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von Wolfram Weimer
Plädoyer für die Höflichkeit
Es gibt Arten, die in Deutschland vom Aussterben bedroht sind, zum Beispiel die höfliche Art. Dass Damen Türen nicht mehr aufgehalten werden, die Worte „danke“ und „bitte“ verschwinden und das Vordrängeln zur zentralen Kulturtechnik der Ego-Shooter-Ära avanciert, sind nur äußerliche Indizien einer Gesellschaft auf Schopenhauers Kurs, wonach Höflichkeit nur etwas für Schwächlinge sei. Oder wörtlich: „Die Höflichkeit ist bloß eine stillschweigende Übereinkunft, gegenseitig die elende Beschaffenheit von einander zu ignorieren.“

Wenn Dieter Bohlen und Heidi Klum die öffentliche Herabwürdigung zum massentauglichen Gesellschaftsspiel erheben und die lustige Demütigung zum Entertainmentspektakel werden lassen, dann triumphiert Schopenhauer, dann ist die Höflichkeit so weit aus der Mode wie Gamaschen und Absinth. Von fläzenden Jugendlichen, die ältere Damen in der Straßenbahn stehen lassen und ihnen den Spruch zuwerfen „Heute habe ich leider kein Foto für dich!“ bis zum Büroalltag, da einer den anderen anbrüllt wie Bohlen bei der verbalen Blutgrätsche, reicht das vitale Panorama der neuen Dreistigkeit.

Das zu beklagen, heißt sich schon vor sich selbst als Spießer zu fühlen. Denn der Alltagskomment definiert zusehends das Ruppige, Freche und Egoistische als das Coole. Höflichkeit klingt hingegen nach strengen Tanten, steifen Hemdkragen und Abschlussball. Das Höfliche ist in jahrzehntelangen Endlosschleifen der Selbstverwirklichungsmanie als das Manirierte, Scheinheilige, Zwanghafte entlarvt worden. Man wollte lieber „ehrlich“ sein, „Klartext reden“, sich nicht in Normen und Formen einzwängen lassen. Von der Kleidung über den Sprachgebrauch bis zu den Umgangsgebräuchen wurden wir also lässig, so lässig, bis wir nur noch nachlässig waren.

In Talkshows lernen wir schließlich, dass man sich gegenseitig nicht ausreden lassen muss. In der E-Mail-Kommunikation erleben wir, dass Antworten oder Nichtantworten Variablen der gleichen Kategorie sind, dass Orthografie eine Endmoräne des 19.Jahrhunderts ist und dass Verbindlichkeiten bestenfalls wie ein Hyperlink funktionieren. Das Internet ruiniert die Privatheit, jeder stellt von jedem Videos, Texte und Pics online und verbreitet alles an jeden. TV-Soap-Serien aus dem Krankenhaus entäußern jedwedes Tabu. Intimitäten werden große Boulevardware, personale Integrität bleibt als das kleine Opfer zurück. Der Gedanke, dass Höflichkeit auf Zurückhaltung basiert, ist dem Meer der elektronischen Selbstentäußerung hilflos ausgeliefert wie Treibgut.
Der populäre Spruch „Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ entlarvt den Regressionscharakter der Formlosigkeit. Wenn das Egoistische und Freche das Eigentliche werden, dann hat Rousseau verloren, der daran erinnerte, dass Höflichkeit darin bestehe, dass man einander mit Wohlwollen entgegenkommt.
Ein Blick ins Nachmittagsprogramm unseres Fernsehens reicht, um zu sehen, wie weit wir uns von Rousseau oder Macaulay („Höflichkeit ist Wohlwollen in Kleinigkeiten“) entfernt haben. Da werden Menschen niedrigen Bildungsgrades und bescheidener sozialer Herkunft systematisch zum Gespött des Publikums gemacht. „Fremdschämen“ nennt man das schadenfrohe Vergnügen, das die TV-Industrie uns da entlocken will und in Wahrheit nur die niedersten Instinkte dazu benutzt, arme Menschen zu erniedrigen. Das Gegenteil von Höflichkeit ist eben die Gemeinheit, und genau die lebt im dialektischen Bezug beider Kategorien auf wie selten zuvor.

Kurzum: Der Verlust an Höflichkeit ist ein Verlust. Denn mit der Höflichkeit schwindet der Respekt. Respekt vor dem anderen, seinem Anderssein, seinen Schwächen wie seiner Leistung, vor allem aber Respekt um der sozialen Integrität willen. Man muss zwar nicht gleich Franz von Assisi folgen und die Höflichkeit als Schwester der Liebe preisen. Aber einen Schuss mehr Sinn für Würde in der Alltagskultur kann man sich schon wünschen. Wenn Sie gestatten würden. Bitte.
Nun fragt man sich, warum Deutschland allseits als eine Hochburg der Unhöflichkeit betrachtet wird. Die einen erinnern daran, dass wir schon seit Tacitus eher germanisch-raubeinig miteinander umgehen. Die anderen verweisen auf unser protestantisch-nüchternes Erbe, das skeptisch alle Zeremonien und Rituale als Blendwerk entzaubert. Wieder andere erinnern an das Faustische in uns, dass so sehr nach Ewigem sich sehnt, dass das Naheliegende missachtet wird. Nun gibt es gewiss kulturelle Traditionen: Asien ist höflicher als Europa, Frankreich ist höflicher als Deutschland, Hamburg ist höflicher als Berlin. Einen Grund aber, warum wir jetzt alle Berliner werden müssen, sehe ich nicht. Mit Verlaub.


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Leserkommentare
Holger Schelling (Mannheim) 19.08.2009
...überfälig.

Danke

Peter Gruschka (23558 Lübeck) 04.08.2009
Lieber Herr Wolfram Weimer,
herzlichen Dank für Ihr Plädoyer. Besser konnte man den heutigen Zustand unseres Zusammenlebens nicht schildern. Auch in der Politik ist dieser Zustand mit Schröder und Fischer zur Parlamentssprache geworden und wer nicht mitmacht ist ein Schwächling. Um mit den Worten von Theo Lingen zu enden: "Traurig, traurig, traurig!" Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und bleiben Sie so höflich wie Sie sind!

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Wolfram Weimer
Wolfram Weimer ist Gründer von Cicero und war bis Ende 2009 Chefredakteur.

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