
| von Wolfram Weimer |
| Die Brandstifter rufen Feuer |
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Jede Krise braucht ihre Sündenböcke. Die Finanzkrise hat sie schon auserkoren: die Banker. Sie werden wechselweise als „Bankster“ (Bild-Zeitung) oder „Raubtiere“ (Tagesthemen) diffamiert. Gegen die Sündenböcke wird zur rhetorischen Hetzjagd geblasen, und dabei scheut man vor Anleihen aus den dreißiger Jahren nicht zurück. Selbst die Tier-Metaphern der Nazis, ihr Großkapital- und Globalisierungshass, ihre Vokabeln wie „Zinsknechtschhaft“, „Kredit-Geschacher“, „Börsenräuber“ sind wieder komod. Von den „gierigen New Yorker Investmentratten“ zum „Geldjuden“ scheint es nur noch ein kleiner Schritt. Immer wenn aber die Öffentlichkeit sich derart an Sündenböcken vergreift, liegt der Verdacht nahe, dass man gerne größere und eigene Probleme verschleiern will. Die aktuelle Finanzkrise hat nämlich tiefere Ursachen als das – gewiss vorhandene - Fehlverhalten einzelner Banker. Es geht um eine echte Überschuldungskrise, an denen viele Teil haben, vor allem auch diejenigen, die jetzt so laut die Sündenböcke brandmarken. Denn die Ursache dieser Krise liegt nicht in wilden Optionsgeschäften, raffinierten Börsenderivaten oder unseriösen Unternehmensübernahmen von Heuschrecken-Fonds. Es geht um die altmodischste Form des Geldgeschäfts überhaupt: Immobilien- und Staatskredite. Und davon gibt es einfach viel zu viele auf der Welt. Wenn heute Hausbesitzer und Politiker die Banker beschuldigen, dann ist das so, als ob ein Drogensüchtiger seinen Dealer beschimpft oder ein Brandstifter die Streichholzindustrie fürs Feuer verantwortlich macht. Wenn Staaten Schuldenmilliarden auf Milliardenschulden türmen und suggerieren, es gebe keinen Zahltag dafür, dann spielen sie das globale Schuldenmonopoly an vorderster Stelle selber mit. Nun gibt es neben der klassischen Ablenkung vor eigenem Fehlverhalten noch andere Motive für das kollektive Sündenbockspiel. Dabei kann man drei Typen beobachten, die derzeit die Szenerie beherrschen. Erstens den verklemmten Linken. Aus ihm bricht es heraus, dass endlich, endlich der Zusammenbruch des Kapitalismus da sei. Marx habe eben doch Recht behalten. Manager seien Raubtiere, der Neoliberalismus so etwas wie ein Faschismus des Geldes, die Gier verschlinge sich selber – keine Metapher kann gewaltig genug sein, um die so lange aufgestauten Frustration der Ewig-Marxisten endlich einmal rauszulassen. Dieser Typus wirkt wie ein Eichhörnchen auf Droge. Es springt völlig wild geworden im Krisenpark umher und sammelt lustvoll taube Nüsschen, die von den Bäumen des Kapitalismus heruntergefallen sind. Natürlich kommt der Zusammenbruch des Kapitalismus auch diesmal nicht, natürlich gibt es auch diesmal keine sozialistische Perspektive, die aus dem Schatten der Gulags herausreichen kann und natürlich unterschätzen die Eichhörnchen-Marxisten auch diesmal wieder, dass offene, demokratische Systeme – eben anders als ihre ideologischen Welten – lernfähig sind. Der Typus eins hat im Moment Konjunktur, aber es ist die Konjunktur des Moped-Rockers, der wieder kein Mädchen abbekommen hat, aber glaubt, nach Disco-Schluss gehöre die Straße ihm, und wenn seine Maschinen nur laut röhrt, bekommt er sein Mädchen noch irgendwie. Er fühlt sich im Überschwang, doch er bleibt ein ewiger, einsamer Verlierer. Aber auch den Typus zwei trifft man derzeit so häufig, als hätten grimmige Zombies plötzlich Gruppenreisen gebucht. Es ist der Amerikahasser. Er ist genauso links wie rechts, manchmal sehr links und sehr rechts. In seiner Welt gibt es eine dunkle, böse Macht, und die trägt einen Cowboyhut. Wahrscheinlich haben ihn seine Eltern als Kind immer nur Indianer spielen lassen. Er führt alles Übel der Welt auf George Bush, dessen Eltern, dessen Kinder, dessen Nachbarn, dessen Fußpilz, dessen Land zurück. Er klagt über dicke Ölrechnungen, dicke Kinder, dicke Autos, dicke Dollarkredite, dicke Klimaprobleme, dicke Banken – er muss sich mächtig schmächtig fühlen. Ob die Russen Georgien überfallen, die Iraner eine Atombombe bauen, eine deutsche Pfandbriefbank in die Knie geht – der Böse ist immer der Ami. Typus zwei ist mit Typus eins zuweilen befreundet, doch im Grunde ist er ein Reaktionär. Während Typus eins noch Freude hat an seinem ideologischen Furor, ist Typus zwei nur bitter. Ihn würde es fast ärgern, wenn sich Amerikas mit einem farbigen Präsidenten Obama mal wieder neu erfände. Er würde Obama hassen lernen müssen, aber es würde ihm bestimmt gelingen. Der dritte Typus ist der Geldklemmi. Ihm geht es weniger um das große Amerika oder den noch größeren Kapitalismus. Ihm geht es um die kleine Münze. Er hat einerseits panische Angst um sein eigenes Geld, er ist geizig und ökonomisch ungebildet. Er ist kein Ideologe, sondern Spießer. Er hält Geldgeschäfte im Grunde seines Herzens für etwa Amoralisches. Er glaubt an die Dinglichkeit, das „echte“ Handwerk, das „echte“ Bauerntum, die „echte“ Industrie. Er ist mental im 18. Jahrhundert stehen geblieben. Ihm ist die Funktionsweise der Dienstleistungsgesellschaft, die Stofflosigkeit der Internetwelt, die Logik von Kapitalallokationen ebenso suspekt wie Postdoktorandenseminare. Er hält es mit Luther, ihm sind Zinsgeschäfte Teufelszeug und er fühlt sich durch die globale Schuldenkrise in seinem kameralistischen Weltbild bestätigt. Anders als Typus eins und zwei kennt er keinen Arg, sondern nur Argwohn. Er ist die personifizierte Defensive. Er hat zeitlebens still sein müssen, jetzt sieht er seine Stunde gekommen, denn er hat natürlich immer schon gewusst. Die drei Typen drängen derzeit in Talkshow und bestimmen als übel gelauntes Stimmungsbären-Trio die öffentliche Debatte. Einig sind sie sich vor allem in einem: die Banker sind Ungeziefer. |
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