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Feingeist mit versteckter Kamera

Erich Salomon war einer der ersten Bildjournalisten, der diesen Namen verdiente. Manche sagen sogar, er habe unseren Beruf erfunden. Als Erster und Einziger schaffte er es, Politikern so nahe zu kommen, als sei er einer der ihren, und mit diesen Bildern aus der Welt der Diplomaten und Staatsmänner brachte er es in nur vier Jahren als Fotojournalist zu weltweiter Berühmtheit.

 
Marlene Dietrich telefoniert aus Hollywood mit ihrer Tochter in Berlin, 1930   Der Regisseur Ernst Lubitsch an seinem Schreibtisch in Hollywood, 1930
Er war ein promovierter Jurist, der sich exzellent kleidete, wenn er zur „Arbeit“ ging – ein Feingeist am Auslöser. Mit dem lichtstarken Objektiv seiner Ermanox, dem ersten einigermaßen handlichen Fotoapparat, arbeitete er meist so unauffällig, dass es hieß, Salomon fotografiere „mit versteckter Kamera“. Tatsächlich beherrschte der Gentleman-Reporter die Kunst des Unsichtbarwerdens. Er bewegte sich im Genfer Völkerbundpalast und im Berliner Reichstag, als sei er dort zu Hause, und inmitten der Staatsmänner und Diplomaten ging er auf wie ein Tropfen im Ozean. „Zu einer Völkerbundkonferenz gehören dreierlei: ein paar Außenminister, ein Tisch und Salomon“, soll der französische Ministerpräsident Aristide Briand gesagt haben. Und wenn der „König der Indiskreten“ (auch eine Bezeichnung von Briand) bei einer Konferenz oder einem Fest einmal keinen Zugang erlangte, wie beim Empfang Hindenburgs für den ägyptischen König Fuad, dann schoss er sein Bild eben von draußen, durch das Fenster…

 
Frankreichs Außenminister Aristide Briand im Pariser Quai d’Orsay beim Empfang zu Ehren von Reichskanzler Brüning. Als Briand im Raum Erich Salomon entdeckte, rief er: „Ah, le voila! Le roi des indiscrets!“   Deutschlands Außenminister Gustav Stresemann im Speisewagen auf der Fahrt nach Paris zur Unterzeichnung des Kellogg-Paktes, August 1928 


Zwischen 1929 und 1933 druckten Fortune, Illustration und viele andere ausländische Illustrierte seine Porträts und Reportagen, in Deutschland waren es vor allem die Berliner Illustrierte Zeitung, Die Dame und die Münchner Illustrierte Presse. Ab 1933 gab es für diesen prominenten Juden in Deutschland keine Arbeit mehr. Salomon emigrierte schon vor der Machtübernahme der Nazis nach Holland, wo er sich und seine Familie unter anderem mit Aufnahmen vom Königshaus über Wasser hielt. Als die Deutschen die Niederlande besetzten, versteckte er sich in einer leer stehenden Häuserzeile in der Amsterdamer Schoutenstraat, bis zu jenem Tag, an dem einem Kontrolleur auffiel, dass in dem verlassenen Haus jemand Wasser verbrauchte, und er Familie Salomon denunzierte. Am 7. Juli 1944 wurde Dr. Erich Salomon in Auschwitz ermordet. Seinen grandiosen Bildband „Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken“ hatte ich immer wieder durchgeblättert, und natürlich bewunderte ich diesen Fotojournalisten: wegen seines Habitus, seines fotografischen Gestus, seiner kaltschnäuzigen Eleganz.

 
Erich Salomon mit seiner Ermanox-Kamera  

Der Text stammt aus dem Buch seines Kollegen Robert Lebeck: „Neugierig auf Welt – Erinnerungen eines Fotoreporters“, Steidl Verlag, Göttingen 2004. Die Bilder von Erich Salomon sind ein Vorabdruck aus dem im August erscheinenden Bildband: Erich Salomon – Mit Frack und Linse durch Politik und Gesellschaft - Photographien 1928-1938, Hrsg. Janos FrecotSchirmer/Mosel Verlag, München 2004

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