Wie es sich für eine aufstrebende Weltmacht gehört, soll die diesjährige Expo die größte aller Zeiten werden. Rund 70 Millionen Besucher werden erwartet, 95 Prozent davon aus China selbst. Trotzdem hat Schanghai seine Bürger mit Englisch- und Benimmkursen auf ihre repräsentative Aufgabe vorbereitet: Hier spuckt niemand mehr – wie sonst in China üblich – auf die Straße. Auch das Tragen von Schlafanzügen ist dem ausländischen Besuch nicht angemessen, solche Traditionen könnten als unzivilisiert gelten, fürchtet man in Schanghai. Etwa 45 Milliarden Dollar ist China der reibungslose Ablauf dieses Mega-Ereignis wert. Neue Flughafenterminals wurden eröffnet und das U-Bahn-System immens ausgeweitet. Parkplätze wurden nicht gebaut, denn die Expo ist nicht nur Ausstellungsgelände, sondern auch Experimentierfeld. Auf den 5 km² bewegen sich die Besucher weitgehend mit öffentlichen Verkehrsmitteln fort, Wind- und Solaranlagen werden erprobt.
Auch die Deutschen sind mit einem eigenen Modell auf der Expo vertreten. Im deutschen Pavillon „balancity“ soll dem Namen gemäß innerer Einklang herrschen, der Besucher eine „Stadt der Ideen“ erkunden. Auf Treppen und Rollbändern schreitet er durch Räume, die als Parks, Depots und Kraftwerke wichtige Bereiche des städtischen Lebens aufgreifen. Hier findet der Gast ein Gleichgewicht zwischen Innovation und Tradition, Stadt und Natur sowie Gemeinschaft und Individuum.
Hätte der Gastgeber diese Ideen bereits beim Bau der Expo beherzigt, hätten vielleicht einige der erhaltungswürdigen Stätten überlebt, die brachial abgerissen wurden, um Platz für die Ausstellung zu schaffen. Selbst einheimische Medien übten zaghafte Kritik am rücksichtslosen Vorgehen beim Bau. Um einen reibungslosen Ablauf der Supershow zu garantieren, wurden kurzerhand 18 000 Familien umgesiedelt. Schenkt man Radio China international Glauben, wurde dies aber durchweg positiv von den Bürgern aufgenommen, man habe sogar jedem Umgesiedelten eine Freikarte zur Expo zukommen lassen. Auf der Ausstellung wiedertreffen wird man von den einstigen Anwohnern wahrscheinlich wenige, denn bei einem Durchschnittsjahreseinkommen von knapp 1.700€ bringt die 16€ teure Tageskarte auf dem Schwarzmarkt mit Sicherheit einen willkommenen Nebenverdienst. Nur ein schwacher Trost für jene Kleingewerbetreibenden, denen mit dem Umzug die Existenzgrundlage genommen wurde.
Dass man in der chinesischen Öffentlichkeit kaum kritische Stimmen zur Expo vernimmt, erscheint im Westen angesichts ihrer Größe natürlich unrealistisch, überrascht in China jedoch niemanden. Über Politik wird hier wenig gesprochen. Aus Berlin meldet die Organisation Reporter ohne Grenzen, mehrere Dutzend Schanghaier Menschenrechtsaktivisten seien unter strenger Polizeiüberwachung, damit sie sich nicht mit ausländischen Journalisten treffen könnten. Zwei Berichterstattern sei die Einreise verweigert worden. Im Internet hat die Organisation daher nun einen Gegenentwurf zu den Pavillons der Expo kreiert. „Garten der Freiheit“ nennt sie diesen Online-Rundgang, der den User durch Internetzensur, vorbei am inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo nach Tibet führt.
Auf den Weg in ein besseres Leben begibt sich der chinesische Gigant wohl allenfalls langsam. Die asiatischen Megastädte, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Boden geschossen sind, stehlen den europäischen Metropolen die Schau. Während wir Jahr für Jahr mit schrumpfenden Kinderzahlen kämpfen, entsteht in China eine Generation gesetzlich vorgeschriebener Einzelkinder, das demografische Resultat ist das gleiche. Was könnte man voneinander lernen? Könnte man chinesische Arbeitskraft und Arbeitsmoral mit unseren Vorstellungen von Menschenrechten und Nachhaltigkeit kreuzen, ließe sich ein passables Resultat erwarten. Doch mit solchen Gedanken wandelt man wohl ebenfalls durch eine „Welt der Ideen“. Chinas Interesse auf der Expo 2010 scheint sich vorwiegend auf unsere Technologie zu beschränken, ein weniger interessantes Vorbild ist der Westen, was die Umsetzung demokratischer Prinzipien anbelangt.













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