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von Frank A. Meyer
Freiheit braucht Gleichheit
Die Nervosität wächst“ (FAZ), „Das große Zittern“ (Spiegel), „Panikverkäufe“ (Financial Times). So lauten die Schlagwörter, die das Geschehen an den Börsen zu beschreiben suchen.
Es herrscht Tohuwabohu ganz oben, selbst verschuldetes Entsetzen, Folge ebenso maßloser und wie skrupelloser Gier.
Es herrscht plötzlich auch Hilfsbedürftigkeit ganz oben, die Sehnsucht nach Stütze durch den Staat, für den die ultra­liberal gestimmte Finanzwirtschaft bislang nur Hohn und Spott übrig hatte.
Die Staatsbanken, von der Europäischen Zentralbank über die Schweizerische Nationalbank bis zur Federal Reserve der USA, haben die Hilferufe der ratlosen Spekulanten selbstverständlich prompt erhört und mehr als hundert Milliarden in den globalen Geldkreislauf gepumpt.
Ein gewaltiges Hilfswerk zugunsten zahlloser Reicher ist angelaufen. Deren Kalamitäten bedrohen auch die Lebenswelt all der ganz normalen Menschen, denen zum zynischen Zocken im Casino des Raubtierkapitalismus jeder Cent fehlt.
Raubtierkapitalismus? Der Begriff, den auch Helmut Schmidt gerne verwendet, ist eine Diffamierung der Raubtiere. Die fressen nämlich nur, bis sie satt sind. Das Wort „Räuber­kapitalismus“ träfe die Sache besser.
Jetzt wächst der Unmut über den „Räuberkapitalismus“. In der Zeit war jüngst zu lesen, was inzwischen die gesamte journalistische Kita trällert: „Deutschland rückt nach links.“
Eine repräsentative Erhebung ergab satte Mehrheiten für den Mindestlohn, für mehr Staat, gegen Privatisierungen.
Wer hätte das gedacht? Beherrschten doch gerade noch die ultraliberalen Causeure das mediale Geschnatter.
Und auf einmal sind 72 Prozent der Befragten der Meinung, die Regierung tue zu wenig für die soziale Gerechtigkeit!
Soziale Gerechtigkeit? Galt das nicht eben noch als Gegenteil von Freiheit? Die Unvereinbarkeit der beiden Begriffe wurde uns doch eingehämmert als das zentrale Dogma, als Schlussstein der ultraliberalen Kirche. Nimmt jemand diesen Stein heraus, kracht das Gebäude zusammen.
Die häufigste Antwort, wenn reiche Menschen danach gefragt werden, was ihnen Reichtum bedeute, lautet „Freiheit!“ Thomas Druyen, Erforscher der Reichen, bestätigt das: „Mehr Geld heißt mehr Unabhängigkeit.“ Die Reichen, so der Wiener Soziologe, genießen „eine unendliche Verfügungs­gewalt“.
Richtig, Reichtum bedeutet Freiheit: Wer das Leben durch Vermögen absichern kann, ist Herr über sein Tun und Lassen. Materiell angstfrei gestaltet er seine Gegenwart und Zukunft. Er bestimmt sich selbst.
Reich zu sein, ist ein herrliches Gefühl. Ein Gefühl für Herren. Ist Freiheit also ein Privileg der Reichen?
Die Demokratie verspricht Freiheit für alle. Bürgerinnen und Bürger sollen selbstbewusst und couragiert über die Geschicke der Gesellschaft bestimmen. So will es die bürgerliche Utopie.
Doch wie selbstbewusst und couragiert können Menschen ihre Freiheit verwirklichen, wenn sie wenig besitzen oder gar nichts? Wenn sie von der Hand in den Mund leben?
Wenn sie Angst haben um ihren Arbeitsplatz? Wenn sie bei Krankheit finanzielle Probleme fürchten? Wenn sie um ihr Auskommen im Alter bangen?
Sozial schwache Bürger sind letztlich unfreie Bürger.
Die bürgerliche Demokratie setzt die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz voraus, denn sie ist die Grundlage aktiver Bürgerfreiheit.
Also muss der Staat für die sozial Schwachen, wie auch für die ganz normal Verdienenden sicherstellen, was sich die Reichen selber leisten: Freiheit vor materieller Angst.
Nur soziale Gerechtigkeit schafft politische Freiheit, schafft letztlich Demokratie.
Anders als von Professoren, Politikern und Publizisten seit Jahren gepredigt, gibt es keinen Widerspruch zwischen Freiheit und Gleichheit. Im Gegenteil, die beiden Begriffe bedingen sich, denn gleich frei ist nur, wer gleich angstfrei ist.
Das Börsenchaos aber macht Angst: ums Häuschen, um den Arbeitsplatz, um die Betriebsrente. Der Ruck nach links, wie ihn Die Zeit konstatiert, ist die Antwort der Bürgerschaft auf den real existierenden Kapitalismus.

Frank A. Meyer ist Journalist. Er lebt in der Schweiz. Zuletzt erschien „Der lange Abschied vom Bürgertum“, ein Gespräch mit Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler (wjs verlag Berlin)


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Frank A. Meyer ist Journalist. Zuletzt erschien "Der lange Abschied vom Bürgertum", ein Gespräch Meyers mit Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler im wjs-Verlag Berlin.

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