Die Krise trifft die Griechen am härtesten. Die Armut frisst sich immer tiefer in die griechische Gesellschaft hinein. Die „Neuen Armen“ ziehen als Obdachlose durch die Städte oder plündern Wohnungen. Eine Reportage aus Athen
Im Zentrum Athens ist es ruhig geworden. Nur ab und zu findet man noch Spuren der wütenden Tage, an denen die Demonstranten die Stadt bevölkerten. Auf der Fassade einer Bank haben sie ein rotes Graffiti mit dem Schriftzug „Keine Rettung mehr! ” hinterlassen; ein Café, das niedergebrannt wurde, ist renoviert, aber leer. Auf dem Syntagma-Platz, direkt vor dem prächtig weißen Parlamentsgebäude, türmen sich die Trümmer alter Marmorwände einstiger Luxushotels.
„Das hier ist der Ort unseres Kampfes”, erzählt Andreas Aristopoulos, der noch einmal auf diesen Platz zurückgekehrt ist. Der 50-Jährige war jahrzehntelang Manager in einem großen griechischen Baukonzern, er verkaufte Türen und Fenster. 2009 wurde Aristopoulos arbeitslos. Die Branche war von der Krise besonders hart getroffen – die Umsätze seines Arbeitgebers schmolzen dahin.
Seitdem ging Aristopoulos regelmäßig demonstrieren. Dutzende Male stand er mit seiner Familie und Tausenden Menschen auf dem Syntagma-Platz, um gegen die Sparpolitik von Ex-Premierminister Giorgos Papandreou zu protestieren. Der Kampf wurde zum Alltag: Er atmete Tränengas ein, wurde von Spezialeinheiten der Polizei aufgegriffen.
Am 28. Oktober, dem griechischen Nationalfeiertag, versammelten sich hier Tausende. Sie trugen als Zeichen ihrer Einheit schwarze Bänder am Handgelenk. Am Tag zuvor hatten die Staatenlenker auf dem EU-Gipfel einen Schuldenschnitt in Höhe von 50 Prozent beschlossen. Auch anderswo gingen die Griechen auf die Straße. In Thessaloniki musste erstmals in der Geschichte eine Demonstration abgebrochen werden. Wütende Bürger hatten Staatspräsident Karolos Papoulias als „Verräter“ beschimpft. Nach Meinung vieler Experten war das der Grund, warum Papandreou kurzfristig über ein Referendum nachdachte – dieses aber schon einen Tag später wieder absagte.
Aristopoulos‘ Ziel ist nun erreicht, Papandreou ist weg. Trotzdem setzt er keinerlei Hoffnungen in die neue Regierung der nationalen Einheit. „Es wird nichts anders. Die neue Regierung wird eine noch härtere Politik umsetzen – und das mit der Zustimmung der zwei großen Parteien“, sagt der Ex-Manager und schaut mit hochgezogenen Augenbrauen auf das Parlament.
In der Politik liegen die Nerven blank, doch die Bevölkerung kocht. Umfragen zufolge glauben 78 Prozent der Griechen, dass die Krise noch nicht zu Ende ist – und das Schlimmste noch bevorstehe.
Die griechische Wirtschaft ist in diesem Jahr bereits um fünf Prozent geschrumpft. Auf den Schaufenstern vieler Geschäfte kleben gelbe Aufkleber. „Enoikiazete“ steht darauf, „zu vermieten“ auf Griechisch. Offiziell sind ein Fünftel der Erwerbsfähigen ohne Job, im kommenden Jahr soll die Arbeitslosigkeit sogar auf 28 Prozent klettern. Jeden Tag gehen Griechenland 740 Arbeitsplätze verloren.









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