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Blick in den Petersdom während der Eröffnungsfeier zum II. Vatikanischen Konzil
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von Ludwig Ring-Eifel
Der Skandal um die begnadigten Pius-Bischöfe offenbart vor allem eines: Die bisherigen Auseinandersetzungen um das Zweite Vatikanische Konzil waren nur die Spitze des Eisberges.
Das Debakel um die Begnadigung der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft durch den Vatikan hat bei allem großflächigen Flurschaden auch kollateralen Nutzen angerichtet. Denn die Lichtungen, die der wochenlange Proteststurm zurücklässt, sind keineswegs nur Schneisen der Verwüstung: Manches sieht man jetzt klarer.
Weggefegt wurde nicht nur die haltlose „Wir-sind-Papst“-Seligkeit in den deutschen Medien. Verweht sind die schwadronierenden Kommentare über „den einstigen Panzerkardinal Ratzinger, der sich so überraschend vom strengen Glaubenshüter zum väterlichen Papst gewandelt hat“. Deutlicher als zuvor tritt auch das „christliche Menschenbild“ der protestantischen Bundeskanzlerin in all seiner Unverbindlichkeit hervor. Und klarer hörbar sind nun auch die unterschiedlichen Tonlagen in der Deutschen Bischofskonferenz. Auf der einen Seite treten jene hervor, die sich in besonderer Weise als Freunde des Papstes verstehen: mindestens die bayerischen Bischöfe sowie der Kölner Kardinal Joachim Meisner. Auf der anderen Seite stehen alle, die in der Williamson-Krise in den Chor der deutschen Rom-Kritiker eingestimmt hatten. Sie finden sich unter anderem in Hamburg, Berlin, Mainz und Stuttgart. Zwischen diesen Polen bewegt sich der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch als Vorsitzender und Moderator.
Doch der Orkan hat noch nicht alles Gestrüpp weggefegt, einiges liegt immer noch ungelichtet im Halbdunkel. Dazu zählt vor allem die Auseinandersetzung um das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965). Bislang wurde sie überwiegend als eine Debatte um die alte, so genannte Tridentinische Liturgie, geführt, die in ihren Grundzügen bis ins frühe Mittelalter zurückreicht. Diese Form der Heiligen Messe hatte Papst Paul VI. aufgrund von Beschlüssen des Konzils 1970 radikal abgeschafft und durch eine neue Liturgie, den „Novus Ordo“ ersetzt. Aus dem mystisch anmutenden Messopfer in lateinischer Sprache wurde die stärker an eine protestantische Mahlfeier erinnernde Eucharistie, wie sie bis heute 99 Prozent der Katholiken sonntags feiern.
Diesem Kulturbruch widersetzte sich schon damals eine kleine, aber entschlossene Minderheit, ihr bekanntester Anführe war der französische Erzbischof Marcel Lefebvre. Die von ihm gegründete Pius-Bruderschaft lehnt aber nicht nur die neue Liturgie ab, sie kritisiert auch andere Beschlüsse des Konzils. Nicht ganz zufällig sind es genau jene Beschlüsse, die bei Konservativen seit jeher im Verdacht stehen, dass sie in der katholischen Kirche die Tür zum Relativismus aufgestoßen haben könnten: Das Dekret über den Ökumenismus (also die Zusammenarbeit mit den anderen christlichen Kirchen), die Erklärung „Nostra aetate“ über das „Gute und Wahre“ in den nichtchristlichen Religionen und das Konzilsdokument über die Gewissensfreiheit, in dem die katholische Kirche auch für Häretiker, Götzendiener und Nichtglaubende Gleichheit vor dem staatlichen Gesetz fordert.
All diese Beschlüsse haben, auch wenn sie damals ohne den Anspruch dogmatischer Verbindlichkeit beschlossen wurden, in der öffentlichen Wahrnehmung wichtige Dogmen der Kirche so uminterpretiert, dass sie beim katholischen wie beim nichtkatholischen Publikum ins Wanken geraten sind. Es galt der unausgesprochene Konsens, dass jeder nach seiner Fasson selig werden könne und alle Religionen irgendwo die Wahrheit verkündeten. Die Überraschung war deshalb groß, als Kardinal Joseph Ratzinger im Jahr 2000 in dem Dokument „Dominus Jesus“ betonte, dass die katholische Kirche trotz alledem noch immer an ihrer einzigartigen Wahrheits- und Heilsgewissheit festhält. Seither steht ein faktischer Relativismus, der sich aus der ungenauen Rezeption der Konzilsdokumente entwickelt hat, einem doktrinären Absolutismus gegenüber, der sowohl von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. als auch von den Traditionalisten vertreten wird.
Die Freunde des Konzils sind diesem Konflikt bislang aus dem Weg gegangen. Sie verkünden die Lehren des Zweiten Vaticanums als etwas unbedingt zu glaubendes, das ähnlich wie ein spätantikes Credo oder eine reformatorische Bekenntnisschrift von allen Katholiken “bekannt“ werden muss. Damit haben sich die Beschlüsse, die einst vom Konzil als Denkanstöße für einen langen kirchlichen Diskussionsprozess vorgelegt worden waren, ihrerseits funktional in quasi-dogmatische Formeln verwandelt.
Nun aber hat Benedikt XVI. – ganz ähnlich wie schon bei der tridentinischen Liturgie – wieder Bewegung in die festgefahrene Rezeptionsvorschrift gebracht. In seinem sensationellen Brief an die Bischöfe in aller Welt hat er am 10. März geschrieben, dass es bei der angestrebten Wiedereingliederung der Pius-Bruderschaft um „Probleme doktrineller Natur“ gehe. Diese betreffen „vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramts der Päpste“. Festgelegt hat er auch schon, zwischen welchen beiden Extremen diese Debatte nun verlaufen soll: „Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren – das muss der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.“
Indem er das Terrain dergestalt umschrieben hat, dreht der Papst nicht das Rad der Geschichte zurück. Er nimmt aber einen folgenschweren Perspektivwechsel vor: Die nachkonziliare Lehre der Kirche soll nun nicht mehr der sichere Standort sein, von dem aus die Lehre und Praxis der vorherigen Jahrhunderte bewertet wird. Umgekehrt wird für den Papst ein Schuh draus: Er will, dass die Beschlüsse des Modernisierungs-Konzils der 1960er Jahre im Lichte der Tradition gesehen und von dort her eingeordnet werden. Damit beginnt ein ganz anderes Spiel um Tradition und Reform. Die Regeln sind neu, und der Ausgang ist offen.
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