von Thea Dorn
In der Juni-Ausgabe von Cicero beklagten Aktivisten der neuen Männerbewegung eine offensive Feminisierung der Gesellschaft, zum Nachteil der Männer. Die Publizistin Thea Dorn hält das für Etikettenschwindel. Denn in Wahrheit seien die männlichen Machtdomänen intakt.
Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm…“ Mein Großvater sang mir das Fallersleben-Liedchen vor, wenn er mich in meinem Buggy – damals noch „Sportwagen“ genannt – durch die rheinland-pfälzische Natur schob. Sobald ich den Text zu begreifen begann, hielt ich Ausschau nach dem Männlein. Und war enttäuscht, es nie zu Gesicht zu bekommen. (Die Erklärung, dass in Wahrheit nur die Hagebutte gemeint sei, ließ ich nicht gelten.)
Gut fünfunddreißig Jahre später sehe ich das Männlein im Walde. Allerdings steht es dort nicht still und stumm, sondern pfeift nach Leibeskräften. „Im Schatten der Emanzipation sind Männer zu Opfern geworden“, heißt sein Liedchen.
In der ersten Strophe klagt es, dass Männer im Schnitt fünf bis sechs Jahre kürzer leben als Frauen. Um den Verdacht zu beseitigen, dies könne mit einer biologischen Disposition des Mannes zu tun haben, führt es eine sogenannte „Klosterstudie“ ins Feld, in der die Daten von fast 12000 Nonnen und Mönchen aus deutschen Klöstern gesammelt sind. Und siehe da: Nonnen haben keine nennenswert höhere Lebenserwartung als ihre Geschlechtsgenossinnen jenseits der Klostermauern. Mönche werden jedoch fast so alt wie Nonnen und damit Jahre älter als ihre Brüder im weltlichen Trubel. Was aber sagt uns das? Dass es bei Frauen nicht lebensverkürzend wirkt, wenn sie sich der Fleischeslust hingeben, Männer hingegen bei jedem Beischlaf ein Blatt von ihrem Lebenskalender abreißen müssen? So gesehen sollten sich die Kurzlebigeren bei jenen Feministinnen bedanken, die in den siebziger Jahren den heterosexuellen Geschlechtsverkehr zur feindlichen Leibesübung erklärten.
Marc Luy, der Demografieprofessor, der die „Klosterstudie“ durchgeführt hat und in Cicero kommentiert, merkt an, dass überall auf der Welt Männer deutlich kürzer leben als Frauen. Darf man daraus wiederum schließen, dass die niedrigere Lebenserwartung afghanischer Männer im Vergleich zu afghanischen Frauen ihre Hauptursache darin hat, dass auch jene im Schatten der Emanzenblüte zu Opfern geworden sind?
Die Lieblingsfeinde des Männleins heißen „Gleichstellungsgesetz“ und „Gender Mainstreaming“. Im Refrain klagt es so herzzerreißend, dass man meinen könnte, es stünde mit einem Bein bereits in Norwegen, jenem Land, dem raue Staatsfeministinnen verordnet haben, dass alle Aufsichtsräte zur Hälfte weiblich besetzt sein müssen.
Und so wird dem Männlein restlos bang ums Herz, wenn es über die berufliche Situation seiner Geschlechtsgenossen nachdenkt. „Männer üben in diesem Lande die gefährlichsten und unattraktivsten Berufe aus, die meisten davon ohne jede Aufstiegschance“, so der Journalist Paul-Hermann Gruner, selbst ernannter Sprecher einer „Befreiungsbewegung für Männer“. Die rasanten Aufstiegsgeschichten von Putzfrauen, Krankenschwestern und Fußpflegerinnen müssen sich in einem Paralleluniversum abspielen, in das mein Raumschiff bislang noch nicht vorgestoßen ist. Zum Trost kann ich dem Männlein versichern, dass ich durch die Fenster meines Raumschiffs hingegen sehr mächtige und reiche Paralleluniversen gesehen habe, in denen seine Geschlechtsgenossen ganz unter sich bleiben: die obersten Chefetagen der deutschen Wirtschaft zum Beispiel.
In seinem Schmerz spricht das Männlein jedoch eine Wahrheit aus: Die allermeisten Feuerwehrmänner sind in der Tat Feuerwehrmänner und keine Feuerwehrfrauen. Ebenso wie unter den 35 in Afghanistan gefallenen Soldaten der Bundeswehr nur eine Soldatin war. Jede halbwegs vernünftige Frau wird jenen Männern und wenigen Frauen, die bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um andere Leben zu retten, oder ein geschundenes Land zumindest ansatzweise sicherer zu machen, Respekt und Anerkennung zollen. Der beleidigende und diskriminierende Satz „Soldaten sind Mörder“ stammt von einem Mann, Kurt Tucholsky, und klebte in den siebziger und achtziger Jahren beileibe nicht nur an den Kotflügeln von lila Enten.
Aber vielleicht will das Männlein ja gar nicht an die Front geschickt werden. Vielleicht sehnt es sich gar nicht nach „Naturschutzparks der Männlichkeit“, wie sie der gleichfalls um die Zukunft der Männer besorgte Medientheoretiker Norbert Bolz vor einigen Jahren forderte. Vielleicht will es einfach nur ganz still und stumm im Walde stehen dürfen und hin und wieder über sein „schwarz Käpplein klein“ gestreichelt werden?
Denn das Männlein möchte vor allem eins: endlich auch als Opfer anerkannt werden.
Verkehrte Welt: Während eine neue Generation Feministinnen unmissverständlich sagt, dass frau im 21.Jahrhundert nach allem Möglichen strebt, nur nicht danach, als Opfer betrachtet zu werden, stürmt das Männlein die Jahrmärkte der öffentlichen Gefühligkeiten, um den Opferwimpel zu ergattern, jenes höchste Gütesiegel, das die Verdienstorden früherer Zeiten abgelöst hat.
Unlängst hatte ich die Ehre, zu einem Expertentreffen bei der Bundeskanzlerin eingeladen zu sein. Schnell wurde als einer der großen Trends die „Feminisierung der Gesellschaft“ ausgerufen. Sicherheitshalber schaute ich mich ein zweites Mal in der Runde der versammelten Politiker, Wissenschaftler und Publizisten um: Außer der Bundeskanzlerin und mir selbst saßen nur Männer im Raum.
Natürlich ist unsere Welt an der Oberfläche „weiblicher“ geworden. Mein Großvater würde sich wundern, wie vielen kinderwagenschiebenden Vätern er heute (zumindest in urbanen Regionen, zumindest am Wochenende) begegnen würde. Und meine Großmutter würde nicht wirklich begreifen, warum viele Frauen heute mehr vom Leben erwarten, als eine männliche Biografie vom Sozius aus unterstützen zu dürfen. Dennoch: Ein paar Tausend Windeln wechselnde Väter und eine Kanzlerin machen noch kein Matriarchat. Woher also der Aufruhr im männlichen Lager?
Kopernikus hat der Menschheit die erste narzisstische Kränkung zugefügt, indem er die Erde vom Mittelpunkt des Universums zu einem Nebenplaneten degradierte. Darwin demütigte den Menschen zum zweiten Mal, indem er die vermeintliche Krone der Schöpfung als Urahnen des Affen entlarvte. Die Erkenntnis, dass Flugzeuge nicht häufiger abstürzen, wenn eine Kapitänin im Cockpit sitzt, dass Unternehmen nicht schneller bankrottgehen, wenn sie von einer Chefin geleitet werden, und dass Frauen mittlerweile sogar Fußball- und Boxweltmeistertitel erringen können, scheint die dritte große Demütigung zu sein, die zumindest der männliche Teil unserer Spezies noch nicht verwunden hat.
Die antifeministischen Reflexe mancher Männer erklärte die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Hedwig Dohm bereits 1902: „Die Motive derer, die das Pulver nicht erfunden haben, liegen zutage. Wenn die Frau nicht dümmer wäre als sie, wer wäre es denn? Wenn der arme Schlucker auch von allen Männern über die Achsel angesehen wird, als Mann steht er doch über der größeren Hälfte des Menschengeschlechts – über den Frauen. Da spielt er die erste Geige, die eigentlich eine Pfeife ist, nach der das Weib zu tanzen hat.“
In diesem Sinne hat sich durch die Frauenemanzipation die Lage für die Männer tatsächlich zugespitzt: Musste mann seine Konkurrenzkämpfe früher lediglich mit den Geschlechtsgenossen austragen und durfte erwarten, dass die Ehefrau daheim das geknickte Ego schon wieder aufrichten würde, getreu der Devise „hier ist er Chef, hier darf er’s sein“, hat sich die Kampfzone ausgeweitet. Ebenso gut ließe sich also von einer „Maskulinisierung der Gesellschaft“ sprechen – wenn man bereit ist, unter „maskulin“ mehr zu verstehen als die Karikatur eines Homo neanderthalensis. Der Druck, sich durch individuell erbrachte Leistung, durch Disziplin, Lernbereitschaft, Durchsetzungsvermögen und Durchhaltekraft seinen Platz im Leben zu erobern, ist in der modernen Welt seit der Frauenemanzipation weiter gestiegen. Und dieser Druck, gekoppelt mit dem Verlust des geschlechtsbedingten Überlegenheitsgefühls, produziert offensichtlich eine neue Schicht von männlichen Verlierern. Am besten lässt sich diese neue Schicht an „Problemschulen“ studieren. Aggressive, leistungsverweigernde junge Türken oder Araber, die umso aggressiver und leistungsverweigernder reagieren, je erfolgreicher ihre Schwestern im Unterricht werden.
Der Pädagoge Frank Beuster hat 2006 ein Buch zur „Jungenkatastrophe“ verfasst, das trotz seines reißerischen Titels ausgewogene und pragmatische Vorschläge enthält, wie Schulen und die Gesellschaft insgesamt mit dem Problem umgehen sollten. Zentral ist für ihn die Annahme, „dass besonders die Kinder und Jugendlichen bessere Voraussetzungen zur Lebensbewältigung entwickeln können, die sich von den traditionellen starren, stereotypen Rollenmodellen von Mann und Frau trennen können.“
Nichts ist einzuwenden gegen Beusters Forderung, dass Jungen, gerade um eine Identität jenseits von Männlichkeitsklischees ausbilden zu können, männliche Vorbilder brauchen, in deren Obhut sie „kultivierte Aggressionserfahrungen“ machen können. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass der Pädagoge es für eine „kultivierte Aggressionserfahrung“ hält, wenn ressentimentgeladene Ältere den Jüngeren einreden, sie seien die neuen Gesellschaftsopfer – weil etwa die Bundesfamilienministerin Broschüren herausgibt, in denen sie Mädchen ermuntert, ihre Potenziale zu entfalten und sich nicht kleinmachen zu lassen. Vorbild können nur Männer sein, die so souverän und selbstbewusst sind, dass nicht einmal die souveräne und selbstbewusste Frau sie aus der Ruhe bringt. Keine Rumpelstilzchen, die sich vor Wut in der Luft zerreißen, weil die Königin sie beim Namen genannt hat.
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