von Hartmut Palmer
Auch wenn sie ständig den Verlust ihrer Privatheit beklagten – deutsche Kanzler haben ihre Urlaube immer auch als öffentliches Schauspiel inszeniert, um Präsenz und Unentbehrlichkeit zu demonstrieren. Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte der politischen Sommerfrische.
Europa steckte wieder einmal tief in der Krise. Aber Deutschlands einflussreichster und mächtigster Politiker war nicht in Berlin, sondern in die Sommerfrische abgetaucht – wie fast immer. Otto Fürst von Bismarck – Kanzler des Deutschen Kaiserreiches, zugleich Ministerpräsident und Außenminister von Preußen – machte gern und ausgiebig Urlaub. Das Kanzleramt und den ungeliebten Reichstag in Berlin mied er – oft über Wochen und Monate.
„Der alte Herr“, so der Bismarck-Biograf Lothar Gall zu Cicero, „hielt sich am liebsten auf seinen Gütern im (heute polnischen – die Redaktion) Varzin oder im Sachsenwald auf, und außerdem fuhr er fast jedes Jahr nach Bad Kissingen zur Kur, auch in bewusster und gewollter Distanz zu Berlin.“
Heute, im Zeitalter der Massenkommunikation wäre dies undenkbar. Das Volk will wissen, was seine Oberen treiben – auch wenn sie nicht an ihrem Schreibtisch sitzen, auf Reisen, krank oder einfach nur erholungsbedürftig sind. Spitzenpolitiker wiederum brauchen mediale Aufmerksamkeit wie Junkies den Stoff. Präsenz ist für sie Pflicht, längere Abwesenheit politisch lebensgefährlich. Wer es nicht mehr auf die Bildschirme schafft, fühlt sich abgemeldet. Deshalb ist Urlaub für viele Politiker ein zwiespältiges Vergnügen: Einerseits möchten sie in Ruhe gelassen werden, andererseits aber fürchten sie nichts mehr als das. So sehen viele der Urlaubszeit mit gemischten Gefühlen entgegen.
Von Angela Merkel heißt es, sie sei anders. Aber auch ihre Urlaubsplanung folgt den medialen Zwängen. Am 25. Juli wird sie mit ihrem Ehemann Joachim Sauer – einem großen Kenner und Genießer klassischer Musik – zu den Bayreuther Festspielen kommen. Danach geht es wieder nach Südtirol, in die Dolomiten, in den malerischen Ferienort Sexten, wo sie schon in den vergangenen Jahren (einmal sogar mit dem Bergsteiger Reinhold Messner) durch die Berge gewandert ist und Gipfel bestiegen hat. Selbstverständlich inklusive Fotos und Filmaufnahmen.
Abtauchen wie Bismarck kann sie nicht. „Sie wählt ihre Urlaubsziele so aus“, sagt ihr Sprecher Ulrich Wilhelm, „dass sie jederzeit innerhalb weniger Stunden in Berlin sein kann, wenn es irgendwo brennt.“ Ein ausgedehnter Urlaub in „einer anderen Zeitzone kommt für sie nicht mehr infrage.“ Sommerfrische? „Das sind“, sagt Wilhelm, „versunkene Zeiten.“
Auch in ihrem Feriendomizil ist alles so hergerichtet, dass eine wirklich entspannte Urlaubsatmosphäre gar nicht erst aufkommen kann. Sicherheitsbeamte haben die Umgebung inspiziert, Straßen und Wege durchkämmt, abhörsichere Telefonleitungen gelegt, Gästelisten auf verdächtige Namen durchsucht. Ein Lagezentrum im Hotel garantiert ständige Erreichbarkeit – auch für ausländische Staatenlenker. Und ungestört ist sie nie. Wo immer sie sich zeigt, lauern neugierige Touristen oder professionelle Fotografen auf den schönsten Urlaubsschuss. Richtige Erholung findet sie allenfalls danach in ihrem Wochenendhaus in der Uckermarck.
So erging es allen Nachkriegskanzlern – alle beklagten den Verlust an Privatheit. Aber alle sorgten aus nachvollziehbaren Gründen dafür, dass sie auch in ihren Ferien nie in Vergessenheit gerieten.
Schon Adenauer wusste die Medien zu nutzen. Er lud Fotografen und ausgewählte Journalisten an den Comer See nach Cadenabbia, wo er sich jahrelang – oft über Wochen – aufhielt und Boccia spielte. Inzwischen rücken in der Sauregurkenzeit ganze Fernsehteams aus, um Spitzenpolitikern in sogenannten „Sommerinterviews“ Belanglosigkeiten zu entlocken. Und die Mächtigen machen mit: Jahr für Jahr inszenieren sie ihre Urlaube vor wechselnden Landschaftskulissen als öffentliches Schauspiel, um Präsenz und Unentbehrlichkeit zu demonstrieren.
Die Bilder und die Orte, an denen sie entstanden, haben im kollektiven Gedächtnis der Deutschen längst einen festen, fast mythischen Platz: der greise Adenauer, ohne Schlips, aber mit Weste am Comer See, Bocciakugeln werfend. Willy Brandt, im offenen Hemd, angelnd an norwegischen Fjorden. Helmut Schmidt auf dem Brahmsee segelnd. Helmut Kohl umringt von gehörntem und ungehörntem Getier, mit Ehefrau Hannelore am Wolfgangsee. Gerhard Schröder mal hier, mal da, aber meistens auf Borkum. Und Angela Merkel in Bergsteigerkluft vor den Dolomiten. Die Botschaft ist immer die gleiche: Auch wenn wir weg sind, sind wir noch da. Wir machen Urlaub, wie ihr. Auf uns ist jederzeit Verlass.
Aber die Urlaubsbilder und -berichte erfüllen noch einen anderen Zweck. Indem sie angeblich nur Privates zeigten, machten sie Werbung für den Politiker. Wenn der Urlauber Adenauer im Fernsehinterview erzählte, das von ihm geliebte Boccia sei „ein Spiel, das, ohne übermäßig den Verstand zu belasten, große Aufmerksamkeit erfordert und gute Nerven und einen guten Blick, ein Abmessen der Entfernung und der Kraft, die einzusetzen ist“ – dann glaubte ihm das Publikum sofort, dass er diese für das Spiel benötigten Fähigkeiten und Stärken auch als Bundeskanzler beherrschte.
Ausdauer, Ruhe und Gelassenheit, die der Angler Brandt auf dem Urlaubsfoto ausstrahlte, ließen sich mühelos auf den Kanzler Brandt übertragen. Später schob sich allerdings ein ganz anderes Bild davor: Vorne der DDR-Spion Günter Guillaume, der ein vermutlich geheimes Fernschreiben liest, dahinter der scheinbar ahnungslose Kanzler, der sich von den eigenen Leuten zum Lockvogel hat machen lassen. Aber das wurde erst nach der Enttarnung des DDR-Spions zum peinlichen Politikum.
Brandts Nachfolger Schmidt als kräftig zupackender Freizeitsegler, seine Jolle fest im Griff: Auch dieses Urlaubsbild festigte natürlich das Image eines Kapitäns, der auch das Staatsschiff Bundesrepublik sicher durch Stürme und Krisen lenkt. Die Prinz-Heinrich-Mütze, die er dabei trägt, die Schnupftabakdose und die ewig glimmende Mentholzigarette sind bis heute Markenzeichen des Alt-Kanzlers geblieben.
Kohl und seine Streicheltiere am Wolfgangsee: das Ganze unter Hirschgeweihen, die sein Urlaubshaus schmückten – auch das passte alle Jahre wieder genau zu dem Politiker, der seinem Volk die Idylle versprochen hatte: die „geistig moralische Wende“ und „blühenden Landschaften“. Am Wolfgangsee, merkte der Spiegel einmal spöttisch an, habe Kohl geradezu idealtypisch den Menschen verkörpert, der „Weltpolitik nach Art eines Dorfschulzen macht, Weltpolitik unter dem Zeichen des Hirschgeweihs“.
Gerhard Schröder inszenierte seine Urlaube als politische Spektakel, sogar dann, wenn er sie ausfallen ließ. Als sich im Sommer 2003 ein italienischer Staatssekretär für Tourismus abfällig über deutsche Feriengäste äußerte, stornierte der Kanzler unter großem Mediengetöse seine Ferien in Italien. Schon ein Jahr zuvor hatte er seinen Herausforderer Edmund Stoiber vorgeführt, weil der noch auf einer Nordseeinsel Urlaub machte, während Schröder bereits vor Fernsehkameras mit Gummistiefeln und Windjacke durch das Hochwasser an der Oder stapfte.
Urlaubsfotos können aber auch Schaden anrichten. Schröders langjährigem SPD-Rivalen Rudolf Scharping, der 1994 vergeblich die Kanzlerschaft anstrebte, aber erst im rot-grünen Kabinett zu Ministerwürden kam, wurden solche Fotos zum Verhängnis: Während Bundeswehrsoldaten zum ersten Mal nach Kriegsende in den Kosovo ausgerückt waren, um dort für ein Ende der ethnischen Säuberungen zu sorgen, vergnügte sich der Verteidigungsminister vor den Objektiven eines Fotografen der Klatsch-Illustrierten Bunte mit seiner neuen Liebe, der Gräfin Pilawa, in einem Swimmingpool auf Mallorca. Die Fotos lösten einen mittleren Skandal aus. „Bin Baden“ (Journalistenspott) trat kurze Zeit später zurück.
Reichskanzler Otto von Bismarck brauchte keine Bilder und musste keine Fotografen fürchten, die ihm auflauerten. Aber auch er beklagte sich gelegentlich über gewisse Belästigungen im Kurort Bad Kissingen: „Leider lässt mir die Politik nicht ganz die Ruhe, deren man im Bade bedarf.“
Als sich die europäischen Großmächte im Sommer 1877 wieder einmal erbittert um den strategisch wichtigen Zugang zum Schwarzen Meer und um die Vorherrschaft auf dem Kontinent zankten und sogar ein neuer Krieg drohte, brach der Reichskanzler seine Kur nicht etwa ab (wie man das heute von ihm erwarten würde), sondern er blieb. Die Denkschrift aber, die er seinem Sohn Herbert in die Feder diktierte, ging als das „Kissinger Diktat“ in die Geschichtsbücher ein. Es waren die berühmten Leitlinien zur europäischen Außen- und Sicherheitspolitik, mit denen er sich den Großmächten England, Russland und Österreich (und den Historikern) als „ehrlicher Makler“ empfahl – Weltpolitik im Bademantel.
Seinen Ruhm als Schöpfer des Deutschen Reiches verdankt Bismarck übrigens auch einer Geschichte, die während der allgemeinen Sommerurlaubszeit begann, allerdings an einem Tag im Juli 1870, an dem der knorrige Politiker sich ausnahmsweise weder in der Kur noch auf einem seiner Güter aufhielt, sondern tatsächlich in Berlin. Dort erreichte ihn das bekannteste und folgenreichste Telegramm des 19. Jahrhunderts, die sogenannte „Emser Depesche“. Es war das Protokoll eines Gesprächs, das der preußische König Wilhelm, seinerseits gerade zur Kur in Bad Ems, mit dem französischen Botschafter geführt hatte.
Bismarck verkürzte und verfälschte die Botschaft seines Königs dergestalt, dass sich der Nachbar Frankreich – nachdem der Preußen-Premier die von ihm redigierte Fassung an die Presse lanciert hatte – brüskiert und provoziert fühlen musste und den Preußen, wie von Bismarck gewollt, den Krieg erklärte.
Der Rest dieser Sommergeschichte ist ebenfalls bekannt: Die Franzosen wurden besiegt und in Versailles das Deutsche Reich proklamiert: mit Kaiser Wilhelm I. an der Spitze und dem Reichskanzler Bismarck als seiner grauen Eminenz – jederzeit auf dem Sprung in die Sommerfrische.
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