Nina Hoss ist „Anonyma“: eine junge, hochgebildete Frau im russisch besetzten Berlin, die leben will – auch wenn ihr Weltbild in Scherben liegt. Im Interview mit Cicero Online spricht die Schauspielerin darüber, was sie an der Rolle der „Anonyma“ gereizt hat und verrät, wovor sie Angst hatte.
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Frau Hoss, wie haben Sie sich auf die Rolle der „Anonyma“ vorbereitet?
Ich habe viel über die Zeit gelesen, aber vor allem habe ich Dokumentarfilme geguckt, in denen es um Kriegsvergewaltigung geht - nicht nur über die Zeit um den zweiten Weltkrieg, sondern zum Beispiel auch über den Jugoslawienkrieg. Bei den Interviews mit vergewaltigten Frauen hat mich interessiert, wie ihr Gesicht, ihre Mimik und Gestik von dieser grauenhaften Erfahrung geprägt waren.
Und auf der emotionalen Ebene?
Natürlich muss man sich emotional in so einen Zustand hineinversetzen: Da ist zunächst nur noch pure Verzweiflung, pure Abwehr und dann irgendwann Abstumpfung, man wartet, bis es vorbei ist. Aber das waren nicht die Szenen, vor denen ich besonders Angst hatte, weil ich wusste, mein männlicher Kollege macht das genauso ungern wie ich. Das ist eine Sache der Absprache. Man weiß, man macht das jetzt einmal, und dann ist es auch vorbei. Und dann schmeißt man sich da rein und macht die Tore auf.
Welche Szenen haben Ihnen Angst gemacht?
Für mich waren die Szenen mit dem Major schwierig. Wichtig war mir, zu zeigen, dass das auch und vor allem eine politische Begegnung ist. Dass da jemand ist, der sie dazu bringt, ihr Bild vom Russen als ungebildeten Bauern zu revidieren. Der Major spielt Schubert, drückt sich gewählt aus, eigentlich tickt er genauso wie sie. Er reizt sie, und er fordert sie heraus, über ihre eigene Haltung nachzudenken.
Wie sympathisch ist Ihnen „Anonyma“ geworden?
Sie ist mir nahe gekommen. Ich hatte auch mal Lust, mich mit jemandem zu beschäftigen, von dem ich nicht von vornherein sagen kann: Das ist eine Widerstandskämpferin, die ist mir sowieso sympathisch. Mir ist in der Beschäftigung mit dieser Figur das erste Mal so bewusst geworden, wie schwierig es gewesen sein muss, diesem Wahn, dieser Propaganda der „deutschen Herrenrasse“ nicht zu verfallen.
Für mich erzählt der Film aber auch viel darüber, wie es für dieses Volk gewesen sein muss, das nicht nur einfach einen Krieg verloren hatte, sondern dazu auch noch sein gesamtes Weltbild. Das hat mich interessiert, was da so an innerem Haltungswechsel, an Erkennen passiert. Für mich geht es eigentlich erst los, wenn der Film zu Ende ist. „Anonyma“ steht am Ende völlig ratlos, blank da. Nach der Begegnung mit dem Major weiß sie überhaupt nicht mehr, was sie denken soll.
Das Ensemble von „Anonyma“ ist deutsch-russisch. Konnten Sie die Thematik des Films unbefangen mit ihren russischen Kollegen diskutieren?
Man konnte nicht so gut darüber reden. Ich habe gemerkt, dass jeder seine Familien-Geschichte dazu hat, das scheint dort so ein Zusammenhalt stiftendes Thema zu sein. Da konnten wir Deutschen nicht wirklich an sie herankommen. Vom Drehbuch haben sie sich aber wahnsinnig ernst genommen gefühlt, und deswegen hatten sie auch keine Angst davor, diese Gewalttäter zu spielen.
Hat der Film eine politische Message?
Ich finde schon, dass der Film deutlich macht, dass Vergewaltigung ein Kriegsmittel war und ist, also ein politisches Statement, und dass das nicht nur aus einem Wahn heraus passiert. Durch solche Massenvergewaltigungen wird ein ganzes Volk gedemütigt. Dieses Thema läuft ja bisher doch immer noch eher unter „Kollateralschaden“.
„Anonyma“ und ihre Mitstreiterinnen gehen im Film sehr offen mit dem Thema um, können sogar darüber lachen. Für wie realistisch halten Sie diese Darstellung der Leidens-Bewältigung?
Mir erschien es unglaublich einleuchtend: das Maß an Entsetzen war einfach so groß, dass man sich doch nur entweder umbringen konnte oder irgendwie versuchen konnte, das mit schwarzem Humor zu nehmen, den Gewalttäter in eine lächerliche Position zu rücken – so dass man das dann auch gemeinsam verarbeiten konnte. Das war ja auch „Anonymas“ Hoffnung, sie schreibt in ihrem Tagebuch: „Wir erleben hier was kollektives, vielleicht können wir das auch kollektiv bewältigen.“ Dass das immer noch ein Tabuthema ist, wird mir eigentlich erst jetzt bewusst, wenn ich die öffentlichen Reaktionen auf den Film erlebe.
Ihrer Figur wird in dem Film eine sehr eigene Dimension zugestanden - wie eigenständig haben Sie beim Dreh gearbeitet?
Das war schon ein Zusammenspiel, vor allem mit den Kollegen. Die Eigenständigkeit wurde mir so ein bisschen genommen, weil wir ja doppelt so viel gedreht haben, wie für den Kino-Film nötig gewesen wäre. Parallel dazu wurde noch ein TV-Zweiteiler produziert – so dass ich beim Dreh überhaupt nicht übersehen konnte, was hinterher dabei rauskommen würde.
Was halten Sie von Koproduktionen dieser Art?
Es ist schwierig. Denn ich überlege mir natürlich einen Bogen für eine Figur, und habe das Gefühl, wir machen einen Kinofilm. Und dann stelle ich irgendwann fest, die Hälfte davon wird überhaupt nicht zu sehen sein - ich weiß aber auch nicht, welche Hälfte. Ich hatte es einfach nicht in der Hand, ich konnte nur versuchen, in jeder Situation möglichst alles zu geben.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Sophie Diesselhorst.
Foto: Picture Alliance










