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von Wolfram Weimer
Liebe Bundesrepublik,
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hörst Du die Sonntagsreden zu Deinem 60. Geburtstag? Sie würdigen Dich und loben Dich. Und doch klingt es ein wenig nach sachlicher Romanze, findest Du nicht auch? Der Jubiläumston hat etwas von Preisverleihung an verdiente Abteilungsleiter. Bemüht, bieder, ein wenig dunkel. Mehr Pflicht als Licht.

Ja, einige mäkeln auch an Dir herum und finden Dich nicht mehr so ganz zeitgemäß. Sie wollen Deine DNA überarbeiten, das Grundgesetz also, als seiest Du irgendwie zu alt und bräuchtest mal eine Frischzellenkur. Franz Müntefering zum Beispiel hat ja so eine besondere Art, mit dem Alter umzugehen, und findet, man solle Dich jetzt mit einer neuen Verfassung ein wenig verjüngen und veröstlichen.

Andere lästern sogar über Dich, als sei Dein Antlitz eine Fratze. Du seiest nicht nur in einer Konjunkturkrise, sondern als Ganzes „in Schieflage“. Deine Demokratie sei gefährdet, soziale Unruhen stünden an, die Revolution stehe vor der Tür, sagen sie und verraten damit doch nur ihre geheimen Sehnsüchte.

Von Gewerkschaftern bis zur Linkspartei halten sie Dich nämlich nicht für sozial genug. Ausgerechnet. Du bist das Sozialste, Gutmütigste und Großzügigste, was wir in unserer Geschichte je organisiert haben. Du bist auch das Sozialste, was die ganze Welt als Staat zu bieten hat. Ihnen aber reicht das nicht. Ihre Wortführerin Gesine Schwan zieht ausgerechnet zu Deinem Jubiläum so über Dich her: „Zusammengefasst lautet meine Diagnose: Wir haben in unserem Land über Jahre hinweg einer Kultur der entfesselten Konkurrenz und der daraus folgenden Verantwortungslosigkeit die Herrschaft überlassen.“ In Deutschland regierten „Marktradikalität, Deregulierung und Entstaatlichung“, sagt sie wörtlich, kurzum das sei „unverantwortlich“.

Du nimmst das alles gelassen und kennst Deinen Schopenhauer, der den deutschen Weltverbesserern vor langer Zeit schon ins Stammbuch geschrieben hat: „Sie suchen das, was vor ihren Füßen liegt, im Himmel.“ Wenn Du aber genau hinhörst, wie die deutsche Linke über Dich näselt, dann hat es etwas von einer lästig gewordenen Ehefrau. Leicht genervt und abschätzig. Verliebt ist man jedenfalls nicht mehr. Sie träumen lieber von etwas Jüngerem, Radikalerem. Sie suchen ihr Supermodel im DDR-Light-Outfit, eine Mischung aus Lady Gaga und Rosa Luxemburg, das wäre was für sie. Darum reden sie sich die DDR auch so schön, als sei dieses bleierne Gefängnis ein schöner Sommerflirt der deutschen Geschichte gewesen. Lass uns ehrlich sein, liebe Bundesrepublik, sie werden Dir langsam untreu.

Es zeichnet Dich aus, dass Dich so etwas nicht aus der Ruhe bringt. Karl Jaspers hatte es Dir an der Wiege gewünscht, und er sollte recht behalten: „Die Tiefe des öffentlichen Tuns liegt in seiner leisen Nüchternheit.“ Du breitest einfach Deine großen Arme aus und bist von einer souveränen Verbindlichkeit, die uns nicht nur nach den Wunden der Geschichte gutgetan hat. Sie erträgt kleinere Untreuen und größere Angriffe, und sie trägt uns auch durch wilde Zeiten. Denn wenn man sich in der Welt von Neupubertierenden umschaut, dann können wir froh sein, gerade Dich zu haben wie Du bist.

Ob sie nun in Dubai künstliche Inseln ins Meer werfen, in Schanghai mit flimmernden Hochhäusern protzen, in der arabischen Wüste Skihallen bauen oder wie Rocker mit Private-Equity-Milliarden durch die globale Unternehmenswelt ziehen – das globale Kerletum triumphiert. Die Grundpose dieser Heldentaten hat immer etwas von einem Technotanz vor dem heimischen Spiegel. Ganz zu schweigen von Gewalttätern wie Gaddafi, Chávez oder Ahmadinedschad, schwer erträgliche Typen, deren Testosteronspiegel irgendwie nicht zu ihrer sozialen Intelligenz passt. Und selbst unter den Demokraten obsiegen inzwischen die Macho-Sarkozys, Angeber-Berlusconis und Putin-Protzer. Neben diesen Djangos wirkst Du wie die wahre Dame der Weltbühne, eine unprätentiöse Kraft des Ausgleichs.

Wenn also linke Sozialisten wie rechte Nationale Dir zu Deinem 60. Geburtstag weniger Freiheit oder weniger Weltoffenheit empfehlen, überhör es einmal mehr. Du gehörst weder ins Etatisten-Altersheim noch in Alte-Kameraden-Runden von Nationalisten. Du bist eine souveräne Europäerin, die ihre Bürger vor allem als Bürger betrachtet und nicht als soziale Kategorien irgendwelcher Ideologien. Respekt ist Deine Grundsignatur.
Und lass Dich auf keine Schönheits-OP mit neuer Verfassung ein. Dein Grundgesetz ist wunderbar. Kurzum: Bleib wie Du bist. Du bist das beste Deutschland, das wir je hatten: Besonnen, ausgleichend und gutmütig. Aber auch bestimmt, wenn es um Einigkeit und Recht und Freiheit geht. Du bist die große Versöhnerin. Das gefällt mir so an Dir.

Darum nicht nur sachlichen, sondern herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.



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Leserkommentare
siggi (darmstadt) 09.06.2009
Wenn man Geburtstag feiert, ist das kurze innehalten auch angebracht. Sich fragen, wo bist du, wolltest du da hin - soll es so weiter gehen? Der heutige fast krankhafte Unmut über das Geburtstagkind ist geschuldet einem exzessiven Narzismus, der überwiegend der jungen Generation anhängt. Alte blicken zurück, sinnieren über Gut oder Nichtgut, machen weiter; Junge überlegen heute über Sinn oder Unsinn der alltäglichen Plackerei. Bevor sie den Spaten anfassen, diskutieren sie über Gerechtigkeit, dabei meinen sie sich nur selbst: Warum dem Alten zurückgeben, was der Alte in jungen Jahren für sie getan hat. Alles wird auf den Cent gerechnet, als wäre es selbstverständlich, dass die BRD noch in 50 Jahren so wie sie steht, so stehen wird. Vorausschau ist gut, minutiöse Vorausplanung ist krank, macht im Kopf inmobil. Forschertum, Draufgängergeist ist abhanden gekommen, statt dessen schreit jeder nach Garantien, dass er mit 90 der lachende Dritte ist. Woher wissen sie, dass sie 90 werden, werden sie das hohe Alter auch wollen, denkt man an Krankheit. Kurzum: Ohne Solidarität, Verantwortung und Heimatbezug musste kommen, was wir jetzt beklagen an den jungen Leuten. Junge brauchen Grenzen, an den sie sich abarbeiten, in Frage stellen - Zäune einreißen können, um dann sich später belügen zu können, was sie doch so alles an dem Geburtstagkind geändert hätten; es wird dann ihr Kind (Geburtstagskind). Nicht schön, aber ausbaufähig wird ihr Resultat sein (siehe 68er).Jetzt ist das Geburtstagskind hohl, schwach - nichts wert. Also sollten die Politiker mit Werten in den Schulen anfangen (Gesichtsunterricht), dann wird es schon besser, denn was besseres als das alliierte Konstrukt BRD konnte Deutschland nicht passieren.

Reinhard Günther (WERDAU) 25.05.2009
Keinen "sachlichen", sondern allerherzlichen Glückwunsch dem Autor zu diesem Artikel. Er gehört in ein neues Buch über die "deutschen Werte"!

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Wolfram Weimer
Wolfram Weimer ist Gründer von Cicero und war bis Ende 2009 Chefredakteur.

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