
| von Alexander Görlach |
| Der sichtbare Islam irritiert |
Lesen Sie auch: Alexander Görlach: Die Bekehrung der Muslime Tilman Nagel: Wer war Mohammed? Ali Arbia: Doppelsprech von einem Genfer Fundamentalisten Jytte Klausen: In Europa entsteht ein neuer Islam Ist es gut, dass der Islam aus den Hinterhöfen herauskommt? Ja, sagen die meisten. Gemeint ist: Ja, aber bitte nur ein bisschen. Die Moscheebauprojekte, die im Moment in Städten wie München oder Köln anstehen, erhitzen die Gemüter. Der sichtbare Islam irritiert. Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand ein Moscheeneubau in Mannheim gegenüber einer katholischen Kirche im Mittelpunkt der öffentlichen Erregung. Am kommenden Sonntag wird in Duisburg die größte Moschee Deutschlands eröffnet. Die Argumente, mit denen der Bau von solchen Moscheen kritisiert werden, haben sich in den Jahren zwischen Mannheim und Duisburg nicht geändert: Die Höhe der Minarette, Lautsprechervorrichtungen für den Gebetsruf, eine osmanische Bauform, die Größe des Gebäudes als solches, die Parkplatzsituation, die im öffentlichen Diskurs immer wieder genannt werden. Die meisten Moscheen, die im Moment in Deutschland gebaut werden, entstehen in der Trägerschaft der DITIB, des deutschen Ablegers der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Wer die These einer Islamisierung der Türkei durch die AKP-Regierung von Ministerpräsident Erdogan teilt, der wiederholt ein Zitat, dass der Regierungschef in früheren Jahren einmal in einer Rede verwendet hat: “Die Moscheen sind unsere Kasernen. Die Minarette sind unsere Bajonette. Und die Kuppeln sind unsere Helme.” Es ist der Auszug aus einem Gedicht des türkischen Poeten Ziya Gökalp. Sind die Moscheen, die jetzt in Köln, München und Duisburg gebaut werden, die Vollstrecker der Islamisierung Deutschlands? Auffällig ist in den meisten Fällen, in denen die DITIB baut, dass die Moscheen überdimensionierte Gebetsstätten werden sollen. Deren Größe überragt das Maßvolle, das sich aufgrund der Mitgliederzahlen und die Finanzkraft der islamischen Gemeinden vor Ort nahe legt. Der osmanische Baustil erinnert an die Größe der Geschichte der Türkei und transportiert somit eine Haltung, die eher Richtung Vergangenheit geht als in die Zukunft weist. Die DITIB möchte für die Auslandstürken den Anker bilden, der sie, trotz ihrer Lebensrealität im Westen, an die alte Heimat bindet. Die DITIB ist der Ableger einer staatlichen Einrichtung. Das ist die Crux, wenn es um die Frage der Integration der hier lebenden Türken beziehungsweise Deutschen türkischer Herkunft geht. Seit einigen Jahren erst werden die Imame, die an die DITIB-Moscheen in Deutschland kommen, durch landeskundlichen Unterricht und Deutschstunden auf den Aufenthalt in Almanya vorbereitet. Ihr Horizont war und ist aber die Türkei; das Land, in das die Jungen zurückzukehren sich nicht vorstellen können und an das die Alten verklärte Erinnerungen haben mögen. Faktisch sind die Moscheen der DITIB Ableger der türkischen Politik und deren Einflusszentren mitten in Deutschland. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Diese Moscheen stehen, wenn überhaupt, für eine politische Landnahme denn für eine religiöse. Sie sind also per se nicht als Landmarken der Islamisierung gemeint. Gleichwohl können sie, von dem der möchte, so verstanden werden. Ein Blick in das Mutterland der DITIB: Christen und Juden genießen, genauso wie andere religiöse Minoritäten, in der Türkei keine Religionsfreiheit: Weder können sie sich als Gemeinschaften organisieren, Grund oder Immobilienbesitz erwerben (sogar das behalten von Besitz ist schwierig, da der Staat nach gut dünken Enteignungen durchführt), noch können sie überall unbehelligt Gottesdienst feiern. Der sunnitische Islam, der seit den achtziger Jahren zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Ordnung geworden ist und die Staatsdoktrin der Türkei stützt, genießt, trotz der vermeintlichen Laizität am Bosporus, eine herausragende Stellung. Die Politik in Deutschland - auch in den Kommunen, die sich mit Moscheebauten auseinanderzusetzen haben- muss Einfluss nehmen auf die Religionspolitik der Türkei. Zwar sagen die Kirchenvertreter in Deutschland zu Recht, dass Religionsfreiheit in Deutschland an sich gilt und nicht abhängig davon, ob in den Ländern, aus denen die Muslime kommen, ebenfalls gewährt wird. In den Fällen von DITIB-Moscheen liegt aber eine spezifische Konstellation vor: Eine staatliche Einrichtung ist der Bauträger der Moscheegebäude in Deutschland, nicht die hierher gezogenen Muslime. In der Auseinandersetzung mit der DITIB muss die Rolle der Religionsbehörde und ihre Haltung gegenüber religiösen Minderheiten in der Türkei angesprochen werden. Da der türkische Islam ein sichtbarer Akteur in Deutschland geworden ist, müssen sich seine Vertreter kritische Anfragen gefallen lassen - und Veränderungen in der Türkei herbeiführen. Die Eröffnung der Moschee in Duisburg ist ein guter Anlass dafür, die DITIB an ihre Verantwortung zu erinnern. Foto: Picture Alliance |
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