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von Wolfram Weimer
Anleitung zum Konservativsein
Seltsam. Plötzlich will man konservativ sein. Was jahrelang so attraktiv war wie Fußpilz oder Hausstaub, putzt einen heute ungemein als zeitgeistiger Schick. Vom Documenta-Künstler bis zur Kindergärtnerin sind sie auf einmal bekennende Traditionalisten; die schlaumeiernden Gemüter, die der Mode zwar gerne folgen wie dem Geruch des Lavendels im Toskanaurlaub, ihr aber politisch misstrauen, nennen sich allenthalben „wertkonservativ“. Was – erste Lektion für alle Modekonservativen – eine Tautologie ist, ein weißer Schimmel der Salonkonservativen. Der wahre Konservative ist gar nichts anderes als „wertkonservativ“. Übrigens auch „kulturkonservativ“ – eine Signaturvokabel der Lounge-Generation – ist ein entlarvender Anfängerbegriff, denn um nichts – Achtung, zweite Lektion – geht es dem Konservativen mehr als um das Kulturelle. Aber der Reihe nach.
Der wahre Konservative ist – die dritte Lektion – erst einmal skeptisch allem Neuen gegenüber. Also auch, dass man ihn plötzlich „cool“ findet. Denn einerseits ist Coolness die Maskierung der Einsamkeit, eine kalte Erfindung modischer Distanzkultur, und die ist völlig akonservativ. Und andererseits hat der Konservative die Moden immer angezweifelt. Sein Leben kommt – die wichtigste Lektion – schließlich aus dem, was immer gilt, und nicht aus dem, was gestern war.
Daher schätzen es Konservative auch nicht, dass Menschen ihre Überzeugungen wie Fahnen durchs Leben tragen. Das hat sie seit jeher von den Linken habituell unterschieden. Der Konservative – die fünfte Lektion – lebt aus dem Sein, nicht aus dem Werden. Aus der Selbstverständlichkeit, nicht aus der Möglichkeit. Der Linke wie der Neoliberale wollen die Welt verbessern, modernisieren, ändern, irgendwohin beschleunigen. Der Konservative ist der geborene Entschleuniger. Er schätzt das Seiende, darum will er es bewahren. Er trägt die Tradition als Ritual der Geborgenheit.
In aller Regel lebt der Konservative – die sechste Lektion – im Einvernehmen mit seinem Elternhaus, Linke haben hingegen auffallend oft ein Vaterproblem, das sie kurzerhand politisieren. Wohl auch deshalb wollten vor 30 Jahren so viele links sein, selbst die hoffnungslosesten Spießer. Vor 15 Jahren putzten sie sich alle als Liberale heraus, selbst die maskierten Ideologen. Heute strebt man zum Konservativismus, weil das Linke nach Grass und Peymann und Lafontaine, nach giftigen alten Männern klingt, nach Landserromanen der Landsergegner. Und weil andererseits dem Neoliberalen Wärme und Herzensbildung fehlt. Diese werden wiederum den Konservativen wie ein Vermutungskredit zugestanden, und zwar deshalb, weil der Konservative – siehe vierte und sechste Lektion – sich zu seiner Familie bekennt.
Das Familiäre ist eines der vier Kraftzentren der konservativen Identitätswelt. Die drei anderen sind – siebte Lektion – die Heimat, die Religion und die Natur. Im 20. Jahrhundert geriet dieses Quartett ziemlich aus der Mode. Was war schon die kleine Familie gegenüber der großen Klasse, was die sanfte Religion gegenüber der harten Politik, was die schweigende Natur gegenüber der plärrenden Wirtschaft, was die brave Heimat gegenüber dem weiten Raum des Polyglotten. Je rasender aber die Globalisierungsmaschine die Menschen herumschleudert, desto mehr wächst die Sehnsucht nach den Restflecken der Geborgenheit. Und da werden die konservativen Kraftfelder plötzlich wieder aktiv wie erloschene Vulkane.
Osteuropa und Asien entdecken das Nationale, der islamische Raum fiebert sich ins Religiöse, der klimabewegte Westen will zurück zur heilen Natur. Die konservativen – nicht die linken - Leitideen werden zusehends zum eigentlichen Gegenspieler des kapitalistischen Global-Monopolys und seiner Machbarkeitslust. Unter den Linken kursierte lange Zeit der Irrtum, Konservative und Neoliberale seien aus einem Holz. Das hat zwar nie ganz gestimmt, seit 1989 aber gar nicht mehr. Der Publizist Alexander Gauland hat zu Recht diagnostiziert, dass die Wirtschaft seither keine konservative Macht mehr sei, sondern das Gegenteil davon. Tatsächlich sind Neoliberale den Linken heute näher als den Konservativen. Die Ersteren streiten nur um die Verteilungsfrage der großen Maschine, Letztere wollen hingegen die Maschine selber bremsen.
Womit die letzte Lektion klar wäre: Das Private ist politischer als man ahnt. Der neue Konservativismus kommt ornamental daher wie Buebs Lob der Disziplin, Kerkelings Pilgerreisen, Illies’ Heimatliebe oder Matusseks Patriotismus. Er prägt aber eine tiefe Widerstandshaltung gegen die vorwärtsstürmende Moderne und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Die Vorzeichen des modernen Konservativismus haben sich verkehrt, und Erich Fried bekommt Recht: Wer nur will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.

Wolfram Weimer ist Chefredakteur von Cicero. Sein jüngstes Buch „Credo – Warumdie Rückkehr der Religion gut ist“ ist im DVA-Verlag erschienen



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Wolfram Weimer
Wolfram Weimer ist Gründer von Cicero und war bis Ende 2009 Chefredakteur.

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