
| von Wolfram Weimer |
| Wahn-Sinn! |
| Cicero-Finis |
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Zunächst ging unser Land am Waldsterben zugrunde. Dann an Atomkraft, BSE und Elektrosmog. Schließlich fielen die Kampfhunde über uns her. Gestern kam der Feinstaub dazu. Heute ist es die Vogelgrippe. Morgen die Kinderlosigkeit. Wir leben in immer kürzeren Zyklen kollektiver Panikmache. Jürgen Habermas mag mit seiner Analyse von der „neuen Unübersichtlichkeit“ einer komplexen Welt richtig liegen, aber wir reagieren darauf nicht mit „repressionsfreiem Diskurs“, sondern mit Flucht in mythische Ängste. Diese neue hysterische Kultur öffnet freilich – und das macht das Treiben einer dauer-erregten Gesellschaft ärgerlich – der kollektiven Verdummung Tür und Tor. Die nahe liegende Kritik am vulgären Alarmismus trifft zuerst die Medien, die aus geschäftlichen Zwängen das Publikum in den Sensationismus treiben. Aus der alten Verleger-Erkenntnis „Only bad news are good news“ ist inzwischen ein Jahrmarkt der boulevardesken Geisterbahnfahrt geworden. Wir unterliegen einer RTLisierung der politischen Kultur, die jede Minustemperatur als „Blitzeis“, jeden schwülen Sommertag als „Klimaschock“, jedes fiebrige Huhn als „Pestboten“ und George Bush als „Weltkrieger“ stilisiert. Es sind aber nicht nur Medien, die aus wirtschaftlichen Gründen am Teppich der Ängste weben. Ganze Berufsgruppen verdienen heute als „Lobbyisten des Negativen“ (Matthias Horx) ihr Geld – von Klimaforschern bis hin zu Standortkritikern. Angst scheint in Deutschland einer der wenigen Wachstumsmärkte. So existiert von Meinhard Miegel bis Greenpeace ein kommerzielles Milieu der Niedergangspropheten, eine Industrie der Angst. Obwohl ihre Prognosen – man erinnere sich, der Club of Rome sagte für das Jahr 2000 eine Erdbevölkerung von 30 Milliarden Menschen und Hungersnöte mit 300 Millionen Toten voraus – bis ins Groteske falsch sind, behalten sie doch immer Recht. Im Zweifel habe gerade der Alarmschrei ihrer Warnung das Schlimmste verhindert – frei nach Marcel Proust, wonach Apokalyptiker die wahren Lebenskünstler sind, da sie laufend angenehme Überraschungen erleben. Die ökonomische Bedeutung der Angst haben inzwischen selbst Versicherungs- und Pharmakonzerne erkannt. „Disease Mongering“ – die Pathologisierung gesundheitlicher Zustände – lautet der Megatrend der Medizin- und Nahrungsmittelindustrie. Kopfschmerzen? Sodbrennen? Zwicken? Das sind keine Lappalien mehr, das sind „Vorboten“! Vorboten für ganz Schlimmes. Neue Medikamente oder Nahrungszusatzstoffe, Vitaminpräparate und Fitnessjogurts brauchen neue Ängste. Also werden sie geschürt. Selbst der Wetterbericht verkommt zum Hochamt des Katastrophismus. Jeder Wirbelsturm auf Jamaika, jedes Buschfeuer in Australien und selbst Hochwasser in Guatemala werden in Kriegsberichterstattermanier präsentiert: Neues von der Front der ökologischen Apokalypse. Wir haben kein Wetter mehr, wir haben nur noch Varianten der Klima-Katastrophe. Dieser Alarmismus – so sagen uns die darüber amüsierten und so viel entspannteren Briten – sei so deutsch wie das Oktoberfest und die Kuckucksuhr. Haben wir wirklich eine kulturelle Strategie der Selbstbestrafung durch Angst? Projezieren wir unser schlechtes Gewissen für unseren Wohlstand, für unseren Frieden, für das Autofahren oder Steakessen auf Bestrafungsfantasien der Natur? Oder ist es nur das Faustische, das uns zuweilen in den Selbstmordversuch treibt? Ist es der protestantische Grundzweifel? Wirkt gar Nietzsche nach, und der neue Alarmismus ist nur eine Variante der alten Übermenschelei? Zumindest wecken die Reiter der Apokalypse Größenfantasien. Sie erzählen – mit immer neuer Melodie – aber doch das uralte Lied von der auserwählten Generation, von der Einmaligkeit und Finalität der eigenen Zeit und Existenz. Da wächst jeder Gernegroß zum Propheten der Endzeit. Von Carlo Schmid stammt die Beobachtung, dass manche Menschen nur deshalb Untergangspropheten sind, weil sie sich selbst so genau kennen. Beim neuesten Thema der hysterischen Szene gilt das auf besondere Weise. Denn das heißt Demografie. Die Deutschen sterben aus, die Gesellschaft wird kinderlos und die Menschen am Ende monadenhaft isoliert, überaltert, gestört, versingelt – auch hier ist alles totalitär, absolut und vor allem absolut schrecklich. Ein Wahn-Sinn unter vielen. Denn natürlich sterben die Deutschen nicht aus und die These vom Monadentum kuriert ein Blick in jede deutsche Kneipe, in jeden Sportverein. Man wird den Verdacht nicht los, dass der Alarmismus auch der letzte Ideologieersatz einer geistig erschöpften Zeit sein könnte, gewissermaßen die postmoderne Rache für die Ironisierung aller Dinge. Auf die Deeskalation des Heiligen folgt die Eskalation der Apokalypse. Kann das sein? Es wäre wenigstens undramatisch. |
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