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Andy Warhol: Die Narben eines Superstars

Von Lisa Zeitz28. Oktober 2010
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Die Bilder der New Yorkerin Alice Neel könnten sich kaum stärker von denen ihres Zeitgenossen Andy Warhol unterscheiden. Das einfühlsamste Porträt des Popkünstlers stammt trotzdem aus ihrer Hand.
Porträts malte die New Yorker Künstlerin Alice Neel (1900 bis 1984) am liebsten. Während die Welt um sie herum abstrakt wurde, während Minimalismus, Konzeptkunst und Pop-Art die Galerien und Museen zu dominieren begannen, blieb sie mit Pinsel, Ölfarbe und Leinwand dem Figurativen treu. Jahrzehntelang blieb sie damit erfolglos. Doch beharrlich porträtierte sie weiter die schrägen Typen, die sie umgaben, ihre Nachbarn, ihre Freunde, ihre Söhne und Liebhaber. In der kuriosen Gesellschaft, die sie so für die Nachwelt festhielt, begegnet man nachdenklichen Kommunisten und zärtlichen Liebespaaren, kränklichen Kindern und alternden Stripperinnen. Zu zweit klemmen sie da auf einem Sessel, verloren lungern sie auf einem Bett herum. Unnachahmlich linkisch wirkt das und trotzdem elegant. Andy Warhol, der 1970 für Neel Porträt saß, gehört eher zu dem verlorenen Typus. Als sie ihn malte, war die Künstlerin schon eine alte Dame, die ihr graues Haar in einem Dutt zusammensteckte. Warhol hingegen war ein Superstar, ein Mitbegründer der Pop-Art. Zwar schuf auch er Porträts, aber, verliebt in die Oberfläche, stilisierte er seine Motive per Siebdruck zu Ikonen. Wer Neels Warhol-Bildnis einmal im New Yorker Whitney-Museum gesehen hat, wird es nicht mehr vergessen können. Gerade weil es eine Art Gegenentwurf zum Ikonischen darstellt, weil es den Warhol hinter der Glamourfassade zeigt. Berühmt dafür, überall mit einer schillernden Entourage aufzutauchen, sitzt da der Künstler ganz allein auf einer kahlen Chaiselongue, auf kaum mehr als einer Matratze. Die Augen sind geschlossen, die Hände über den Knien gefaltet, der Oberkörper nackt. Das Korsett und die erschreckenden Narben an seinem Bauch erinnern an das Attentat, das er 1968 knapp überlebte, als die radikale Feministin Valerie Solanas in seinem Großatelier, der „Factory“, drei Schüsse auf ihn abfeuerte. Seine Brustmuskeln sind schlaff und verleihen ihm einen androgynen Zug. Als Neel das Bild auf einer Diaschau in Nairobi zeigen wollte, stieß sie deswegen auf große Widerstände: „Die Afrikaner haben mich nicht gelassen“, sollte sich die Künstlerin später amüsiert erinnern. „‚Oh nein, halb Mann, halb Frau, das würde unsere Kinder ruinieren.‘“ Zerfurcht ist das Gesicht von Warhol auf diesem Porträt, aber nicht hässlich. Die zarten bläulichen und grünlichen Pastelltöne, die Neel für die Darstellung seiner Haut und seines Haars verwendete, verleihen ihm eine beinahe übermenschliche Aura. Fast könnte man ihn für einen Märtyrer halten, für einen Heiligen oder einen Engel, ein Wesen jedenfalls, das nicht mehr auf der Erde lebt. Dass die Künstlerin manche Teile des Bildes unvollendet gelassen hat, ein Knie, die Hände und das Polstermöbel, verstärkt den Eindruck seiner Verletzlichkeit noch. Fast wirkt es für den Betrachter so, als würde Warhol vor seinen Augen in den nächsten Minuten ganz verschwinden. Alice Neels Bilder könnten sich kaum stärker von der Kunst Andy Warhols unterscheiden. Er benutzte überbelichtete Polaroidfotos oder Bilder aus einem Passfotoautomaten als Vorlagen für seine Siebdrucke. Falten, Hautunreinheiten und andere individuelle Merkmale blendete er dabei aus und machte aus jedem Menschen einen Star. Neel hingegen konzentrierte sich psychologisch einfühlsam auf die Verletzbarkeit und die Schwächen einer Person. So sensibel Alice Neel als Malerin war, so kritisch sah sie jedoch Warhols Kunst: „Als Mensch ist Andy sehr nett. Höflich und eher still. Aber als Persönlichkeit in der Kunstszene repräsentiert er einen gewissen Niedergang unserer Ära. Ich finde, er ist der beste zeitgenössische Werbegrafiker, aber er ist kein großer Porträtmaler. Von den Brillo-Boxen zu den Porträts, ich weiß nicht … Trotzdem, seine Suppendosen sind großartig.“ Hier können Sie das Porträt von Andy Warhol sehen Das Bild ist bis zum 2. Januar 2011 in der Retrospektivausstellung Alice Neel Painted Truths im Moderna Museet Malmö zu sehen.
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