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Lichtgestalt: Catherine Keener
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Interview mit Catherine Keener
Auch ohne Stimme flucht sie noch wie ein Seeräuber: Independent-Ikone Catherine Keener hat gerade ihren neuen Film „Please Give“ auf der Berlinale präsentiert. Mit Constantin Magnis spricht die Schauspielerin über peinliche Gesprächspausen, das korrekte Verhalten gegenüber Bettlern und ihre Skrupel, als Teenager Jeans zu tragen.
Mrs. Keener, Sie flüstern und krächzen, man versteht kaum ein Wort, was ist passiert?
Sorry, meine Stimme! Ich habe meine Stimme verloren. Scheißerkältung, ich bin glaube ich neulich zu lange am Pool herumspaziert, tut mir wirklich leid.
Sollen wir uns auf Ja-Nein-Fragen beschränken?
Hören sie schon auf. Oder besser: Fangen wir an. Ich sag Bescheid, wenn’s nicht mehr geht.
Okay. Sie sind das Lieblingskind von Arthouse-Regisseuren wie Dennis Hopper, Tom Di Cillo, Steven Soderbergh oder Michael Winterbottom. Freuen Sie sich, wenn man Sie die „Queen of Independent-Movies“ nennt?
Na ja, ich liebe das Independent-Kino, das stimmt schon. Und ich habe auch das Gefühl, in dieses Biotop zu gehören. Dass es da so etwas wie eine gegenseitige Anerkennung gibt, das freut mich sehr. Das gibt mir eigentlich erst die Ruhe und die Selbstsicherheit, um über den Leuten zu stehen, die keinen Bock auf mich haben.
Mit der Regisseurin Nicole Holofcener haben sie gerade die Komödie „Please give“ gedreht. Für Holofcener, genau wie für den Indie-Regisseur Spike Jonze, sind sie fast so etwas wie eine Muse. Jedenfalls treten sie am laufenden Band in deren Filmen auf. Weil es so nett ist, unter sich zu bleiben?
Irgendwie schon. Spike und Nicole sind beides echte Freunde, und wenn man mit denen arbeitet, ist das wie eine Zeitmaschine zurück in die eigene Kindheit, wissen sie? Als ob man wieder mit den besten Kumpels auf dem Spielplatz sitzen würde. Man kann jeden Schwachsinn von sich geben, und weiß, die mögen einen trotzdem. Und man kann sich völlig austoben. Genial.
Der Film „Please Give“ setzt sich detailliert mit diversen zwischenmenschlichen Phänomenen auseinander. Den schönen, aber auch den unerfreulichen, wie zum Beispiel der peinlichen Gesprächspause. Erinnern Sie sich noch, wann Sie selbst zuletzt eine hatten?
Lustig, dass sie das ansprechen, gerade erst hatte ich eine ewig lange Gesprächspause mit einer Freundin im Zug. Aber ich glaube wir fanden es beide voll cool. Eigentlich macht mir Schweigen nichts aus, ich mag die Stille ganz gerne. Man spürt halt, wenn sich andere damit abquälen, und wie es sie stresst, das nervt dann. Aber wenn ich selbst nichts mehr zu sagen habe, dann gehe ich. Ganz einfach.
Auf der Leinwand wirken sie einerseits oft unsicher und verletzlich, andererseits aber immer auch wie eine Frau, vor der man sich als Mann in Acht nehmen sollte. Haben Männer Angst vor ihnen?
Ich glaube ich weiß wovon sie sprechen. Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich selten wie eine starke Frau, sondern eher wie ein extrem unsicherer Mann, lustig, nicht? Ich liebe Männer, ich weiß, dass ich enorm viel maskuline Energie habe, und außerdem sehr viele männliche Freunde. Grundsätzlich kann ich aber auch sehr gut und problemlos für männliche Regisseure arbeiten. Ich schätze, ich habe zwar als Mensch so meine Unsicherheiten, aber nicht als Frau. Darum fühle ich mich von Männern nicht bedroht. Das wiederum, könnte der Grund dafür sein, dass manche Männer tatsächlich Angst vor mir haben.
Ihr Filmcharakter in „Please give“ hat jedenfalls eine zentrale Unsicherheit: Sie ist überfordert mit der Armut dieser Welt im Allgemeinen, und im Umgang mit Bettlern im Speziellen. Kennen sie persönlich dieses Problem?
Soll ich ihnen was sagen? Ich glaube dass jeder Mensch, der seine Tassen noch halbwegs im Schrank hat, diese Unsicherheit hat. Ich schäme mich nicht so für meinen Wohlstand wie meine Filmfigur. Weil ich glaube, etwas gegen meine Scham tun zu können. Jeder kann das.
Haben sie ein bestimmtes Prinzip im Umgang mit Bettlern auf der Straße? Geben Sie denen immer Geld, nur unter bestimmten Umständen, niemals?
Wenn ich Geld in der Tasche habe: Immer. Wenn man es hat, kann man das doch unmöglich einem armen Tropf verweigern.
Klassische Ausrede: Der kauft sich eh nur Drogen.
Das ist mir egal, das geht mich nichts an. Wie könnte ich es denn wagen, einem Fremden vorzuschreiben was er mit meiner Spende anstellt, das wäre ja absurd. Ich werde dadurch doch nicht zum Erziehungsberechtigten dieser Person.
Wieviel Euros ungefähr haben Sie während der Berlinale an Bettler abgedrückt?
Ja, das war das Blöde, ich hab gar keine gesehen. Ich wohne hier im Ritz, ich habe einen Chauffeur, eigentlich komme ich viel zu wenig unter die Leute. Nur einmal, während dieser Zugfahrt von der ich vorhin sprach. Da hatten wir übrigens eine völlig schräge Begegnung mit so einem Mädchen. Ich hab sie ganz höflich nach dem Weg gefragt, und dann äfft die mich nach, lacht mich aus und dreht sich weg. Hä? Und die war gerade mal zwölf, ich hätte der echt in den Arsch treten können!
Vielleicht fehlt ihnen die pädagogische Erfahrung mit Pubertierenden?
Ach, halt die Fresse! (Viel toller im englischen Originalton: „Shut the fuck up!“)
Im Film jedenfalls, kriegt sich ihre Mutterfigur mit ihrer Tochter ziemlich in die Haare. Die Tochter will eine Jeans haben, die der Mutter zu teuer ist. Kriegt ihr kleiner Sohn im wahren Leben die Jeans die er sich wünscht?
Manchmal. Und manchmal nicht. Aber mein Sohn verlangt gar nicht viel. Und wenn er mal was nicht bekommt, ist das völlig okay für ihn.
Haben sie als Jugendliche die Jeans bekommen, die sie wollten?
Nein, ich wollte nie welche haben. Ich hab ganz brav Röcke getragen. Jeans zu tragen, hätte ich mich damals nie getraut. Ich komme aus einer sehr traditionalistischen, katholischen Familie.
Würden sie sich immer noch als katholisch bezeichnen?
Ich bin nie offiziell ausgetreten, aber ich spiele mit dem Gedanken. Der Katholizismus ist für mich eine Geisteshaltung, die ich nicht mehr teile.
Danke sehr für das Gespräch!
Das Interview führte Constantin Magnis |