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Das schwächelnde Geschlecht
von Paul-Hermann Gruner

Der dominante Mann gehört zu den sinnstiftenden Mythen der Frauenbewegung. Doch im Windschatten von Frauenemanzipation und Gender Mainstreaming ziehen Männer gesellschaftlich den Kürzeren. Jetzt hält eine neue Männerbewegung dagegen. Sie fordert Gleichverpflichtung, Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung – statt der organisierten Besserstellung des weiblichen Geschlechts.

Lass dich als junge Frau nicht kleinmachen, denn in dir schlummert so viel, was du entfalten kannst. Sei fordernd.“ Ein Satz, der uns irgendwie bekannt vorkommt. Eine fast schon klassisch anmutende Äußerung aus der Mädchenförderung, sagen wir: aus dem Jahre 1975? Falsch. Die zitierte Botschaft datiert vom Juli 2008 und stammt von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen.

Seit Jahrzehnten hören wir in unserer demokratisch verfassten, pluralistischen Industriegesellschaft solche Sätze. Doch die Suggestion, dass junge Frauen in diesem Lande „kleingemacht“ würden, ist objektiv falsch. In der Regel werden Mädchen und junge Frauen „großgemacht“ und großgeredet. Sie werden unterstützt, gefördert, wertgeschätzt und anerkannt. Konnotiert mit dem Wunderglauben, der sich ans Weibliche heftet, werden sie sogar oft per se für die einzige Inkarnation von lebenswerter Zukunft gehalten. In den jungen Frauen „schlummert“ tatsächlich viel, allerdings in etwa genauso viel wie in den meisten Jungs und jungen Männern, denen dies jedoch niemand sagt. „Sei fordernd!“ – Das muss man den Frauen innerhalb wie außerhalb der Frauenbewegung seit den späten sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts nun wirklich nicht mehr raten. Fordern tun sie ohne Unterbrechung. Sie fordern etwas von der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft, den Medien, den Bildungsinstitutionen – vor allem aber von den Männern.

Wer so viele Jahrzehnte lang immer wieder neue, einseitige Forderungen aussendet, könnte entspannte Zufriedenheit entwickeln und mit dem Fordern aufhören oder endlich Zeit finden, sich zu wundern, warum dies alles eigentlich ein Geschlechtermonolog ist. Warum Männer dazu schweigen, sich den Mund selbst verboten haben oder ihn sich haben erstaunlich fest verschließen lassen. Warum sie sich quasi alles bieten lassen. Und warum sie schweigen – obwohl sie zu den Verlierern gehören. Im Schatten der Emanzipation sind Männer zu Opfern geworden. In keinem System auf diesem Planeten lebt die angeblich Unterdrückte, die Benachteiligte und Verfolgte sechs bis sieben Jahre länger als der Unterdrücker. Von der geringeren Lebenserwartung der Männer mal abgesehen, stellen sie die große Mehrheit der Obdachlosen. Männer üben in diesem Lande die gefährlichsten und unattraktivsten Berufe aus, die meisten davon ohne jede Aufstiegschance. Männer erleiden die meisten Berufsunfälle bis hin zur Invalidität. Männer treffen in Sachen medizinischer Versorgung auf deutlich weniger Forschung, Betreuung und Angebote. Männer bilden eindeutig die größte Gruppe der Kriminalitätsopfer: Zu siebzig Prozent sind sie die Opfer im außerhäuslichen Bereich, zu gut der Hälfte im Bereich der häuslichen Gewalt. Männer lassen sich immer noch zu Soldaten abrichten und als entmenschtes, fremdbestimmtes Werkzeug gebrauchen. Und: Männer wählen in jeder Altersgruppe, von der jüngsten bis zur ältesten, wesentlich häufiger den Ausweg Suizid. Simple Frage: Greift man zum Mittel der gewaltsamen Beendigung des Lebens, wenn man die große Gewinnerkarte gezogen hat? Wenn man zu jenen gehört, die die Macht besitzen, die allseits profitieren und von der Wiege bis zur Bahre bevorteilt sind?

Die Macht des institutionalisierten Feminismus zeigt sich, unter anderem, an der Tatsache, dass diese und ähnliche Fragen seit Jahrzehnten nicht zum großen Gesellschaftsthema werden dürfen. Der Charme der frühen Frauenbewegung, der auf Entgrenzung und Befreiung der weiblichen Rolle hin ausgerichtet war, ist längst zur versteinerten Misandrie innerhalb der „Opferverliebtheit“ (Gerhard Amendt) des weiblichen Selbstgefühls geworden. Seit Jahrzehnten ist die politische Wirksamkeit der Frauenbewegung durch ein wehleidiges Jammern gekennzeichnet. Der internationale Frauentag am 8. März ist zumindest in Deutschland zu einem Klagetag verkommen, der in keiner Weise die Lage der Frauen im Lande abbildet. Im Grundsatz steht er heute für eine Gemütshaltung zwischen Depressivität und Passivität. Dagegen gilt die meist von Einzelnen vorgetragene Aufzeigung von Defiziten auf der Männerseite als pures Störmanöver, als Larmoyanz. Dieser zweiten Diskriminierung – nach der ersten, also der faktisch gesellschaftlich nachweisbaren – ist mit mindestens so großer Entschiedenheit entgegenzutreten wie der ersten.

Die sozialtherapeutischen Institutionen unserer Gesellschaft sind derweil samt und sonders auf die Unterstützung von Mädchen und Frauen ausgerichtet: die anerkannten Opfer. Eine kleine Ausnahme bilden Jungs, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden (selbstverständlich ausschließlich verübt durch Männer, denn weibliche Täterschaft wird nirgendwo bearbeitet). Konsequenterweise tauchen Männer als Angesprochene bei sozialen Hilfsorganisationen wie zum Beispiel „Pro Familia“ ausschließlich dann auf, wenn sie als Täter kritisch zu befragen oder zu therapieren sind. Dann darf es sie geben. Dann dürfen sie kommen und über ihre Unzulänglichkeiten, ihre Gefährlichkeit, ihre Mangelhaftigkeit sprechen. Die Wahrnehmung des Mannes gerade innerhalb der Gruppe der Sozialarbeiter, Sozial- und Familientherapeuten ist reduziert auf ihre Täterschaft. Außerhalb dieser Wahrnehmung existiert eine selbst verordnete Blindheit.

Die Subjektwerdung der Männer im gesellschaftlichen Prozess ist keine leichte Angelegenheit. Nicht umsonst besteht eine Männerbewegung bis heute aus viel unterschiedlich kodiertem Wollen mit dem Resultat äußerst bescheidenen Könnens. Was jede Bewegung benötigt, fehlt jener der Männer bisher schmerzlich: ein organisierter, vereinheitlichter, von einem konsistenten öffentlichen Bewusstsein getragener Außenauftritt. Wer die Emanzipation der Frau verstand als Annäherungsbewegung an die pure, selbstbestimmte Machtfülle und Entfaltungsoffenheit einer durchschnittlichen männlichen Biografie, hat Männer in ihren Rollenkäfigen und -zwängen noch nie eingehend betrachtet. Und daher weder die Männer noch die Käfige erkannt. Seit den späten sechziger Jahren ging es daher im öffentlichen Verständnis um die volle Gleichberechtigung der Frau. Dieser Prozess ist abgeschlossen. Gleichberechtigung ist zumindest in Europa keine Frage und keine Aufgabe mehr. Sie ist erreicht.

Empörung ist der erste Schritt zur Auflehnung, „zum Widerspruch und zum Widerstand“, formuliert Adorno. In seiner „Erziehung zur Mündigkeit“ skizziert er die Gefahr, in die sich jene begeben, „die sich blind in Kollektive einordnen“: Sie machten „sich selbst schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus“. Das Stichwort für Männer. Denn zu eben solchem „Material“ für die diversen Anliegen von Arbeit, Wissenschaft, Ökonomie und Krieg haben sich Männer lange genug selbst verkleinert oder selbstverleugnend machen lassen. Und das durchaus mit permanenter Assistenz der Frau, die sich aus der Mitverursachung dieser Männer-Gebrauchshaltung nicht herausstehlen kann. Aus ihrer Unmündigkeit und Fremdbestimmung müssen Männer jedoch selbst herausfinden. Die Männerbewegung ist eine überfällige weltanschauliche Korrektur. Die Tempi der Emanzipationen – der männlichen und der weiblichen – müssen synchronisiert werden, denn Emanzipationsfortschritt ist gleichzeitig lebbar und organisierbar für Männer wie Frauen. Das Niveau der Interaktion zwischen ihnen ist jedoch dringlich auf eine neue Verständigungsebene zu heben. Und dabei führt an einer so offenen wie offensiven Interessenvertretung der Männer kein vernünftiger Weg vorbei.


Foto: Picture Alliance


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Juli 2009

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Leserkommentare
Christian Heier (Duisburg) 25.07.2009
Ein hervorragender Beitrag von Paul-Hermann Gruner, auch sprachlich exzellent. Er bringt alles auf den Punkt, was es zu diesem Thema zu sagen gibt.
Prima, dass sich Cicero des Themas Männerdiskriminierung annimmt. Man wünscht sich mehr solcher Artikel.
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Paul-Hermann Gruner
Paul-Hermann Gruner ist Redakteur des Darmstädter Echo. Zuletzt erschien von ihm „Frauen und Kinder zuerst“ (Rowohlt).


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