer steuerhinterziehenden Vätergeneration und ihrer korrupten Eliten büßen müssen. In Irland, in Island, in Spanien, in Portugal müssen Eltern dabei zusehen, wie ihre gut ausgebildeten Kinder ihren Heimatländern den Rücken kehren, weil sie zu Hause keinen Arbeitsplatz finden. Und was hatten die Millionen von Arbeitnehmern in den USA, die mit ihren Jobs auch ihre Krankenversicherungen verloren, mit der Börse zu tun? Dass sie zum Hauskauf spottbillige Hypotheken aufnahmen, wird ihnen jetzt von denen vorgeworfen, die sie ihnen angedreht hatten.
Bürger überall auf der Welt, die noch nie eine Aktie erworben, noch nie ein Zertifikat angefasst haben, müssen dafür geradestehen, dass ein paar entfesselte Spieler unter den Augen willfähriger oder blinder Politiker ihre Zukunft verwettet haben.
Und die Erfinder des Spieles, die mit Heilslehren wie „Märkte korrigieren sich selbst“ zeitweise den Status von Genies erlangten – was wurde aus denen? Einige wenige prangerten nachträglich die Gier der eigenen Zunft an, andere verblüfften die Medien mit der Ankündigung, ein ganzes Jahr lang für ein Gehalt von einem Dollar zu arbeiten – ein Dollar im Jahr, das muss man sich leisten können! Wiederum andere, zum Beispiel der Chef der Megabank Goldman Sachs, richteten ein großes Essen für die Armen New Yorks aus, bei dem die Topbanker als Kellner dienten und anschließend sogar den Müll beseitigten.
Aber inzwischen hat sich die Branche prächtig erholt. Vertreter von Hedgefonds erzählen den Schülern in britischen Schulen, dass sie „nach wenigen Jahren härtester Arbeit und einem Sklavenjob“ mit 32 Jahren zu den Bankern gehören könnten, „die jedes Jahr mehr als eine Million einstreichen“. Die Großbanken haben ihrer Kundschaft im Jahr 2010 noch größere Gewinne beschert als die berüchtigten Hedgefonds und haben sich prompt neue Höchstgagen genehmigt. Der Durchschnittsverdienst sämtlicher Mitarbeiter von Goldman Sachs betrug im Jahre 2010 rund 430 000 Dollar – und die Kultur der Bonuszahlungen blüht so kräftig wie eh und je.
Lesen Sie im nächsten Teil, wie ein 28-jähriger Trader von Goldman Sachs, der vor seiner Geliebten prahlen wollte, die Scharmlosigkeit seiner Abzockmethoden offenbarte.











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